ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2016Cybermobbing-Prävention: Deutschland im unteren Mittelfeld

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Cybermobbing-Prävention: Deutschland im unteren Mittelfeld

PP 15, Ausgabe Juli 2016, Seite 320

Gießelmann, Kathrin

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SOS-Mobbing-Button für Social Media Plattformen. Quelle: ARAG SE
SOS-Mobbing-Button für Social Media Plattformen. Quelle: ARAG SE

Projekte an Schulen zum Thema Cybermobbing sind hierzulande eher die Ausnahme. Experten einer internationalen Umfrage fordern die Politik und Provider von sozialen Netzwerken zum Handeln auf. Ohne verbindliche Regeln geht es nicht.

Beleidigt, bloßgestellt, bedroht oder verleumdet, das Ganze mit dem Smartphone dokumentiert und online gestellt. Diese Erfahrung machen immer mehr Kinder und Erwachsene. Jeder vierte Jugendliche im Alter von 14 Jahren war bereits Opfer von Cybermobbing. Zwar geben nur acht Prozent der Erwachsenen an, selbst Opfer von Cybermobbing-Attacken geworden zu sein. Etwa jeder fünfte hat aber bereits bei anderen solche digitalen Übergriffe beobachtet, so die Ergebnisse großer Studien.

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Gesundheitliche Folgen bleiben nicht aus: „Etwa 20 Prozent der Opfer leiden unter dauerhaften psychosomatischen Störungen und haben Suizidgedanken“, sagte Dr. Catarina Katzer, Leiterin des Instituts für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln, und beruft sich dabei auf eine Studie von YouGov und Vodafone. Sie leiden an Kopfschmerzen, Bauch- oder Rückenschmerzen oder Schlafstörungen. Cybermobbing ist daher auch ein Thema, mit dem sich das Gesundheitssystem befassen sollte.

Cybermobbing wird mobiler

Zu den Ursachen und wie man den Trend stoppen kann, wurden im internationalen ARAG Digital Risks Survey 64 führende Wissenschaftler befragt. Sie kamen aus den USA, Großbritannien und Norwegen, Polen, den Niederlanden sowie aus Italien und Spanien.

Den meisten Cybertätern mangelt es an digitaler Empathie, sie unterschätzen oder missachten die Auswirkung ihrer Handlungen im Netz. Dieser Meinung sind 88 Prozent der befragten Wissenschaftler. Dabei werden die Opfer immer jünger. „Alles fängt an mit dem Besitz eines Smartphones und das erhalten Kinder heutzutage bereits im Kindergarten“, so Katzer. Cybermobbing wird daher immer mobiler. Das Smartphone entwickelt sich zu einem „Smart weapon“, wie 93 Prozent der befragten Wissenschaftler bestätigen.

Mittelmäßige Prävention

An erster Stelle bemängelt die Studie des Versicherungsunternehmens die lückenhafte Prävention an Schulen. Diese sei in allen Ländern überwiegend mittelmäßig. In manchen Ländern bewerten die Experten den Präventionsstatus sogar als gering bis kaum vorhanden. In Sachen Prävention schneidet Großbritannien am besten ab, schließlich existiert hier seit 2002 ein „education act“, der alle Schulen verpflichtet, gegen Bullying – der englische Begriff für Mobbing – vorzugehen.

Auch Norwegen hat bereits vor zehn Jahren eine Verpflichtung für Schulen eingeführt, und die Niederlande haben 2015 per Gesetz alle Schulen verpflichtet, eine dauerhafte Cybermobbing-Prävention durchzuführen. „Den Erfolg dieser Maßnahmen können wir anhand der geringeren Cybermobbing-Prävalenz von drei bis vier Prozent in Norwegen deutlich sehen“, so Katzer.

„Deutschland hingegen befindet sich in Sachen Prävention nur im unteren Mittelfeld“, bemängelte die Studienleiterin. Eine frühere Umfrage unter 10 000 Eltern, Lehrkräften und Schülern aus dem Jahr 2013 hatte ergeben, dass nur 16 Prozent der Schulen ausführlich über Cybermobbing informieren und zehn Prozent Peer-to-peer-Projekte anbieten. „Wir benötigen auch hierzulande ein flächendeckendes Präventionsmanagement, um Cybermobbing-Fälle zu reduzieren“, forderte Katzer. Derzeit habe Deutschland ausschließlich einzelne Leuchtturmprojekte an Schulen. Ohne verpflichtende Regeln und Kontrolle durch die Politik und Gesetze sieht Katzer allerdings keine Chance für einen flächendeckenden Erfolg. Fast 80 Prozent der befragten Experten stimmen zu.

Unterstützung erwarten die Experten auch von der Industrie. Sie fordern Social Media Provider auf, einen obligatorischen SOS-Button auf ihren Websites bereitzustellen, damit Betroffene mit einem Klick Hilfe in Anspruch nehmen und Mobbingfälle melden können. „Die Politik sollte Firmen, die sich mit Produkten gezielt an Kinder richten, verpflichten, Kinderschutzstandards zu erfüllen“, so Julia von Weiler, Geschäftsführerin von Innocence in danger. Im Zusammenhang mit dem Persönlichkeitsrecht fordert auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Bundesjustizministerin a. D., dass Firmen mit marktbeherrschender Stellung, wie google oder facebook, ihren Verpflichtungen nachkommen und das Thema Cybermobbing stärker in Angriff nehmen.

Kathrin Gießelmann

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