EDITORIAL

Strukturreform der ambulanten Psychotherapie: Erkennbare Kompromisse

PP 15, Ausgabe Juli 2016, Seite 289

Bühring, Petra

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Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hat fristgerecht am 16. Juni die vom Gesetzgeber verlangte Strukturreform der ambulanten Psychotherapie beschlossen, festgelegt in weitreichenden Änderungen der Psychotherapie-Richtlinie (siehe Seite 295). Die Versorgung psychisch Kranker flexibilisieren und verbessern werden dabei sicherlich die neuen Elemente der psychotherapeutischen Sprechstunde und der Akutbehandlung. Nicht gelungen ist hingegen die Aufteilung der Kurzzeittherapie (KZT) in zwei Therapieabschnitte à zwölf Stunden, statt wie bisher 25 Stunden am Stück.

Die psychotherapeutische Sprechstunde ist ein Versorgungselement, das in den letzten Jahren beständig von allen Seiten gefordert wurde und das nach wie vor begrüßt wird. Ein sehr sinnvolles Element, um zeitnah – ohne lange Wartezeiten – abklären zu lassen, ob eine psychische Störung vorliegt oder ob Selbsthilfe oder -beratung ausreicht. Zwei Stunden pro Woche soll die Sprechstunde künftig mindestens umfassen, so der G-BA-Beschluss, aber – und das ist überraschend – die Einführung ist für Psychotherapeuten freiwillig. Darauf haben sich der GKV-Spitzenverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) im G-BA verständigt, gegen die Stimmen der Patientenvertreter. Letztere befürchten ein „Nadelöhr“ für die Versorgung, weil die Sprechstunde für die Patienten nämlich verpflichtend ist. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer hofft, dass ausreichende Anreize die meisten von der Einrichtung einer Sprechstunde überzeugen werden. Die könnten in einer angemessenen Vergütung liegen, oder in einem unattraktiven Alternativszenario: Letztlich müssen auch die Therapeuten, die keine Sprechstunde anbieten, 150 Minuten pro Woche persönlich oder durch Praxispersonal telefonisch erreichbar sein.

Doch bei aller Euphorie für die Sprechstunde: Mehr Therapieplätze werden dadurch nicht entstehen – offensichtlicher wird jedoch der Bedarf. Wenn derjenige, der einen Therapiebedarf festgestellt hat, keinen Platz anbieten kann, soll er den Patienten auffordern, sich an die Servicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen zu wenden, die dann – ab April 2017 – innerhalb von vier Wochen einen Therapieplatz anbieten oder sonst eine ambulante Behandlung im Krankenhaus finden müssen.

Die Zweiteilung der Kurzeittherapie in zwei Abschnitte à zwölf Stunden ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass der GKV-Spitzenverband zumindest ein kleines Element des starren Stufenkonzepts von Zeitkontingenten retten wollte, mit dem er in die Verhandlungen mit der KBV eingetreten ist. Die verbindlichen Kontingente sollten Verkürzungen bewirken, also Kosten sparen. Erkennbar wurde aber, dass das im Herbst 2013 vorgestellte Konzept der Kassen mit dem Gesetzesauftrag nach Flexibilisierung völlig unvereinbar war. Zudem stellte die Studie der KBV zur psychotherapeutischen Versorgung von 2014 (PP 3/2014) fest, dass 65 Prozent der Kurzzeittherapien sowieso vor der 25. Stunde beendet werden, und sich die Therapiedauer nach dem individuellen Behandlungsbedarf richtet und nicht nach den genehmigten Kontingenten. Übrig geblieben ist jetzt ein relativ sinnfreies Konstrukt: Eine neue Bewilligungshürde, die den Patienten verunsichert, was wiederum Einfluss auf die Wirksamkeit haben kann. Kosten spart das sicher nicht.

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