THEMEN DER ZEIT

Psychotherapeuten mit Handicap: Anders und einzigartig

PP 15, Ausgabe Juli 2016, Seite 316

Sonnenmoser, Marion

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Psychotherapeuten mit Behinderung machen einer Studie zufolge mehr positive als negative zwischenmenschliche Erfahrungen. Viele Patienten schätzen ihre Authentizität, ihren Mut und ihre behinderungsspezifischen Erfahrungen.

Oftmals suchen sich Patienten mit Handicap gezielt einen Psychotherapeuten mit demselben aus. Foto: Fotolia/Photographee.eu
Oftmals suchen sich Patienten mit Handicap gezielt einen Psychotherapeuten mit demselben aus. Foto: Fotolia/Photographee.eu

Wenn ein Psychotherapeut nicht sehen kann, im Rollstuhl sitzt oder ein anderes Handicap hat: Wie wirkt sich dies auf ihn und seine Tätigkeit aus? Diese Frage stellte die amerikanische Journalistin Lorna Collier aus Chicago (USA) sechs Psychologen und Psychotherapeuten mit Handicap. Zwei Befragte waren gelähmt und saßen im Rollstuhl, ein Befragter war blind, eine Befragte litt unter psychischen Störungen (Depression, PTBS, Borderline-Persönlichkeitsstörung), einem Befragten fehlten seit seiner Geburt beide Beine und ein Arm und eine weitere Befragte hatte die Glasknochenkrankheit.

Innerlich stärker als zuvor

Die Psychotherapeuten mit Handicap berichteten übereinstimmend, dass sie sich nicht als „behindert“, sondern als „anders“ und „einzigartig“ empfanden. Einige fühlten sich glücklicher und optimistischer als vor ihrer Behinderung. Psychotherapeuten, die mit Handicap geboren wurden, setzten sich gegen viele Hindernisse durch und verwirklichten sich ihren Traum, Psychotherapeut zu werden. Sie bewiesen dabei viel Durchhaltewillen, Stärke und Widerstandskraft. Psychotherapeuten, die ohne Handicap geboren und durch einen Unfall oder eine Krankheit körperlich oder psychisch beeinträchtigt worden waren, durchlitten in der Anfangszeit mit Handicap eine oder mehrere schwere Krisen. Sie konnten sich aber davon erholen und ihr Handicap akzeptieren. Es gelang ihnen, für sich Bedingungen zu schaffen, die ihnen eine zufriedenstellende Ausübung ihres Berufs ermöglichten. Mittlerweile fühlen sie sich innerlich stärker als je zuvor und möchten die Erfahrung des inneren Wachstums an einem Handicap auch an ihre Patienten weitergeben.

Im Berufsleben von Psychotherapeuten ist ein Handicap mit Vor- und Nachteilen verbunden. Zu den Vorteilen gehört, dass die betroffenen Psychotherapeuten sich gut in ihre Patienten einfühlen und ein umfassendes Verständnis für sie entwickeln können, weil sie wissen, wie es ist, mit Problemen, Behinderungen und Hindernissen zu leben. Das macht sie für viele Patienten so glaubwürdig, dass diese sich gezielt Psychotherapeuten mit Handicap auswählen. Es sind oft Patienten, die ebenfalls ein Handicap oder dasselbe Handicap wie der Psychotherapeut haben. Denn sie schätzen die Sichtweisen von Therapeuten, die mit ähnlichen Problemen wie sie zu kämpfen haben und über andere und speziellere Erkenntnisse und Einblicke in das Leben mit Handicap verfügen als die nichtbehinderten Kollegen.

Therapeutischer Nutzen

Ein weiterer Vorteil besteht darin, dass sich ein Handicap therapeutisch nutzen lässt. Viele Psychotherapeuten klären ihre Patienten zu Beginn einer Behandlung über ihr Handicap auf. Sie erläutern kurz die Art ihrer Behinderung, die Ursachen und ihr Lebensgefühl. Sie gehen außerdem auf Einschränkungen ein, sofern sie die therapeutische Behandlung betreffen. Diese Aufklärung dient dazu, beim Patienten Ängste, Hemmungen und Vorurteile abzubauen, unausgesprochene Fragen zu beantworten und Regeln oder besondere Bedingungen in Bezug auf das Handicap abzuklären. Sie trägt außerdem dazu bei, Offenheit und Vertrauen zwischen Patient und Psychotherapeut herzustellen. Psychotherapeuten mit Handicap sprechen aber auch während der Psychotherapie gelegentlich und meist spontan über ihre Behinderung. Diese Selbstoffenbarung dient unter anderem dazu, Impulse zu setzen und einem therapeutischen Gespräch die gewünschte Wendung zu geben, die therapeutische Beziehung zu intensivieren, dem Patienten Einsichten zu ermöglichen oder ihm Hoffnung zu vermitteln.

Zu den Nachteilen von Handicaps zählen die Ängste und Vorurteile, die Patienten und andere Menschen haben und die zu Ablehnung führen können. Darüber hinaus haben Patienten oft Hemmungen, einen Psychotherapeuten auf sein Handicap anzusprechen, oder sie sind verwirrt und verunsichert, weil ihnen nicht klar ist, welche Auswirkungen das Handicap auf sie und ihre Behandlungen hat. Über ein Handicap zu sprechen ist zudem immer noch in vielen Bereichen tabuisiert. Auch werden Menschen mit Handicap nicht selten diskriminiert und benachteiligt. Das zwingt betroffene Psychotherapeuten in manchen Situationen dazu, es zu verschweigen, sofern das Handicap nicht offensichtlich ist. Es ist für sie auch nicht immer ganz einfach – vor allem zu Beginn ihrer Berufstätigkeit –, mit behinderten Patienten richtig umzugehen oder über das eigene Handicap zu sprechen, denn sie wurden dafür in der Regel nicht ausgebildet. Darüber hinaus gibt es zahlreiche praktische Einschränkungen. Zum Beispiel erhalten Personen mit Handicap oft Sitzplätze in abgesonderten Bereichen, wodurch sie sich ausgeschlossen und isoliert fühlen. Viele Gebäude und Räume sind zudem nicht behindertengerecht eingerichtet, so dass sie für Personen mit Handicap unerreichbar sind.

Antidiskriminierungsgesetz

Nach Meinung der befragten Psychotherapeuten hat sich ihre Situation seit Einführung des „Americans with Disabilities Act“ (ADA) vor 25 Jahren merklich verbessert. Der ADA soll die Benachteiligungen aus Gründen einer Behinderung beseitigen und den Betroffenen die gleichen Zugangsmöglichkeiten zu Lebensbereichen ermöglichen wie Nichtbehinderten. Die betroffenen Psychotherapeuten berichteten, dass es heute einfacher und selbstverständlicher sei, mit Handicap zu studieren, eine Psychotherapeutenausbildung zu absolvieren und als solcher tätig zu sein als früher. Denn dank des ADA seien Bevölkerung, Ausbildungsstätten, Arbeit-geber und Patienten besser informiert, sensibler und toleranter gegenüber Behinderungen und intoleranter gegenüber Diskriminierung. Auch dass immer mehr Gebäude und Räume behindertengerecht ausgestattet würden, erleichtere ihnen die Berufstätigkeit und den Alltag. Erfreulich sei darüber hinaus, dass sie insgesamt mehr positive als negative zwischenmenschliche Erfahrungen im Zusammenhang mit ihrem Handicap machten.

Es gibt aber auch noch manches zu verbessern. Beispielsweise wächst die Zahl der Menschen mit Handicap in der Bevölkerung – unter anderem aufgrund der demografischen Entwicklung. Aus diesem Grund besteht ein großer Bedarf an Psychologen und Psychotherapeuten, die Experten für Behandlungen sind, in denen das Handicap des Patienten eine Rolle spiele. Außerdem bestehen immer noch viele Vorbehalte und Hindernisse für behinderte Menschen, die Psychotherapeut werden wollen. „Daher gibt es viel zu wenige Psychotherapeuten mit Handicap“, sagt die klinische Psychologin Erin Andrews von der Austin Outpatient Clinic (Texas, USA). Sie fordert, dass Schüler und Studenten mit Handicap ermutigt werden, eine höhere Ausbildung zu absolvieren, Psychologie zu studieren und eine Ausbildung zum Psychotherapeuten zu machen. Dies sollte von Staat und Gesellschaft aktiv gefördert werden. Darüber hinaus sollte das Thema in der Ausbildung von Psychologen und Psychotherapeuten verankert werden.

Die von Collier befragten Psychotherapeuten wollen vermitteln, dass man auch mit Handicap ein erfüllendes Privat- und Berufsleben führen kann. Es ist ihnen ein Anliegen, dass nicht nur offensichtliche und körperliche, sondern auch mentale und psychische Erkrankungen und Beeinträchtigungen als Handicap anerkannt werden. Sie hoffen darauf, dass durch ihre Arbeit und ihr Vorbild immer mehr Bewusstheit und Akzeptanz in der Bevölkerung gegenüber Menschen mit Handicap und für die Anerkennung menschlicher Vielfalt geschaffen wird.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

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