ArchivDeutsches Ärzteblatt PP7/2016Paula Heimann: Fast eine Retterin der Psychoanalyse

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Paula Heimann: Fast eine Retterin der Psychoanalyse

Moser, Tilmann

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1933 als Jüdin aus Deutschland vertrieben, nachdem sie von der SS mitten aus einer Behandlungsstunde heraus verhört worden war, kam Paula Heimann trotz eines verständlichen Zögerns in den 70er und 80er Jahren häufig nach Deutschland zu Vorträgen und Supervisionen, unter anderem mit ihrem umstürzenden Text von 1949 über „Gegenübertragung“. Wer sie hörte, war beeindruckt von ihrer lebendigen, authentischen Persönlichkeit, deren Programm der Haltung in den Behandlungen „Natürlichkeit“ war, statt der damals den Kandidaten und Analytikern antrainierten Steife der emotionalen Haltung: „Viele Kandidaten reagierten befangen und schuldbewusst, wenn ihnen klar wurde, dass sie gegenüber ihren Patienten Gefühle empfanden. Infolgedessen versuchten sie … sich vollständig gefühllos und ‚distanziert‘ zu verhalten.“ Es war die missverstandene Auslegung von Freuds empfohlener Haltung als kühler Chirurg. Hauptsächlich durch sie und einige andere Pioniere wurde die Gegenübertragung aus einer „Störung“ ein Erkenntnisinstrument, wenn der Analytiker die Rolle verstand und nutzte, in die die Patienten ihn in der Übertragung drängten. Noch in London wurde Heimann deshalb von einer Fraktion als Ketzerin verurteilt.

Der theoretische Nachhall in Deutschland war groß, aber es dauerte noch sehr lange, bis ihre Ideen Eingang fanden in die therapeutische Praxis, die noch lange Jahre viele zu „neutral“ und intellektuell deutungszentriert blieb. Trotzdem wurde ihre „Mission“ in der sich langsam reorganisierenden Analyse in Deutschland fruchtbar und mündete in die heute selbstverständliche „intersubjektive“ Haltung der Therapeuten, die ihre eigenen Gefühle nutzen zum Verständnis der Patienten. Es ist die hohe Kunst, die trainiert werden muss, diese oft heftigen Gefühle überhaupt auszuhalten und kreativ zu verwenden, ohne den Patienten mit allzu persönlichen Bekenntnissen zu stören und von der analytischen Arbeit abzulenken.

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Heimann durchlief, auf der mutigen Suche nach ihrer eigenen professionellen Identität, verschiedene Stadien der Orientierung an sich zum Teil bekämpfenden Schulen und schmerzliche Trennungen, bis sie zu ihrer natürlichen Authentizität fand, die so viele Kollegen anregte, beeindruckte und freier machte. Ihre vielseitigen Forschungsleistungen zu zentralen Themen mehrerer Jahrzehnte dokumentiert der umfangreiche Band, der sich immer wieder dankbar wie ein stilistisch brilliantes und doch nüchternes Lehrbuch benutzen lässt. Tilmann Moser

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