ArchivDeutsches Ärzteblatt27-28/2016Kinderschutz: Gewalt in der Erziehung wird seltener

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Kinderschutz: Gewalt in der Erziehung wird seltener

Osterloh, Falk

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Neue Zahlen belegen, dass sich die Haltung zu gewaltfreier Erziehung in der Bevölkerung geändert hat. Zugleich bleibt die Anzahl der Kindesmisshandlungen in Deutschland auf einem hohen Niveau. Kinderärzte fordern mehr Zeit, um sich mit den betroffenen Familien befassen zu können.

Eine Ohrfeige als Teil der Kindeserziehung halten heute 17 Prozent der Deutschen für unproblematisch – vor elf Jahren waren es noch 50 Prozent. Foto: iStockphoto
Eine Ohrfeige als Teil der Kindeserziehung halten heute 17 Prozent der Deutschen für unproblematisch – vor elf Jahren waren es noch 50 Prozent. Foto: iStockphoto

Die Deutschen erziehen ihre Kinder heute gewaltfreier als vor elf Jahren. Im Jahr 2005 waren gut drei Viertel der Deutschen der Ansicht, ein Klaps auf den Po des Kindes sei in Ordnung. Heute ist nur noch knapp die Hälfte der Deutschen dieser Meinung. Das geht aus einer Umfrage hervor, deren Ergebnisse Prof. Dr. med. Jörg M. Fegert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Mitte Juni auf der Jahrespressekonferenz des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) in Berlin vorstellte.

Zudem meinten vor elf Jahren
54 Prozent der Befragten, eine leichte Ohrfeige sei in der Kindeserziehung unproblematisch. Heute sagten dies Fegert zufolge nur noch 17 Prozent. Eine Tracht Prügel mit Bluterguss müsse manchmal sein, meinten damals 1,9 Prozent. Heute sind es nur noch 0,1 Prozent. Die Daten aus dem Jahr 2005 hatte der Prof. Dr. iur. Kai-D. Bussmann im Auftrag des Bundesjustizministeriums erhoben.

In der Allgemeinbevölkerung habe sich die Haltung in der Erziehung verändert, erklärte Fegert. Die Mehrheit lehne heute harte Körperstrafen ab. „Das ist sehr wichtig für die Prävention. Denn so gibt es eine höhere Sensibilität innerhalb der Bevölkerung“, betonte er. Der Bussmann-Report war 2005 entstanden, um die Auswirkungen des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung zu untersuchen. Mit diesem Gesetz wurde im Jahr 2000 das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung verankert. „Viele haben damals von Symbolpolitik gesprochen“, meinte Fegert. Heute sehe man, dass sich doch etwas verändert habe.

Diese Entwicklung steht den nach wie vor hohen Zahlen des Kindesmissbrauchs in Deutschland gegenüber, die das Bundeskriminalamt Anfang Juni vorgestellt hat. Demnach wurden im Jahr 2015 3 900 Kinder körperlich misshandelt und knapp 14 000 Kinder erlitten sexuelle Gewalt. „Es gibt noch einen Hochrisikobereich“, erklärte Fegert die Diskrepanz. „Aber wenn sich in der gesamten Bevölkerung die Haltung ändert, schauen viele nicht mehr so leicht zu, wenn sie sehen, dass ein Kind von seinen Eltern geschlagen wird.“ In dem Kernbereich etwas zu verändern, sei allerdings sehr schwer.

?Das vor fünf Jahren verabschiedete Bundeskinderschutzgesetz sollte unter anderem die Zusammenarbeit zwischen der Jugendhilfe und den Kinder- und Jugendärzten verbessern. Die Bilanz fällt gemischt aus. „Das Gesetz hat uns bei der Schweigepflicht massiv entlastet. Wenn es uns nicht gelingt, die Eltern von einer Mitarbeit zu überzeugen, können wir uns ans Jugendamt wenden“, sagte Fegert.

„Wir Ärzte brauchen allerdings einen festen Ansprechpartner in der Jugendhilfe, der das Unterstützungsangebot koordiniert“, forderte der Präsident des bvkj, Dr. med. Thomas Fischbach. „Und wir brauchen Rückmeldungen darüber, was aus unseren Patienten geworden ist, um die sich die Jugendhilfe kümmert.“

Verbesserte Kompetenz

Fischbach erklärte, dass Ärzte ihre Kompetenz verbessern müssten, wenn es um das Erkennen von Kindesmisshandlungen und Vernachlässigungen gehe. Das müsse im Studium beginnen und sich in der Weiterbildung vervollständigen. Eine entsprechende Regelung werde in der neuen Weiterbildungsordnung verankert sein, die aber vielleicht nicht vor 2019 in Kraft trete. „Wir haben noch Nachqualifizierungsbedarf, aber wir brauchen auch Zeit, um uns mit den betroffenen Familien zu befassen“, sagte Fischbach. „Hier geht es um komplexe Probleme, die ich nicht zwischen Tür und Angel besprechen kann. Und wir brauchen Geld für diese Leistung – wir können das nicht für umsonst machen.“

Falk Osterloh

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