ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2016Von Schräg unten: Überraschung

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Überraschung

Dtsch Arztebl 2016; 113(31-32): [108]

Böhmeke, Thomas

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Man kann es einfach nicht. Ich jedenfalls werde mich niemals daran gewöhnen. Es ist eher wahrscheinlich, dass ich auf der Autobahn die Richtgeschwindigkeit einhalte, für das deutsche Reinheitsgebot demonstriere oder beim Europäischen Gerichtshof Klage gegen permanentes Regenwetter im Juni einreiche. Ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, dass die meisten meiner Schutzbefohlenen, sobald sie in meine Nähe kommen, alle Verantwortung abgeben. Grundlegende Informationen, ohne die eine präzise Behandlung unmöglich ist? „Wieso wollen Sie meine Medikamente wissen? Rufen Sie doch den Hausarzt an!“ Berichte über Vorgeschichte, Untersuchungsbefunde, Kranken­haus­auf­enthalte? „Also, wenn Sie das interessiert, dann rufen Sie gefälligst im Krankenhaus an!“ Simple Mitarbeit, ohne die eine differenzierte Therapie nicht zu gestalten ist? „Dass ich Blutdruck messen und gar noch aufschreiben soll, geht entschieden zu weit! Da müssen Sie mich schon in die Klinik einweisen, damit die Krankenschwester das machen kann!“

Sogar dezente Hinweise, dass laut Sozialgesetzbuch der Patient die Kooperation mit seinen behandelnden Ärzten schuldig ist, rauschen dermaßen schnell durch die Ohren, dass ich ernsthaft an meinen Anatomiekenntnissen zweifele und einen interaurikulären Kurzschluss vermuten muss, der Gehörtes prinzipiell nicht an das Gehirn weiterleitet.

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Es erschlägt mich jedes Mal, wenn ich auf vorsichtige Bitten um Mitarbeit derart drastische Abfuhren kassiere. Es macht mich jedes Mal fassungslos, wie desinteressiert die Menschen sind, nicht bereit, minimale Mühen für ihre Gesundheit aufzuwenden. Fassungslos bin ich, da unsere Patienten keinerlei Vorstellung davon haben, welche Grausamkeiten eine Erkrankung mit sich bringen kann.

Die Sache ist ja die: Wir Ärzte haben dies in extenso gelernt, kennen alle dunklen und furchtbaren Facetten, wir wissen um das Leiden und die Verzweiflung. Wir Ärzte können Wege aus der Katastrophe zeigen, können die Erkrankten wieder zurück zur Gesundung leiten, und alles was wir brauchen, ist ein bisschen Kooperation. Wenn diese aber schon zu Beginn abgeschmettert und im Verlauf hartnäckig verweigert wird, so müssen wir ohnmächtig zusehen, wie sich alle schlechten Prognosen bewahrheiten, alle absehbaren Leiden wie Raubtiere über unsere Patienten herfallen. Für mich ist es unerträglich, dies mit ansehen zu müssen, denn es hätte nur wenig Mühe gekostet, all dieses aufzuhalten, die absehbaren Katastrophen zu mildern oder gar zu verhindern.

Warum tun sich das die Menschen an, warum hören Sie nicht zu, was wir Ärzte ihnen sagen?! Schluss jetzt! Statt zu jammern, sollte ich lieber arbeiten. Die Nächste, bitte.

Meine Fachangestellte bringt mir vorab Unterlagen. Und was für Unterlagen! Eine sorgfältig aufgelistete Krankenvorgeschichte, penibel notierte Allergien, säuberlich gelistete Klinikaufenthalte, präzise beschriebenes aktuelles Beschwerdebild. Ich fasse es nicht!

Du lieber Himmel, noch vor Sekunden bin ich über meine Schutzbefohlenen hergefallen, habe sie der Ignoranz bezichtigt, Taubheit unterstellt, über Desinteresse gelästert. Und jetzt so etwas Grandioses, so etwas Vorbildliches!

Mea culpa, mea maxima culpa, ich nehme alles, ja wirklich alles zurück! Verzeiht mir! Voller Demut bitte ich die Patientin in mein Sprechzimmer. „Schön, Sie kennen zu lernen, Herr Kollege Böhmeke!“ Oh. Eine Kollegin. Moment! Ich nehme nichts zurück, gar nichts!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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