MEDIZIN: Diskussion

Androgenresistenzsyndrome - Klinische und molekulare Grundlagen: Nicht die Geschlechtsrolle festlegen

Dtsch Arztebl 1999; 96(27): A-1845 / B-1585 / C-1469

Cardeneo, Hartmut

Zu dem Beitrag von Priv.-Doz. Dr. med. Olaf Hiort, Dr. med. Paul-Martin Holterhus, Prof. Dr. med. Gernot H. G. Sinnecker, Prof. Dr. med. Klaus Kruse in Heft 11/1999
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Die Zusammenstellung war verdienstvoll. Aber mich beunruhigt, daß gleich zweimal in dem Artikel die Gonadektomie empfohlen wird, damit fälschlich als Mädchen eingestufte Kinder auch Mädchen bleiben müssen. Von wem ist "die Virilisierung unerwünscht"?, von der Administration, oder von den Eltern?
Bevor man nicht ein gut informiertes Einverständnis des Patienten selbst einholen kann, darf man als Arzt keine endgültigen Fakten schaffen. Es handelt sich um eine Aufforderung zu einer Operation, die straf- und zivilrechtlich böse Konsequenzen für den Arzt haben könnte, wenn der Patient erwachsen wird. In einer Zeit, in der sich die Medizin große Mühe gibt, bei erwachsenen Personen die Geschlechtsmerkmale an die erwünschte und erlebte Geschlechterrolle anzupassen, darf es keine Indikation für eine Festlegung von Geschlechterrollen im Kindesalter geben.
Man kann nicht davon ausgehen, daß eine Androgenresistenz, die an den primären Geschlechtsmerkmalen in ihrer Wirkung beobachtet werden kann, in derselben Weise auch im Gehirn wirkt. Welchen hormonellen Einflüssen die im ZNS und vermutlich schon in utero entstehende Geschlechterrolle eines Menschen unterliegt, ist wohl noch unbekannt. Dieses Wissen wäre aber unbedingte Voraussetzung im Sinne des nihil nocere, im Kindesalter Festlegungen der Geschlechtsrolle an nicht einwilligungsfähigen Menschen vorzunehmen. Damit aus einem Inter-Sex nicht völlig unnötig ein Null-Sex gemacht wird. Mich erinnert die hier vorgeschlagene Vorgehensweise an die Beschneidung von Mädchen in Afrika: als ein Eingriff, der potentiell geeignet ist, sexuelles Erleben vollständig zu unterdrücken.


Dr. med. Hartmut Cardeneo
Lauterer Straße 6
67697 Otterberg


    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige