ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2016Medizintourismus: Kritik an Vergleichsportalen

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Medizintourismus: Kritik an Vergleichsportalen

Dtsch Arztebl 2016; 113(31-32): A-1452 / B-1226 / C-1206

Mey, Stefan

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Neue Start-up-Unternehmen wollen den Markt für Medizintourismus mit Vergleichsportalen verändern. Doch lassen sich medizinische Behandlungen so leicht vergleichen wie Versicherungstarife?

Wo lasse ich am besten und am günstigsten eine Zahnkrone einsetzen, den Blinddarm entfernen oder gar einen Gehirntumor operieren? Mit ihren Vergleichsportalen wollen das Berliner Start-up-Unternehmen Medigo und das Münchener Pendant Caremondo solche Fragen beantworten und einen wachsenden Markt mit problematischen Strukturen aufrollen.

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Wie viel Geld global im Markt des Medizintourismus fließt, lasse sich kaum schätzen, meint Jens Juszczak, Wirtschaftswissenschaftler und Medizintourismusexperte an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Er hat allerdings Werte für Deutschland ermittelt. Demnach kamen im Jahr 2014 mehr als 250 000 internationale Medizintouristen aus 176 Ländern ins Land. Sie haben dem deutschen Gesundheitssystem Einnahmen von etwa 1,2 Milliarden Euro beschert. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Auslandspatienten dabei verdoppelt. Der weltweit profitable Markt kranke allerdings an seinen Strukturen, erzählt Juszczak. Unter den Patientenvermittlern, die an einer Auslandsbehandlung interessierten Patienten mehr oder weniger geeignete Kliniken in Deutschland empfehlen, gebe es eine zwei- oder höchstens dreistellige Zahl an professionellen Vermittlern.

Viele schwarze Schafe

Auf der anderen Seite gebe es nicht wenige schwarze Schafe in der Branche, die kaum Ahnung von dem eigentlich so sensiblen Thema hätten und die einfach nur auf leichte Art Geld verdienen wollten. Auch hätten Tests gezeigt, dass manche Vermittler Patienten ein Vielfaches des eigentlichen Behandlungspreises in Rechnung stellen. Was dort passiere, sei hochgradig intransparent, so Juszczak.

Hier wollen Start-up-Unternehmen wie Medigo ansetzen. Über eine Suchanfrage können Patienten dabei auf eine Datenbank zugreifen, auf der Krankenhäuser aus aller Welt gelistet sind. Wer beispielsweise „Gehirntumorentfernung“ in das Suchfeld eingibt, erhält 54 Treffer. An oberster Stelle steht die Imed Levante-Klinik im spanischen Alicante. Die Behandlung kostet dort „ab 20 000 Euro“. Auf Platz zwei wird eine Klinik im tunesischen Mahida genannt, deren Preise bei 3 000 Euro beginnen. An sechster Stelle rangiert mit dem Helios Klinikum Berlin-Buch das erste deutsche Hospital. Preis für den Eingriff: ab 14 160 Euro.

Auf den Profilen der Kliniken sind Fotos der jeweiligen Häuser zu sehen, der behandelnden Ärzte sowie angebotene Spezialdienste (etwa Transfers vom und zum Flughafen, Übersetzungs-Services oder kulturelle Reiseprogramme) oder eine Auflistung der angebotenen Behandlungen. Und es gibt Bewertungen durch Patienten, meist sind es allerdings erst ein oder zwei. Interessiert man sich für die Behandlung in einer konkreten Klinik, kann man über ein Webformular das gewünschte Reisedatum angeben, dem Medigo-Team eine Nachricht schreiben und vorliegende ärztliche Dokumente wie Röntgenbilder oder eine Patientenakte hochladen.

Neben diesen Angeboten sei es nicht zu unterschätzen, dass Patienten überhaupt Zugang zu ausländischen Gesundheitssystemen erhielten, meint Jan Schaefer, selbst Mediziner und „Chief Medical Officer“ bei Medigo. „Wenn beispielsweise ein Patient aus Russland in einem deutschen Krankenhaus anruft, um Informationen über eine Behandlung und deren Organisation zu erhalten, kann es schnell sein, dass er an sprachlichen und bürokratischen Hürden verzweifelt.“

Um die Qualität von Behandlungen beurteilen zu können, gebe es bei Medigo ein vierstufiges Modell: Man achte auf anerkannte Zertifizierungen wie ISO oder JCI und frage Maßnahmen zur Qualitätssicherung ab. Man schaue, ob es eine geeignete Infrastruktur für und Erfahrungen mit Medizintouristen gibt. Es werde bewertet, wie schnell und wie ergiebig die Kommunikation über die Plattform abläuft. Und neben den Medigo-Patientenbewertungen analysiere man auch noch andere qualitätsrelevante Informationen, die sich im Internet finden.

In den letzten zwölf Monaten hat Medigo global etwa 18 000 Patienten aus 178 Ländern beraten und vermittelt, erzählt Schaefer. Tendenz steigend. Derzeit hat das Unternehmen 60 Mitarbeiter, die 20 Sprachen sprechen. Mit mehr als 700 Kliniken wurden bislang Kooperationen vereinbart, und 400 Einzelkliniken tauchen derzeit in der Datenbank von Medigo auf, darunter 100 aus Deutschland.

Etwas kleiner ist der Wettbewerber Caremondo, der als Kernleistungen eine kostenlose Suche auf der firmeneigenen Internetplattform, eine persönliche Beratung, das Einholen von Kostenvoranschlägen und Terminbuchungen anbietet. Weitergehende Angebote sind kostenpflichtig, wie Hotel- und Flugbuchungen, Transport, Dolmetschen und Visa-Unterstützung.

Auch Caremondo prüft bei Kliniken die Mitgliedschaft in relevanten Gesellschaften und das Vorliegen von Zertifikaten. Das Qualitätsmanagement werde gesichtet, und es werde geschaut, inwiefern Erfahrung mit internationalen Patienten und die entsprechenden Strukturen bestehen, sagt Veronika Leitermann, Gründerin des Münchner Start-ups. Bisher wurden 7 000 Patienten beim Suchen und Finden einer Behandlung unterstützt. Caremondo ist in 20 Ländern aktiv und hat 26 Mitarbeiter. Aktuell seien 130 Kliniken auf der Plattform gelistet, darunter etwa die Hälfte aus Deutschland.

Der Krankenhausträger Helios arbeitet mit beiden Portalen zusammen; die Häuser tauchen oft in den Ergebnislisten auf. Für eine Bewertung der Zusammenarbeit sei es aber noch zu früh, meint Unternehmenssprecherin Constanze von der Schulenburg: „Die Zusammenarbeit befindet sich noch in der frühen Testphase, und es ist für uns zum jetzigen Zeitpunkt noch überhaupt nicht absehbar, ob und inwieweit die Akquise von Patienten über diesen Weg erfolgreich sein wird. Vermutlich wissen wir in einem halben Jahr mehr.“

Zweifel an Vergleichbarkeit

Und wie gut funktioniert nun der digitale Vergleich von medizinischen Eingriffen? Transparenz und Vergleiche seien prinzipiell immer gut in diesem undurchschaubaren Markt, meint Medizintourismus-Experte Juszczak: Die Frage sei allerdings, ob es sich um tatsächliche Transparenz handle: „Ich weiß als Patient gar nicht, wieso Kliniken in der Trefferliste auftauchen und andere nicht und wieso sie diese oder jene Position innerhalb der Trefferliste bekommen.“

In Deutschland gebe es allein etwa 2 000 Krankenhäuser. Wenn Medigo aber nur einen kleinen Ausschnitt dieser Vielfalt aufliste, darunter auch Arztpraxen, mache ein Vergleich wenig Sinn. Manch klassischer Vermittler habe ein deutlich besseres Portfolio. Juszczak hat den Begriff „Gehirntumorentfernung“ in das Suchfeld eingegeben und sich über die Auswahl der deutschen Häuser gewundert: „Das sind nicht unbedingt die Kliniken, die ich als erste empfehlen würde. Manche der vorgeschlagenen Kliniken verfügen nicht einmal über eine Neurochirurgie.“ Bei einfachen Eingriffen wie Zahnbehandlungen könnten digitale Vergleiche durchaus gut funktionieren, meint er. Je komplexer sie werden, desto schwieriger werde es jedoch.

Spannend findet er die Frage, wie mit solchen Angeboten Geld verdient wird. Das Geschäftsmodell von Online-Vergleichsportalen basiert üblicherweise auf Provisionen. Je höher der Wert des vermittelten Produkts, desto mehr lässt sich verdienen. Im Medizinbereich sei das aber nicht möglich, meint Juszczak: „Für die Vermittlung von Patienten dürfen Kliniken keine Provisionen zahlen. Da gibt es ein klares Urteil des Landgerichts Kiel.“ Es könne aber durchaus ein entstandener Aufwand wie Übersetzungsleistungen abgerechnet werden. Nichtsdestotrotz gebe es immer noch Patientenvermittler und Kliniken, die über das Provisionsmodell abrechnen.

Und was sagen die Start-up-Unternehmen? „Die Kliniken bezahlen unsere für sie erbrachten Servicedienstleistungen wie internationales Online-Marketing, die Qualifizierung von Patientenanfragen, Patientenkommunikation und administrative Serviceleistungen“, erklärt Veronika Leitermann von Caremondo. Und auch Medigo arbeitet Jan Schaefer zufolge in Deutschland nicht über Provisionen: „Wir finanzieren uns über Services, die wir den Patienten direkt anbieten beziehungsweise über Gebühren, die wir von ausländischen Kostenträgern, zum Beispiel von Versicherern, Botschaften oder Unternehmen, für Organisationsdienstleistungen erhalten.“ In anderen Ländern seien Provisionen durchaus üblich. Medigo praktiziere ein solches Abrechnungsmodell jedoch nicht, da man sich als Advokat des Patienten sehe und dies einen Konflikt mit der Beratungsneutralität darstellen würde, sagt Schaefer. Man versuche im Ausland jedoch, volumenbasierte Discounts zu erhalten, die man dann an Patienten und Kostenträger weiterreiche.

Jens Juszczak bleibt dennoch skeptisch: wegen der beschränkten Auswahl, aber auch, weil Medizinbehandlungen schwerer zu vergleichen sind als Handytarife. „Medizinische Eingriffe können sehr komplex sein und hängen stark von individuellen Faktoren ab“, sagt er. „Nicht jeder Patient hat denselben Gesundheitszustand, und auch die Ärzte verfügen über unterschiedliche Kenntnisse und Fertigkeiten. Das stellt hohe Anforderungen an die Vergleichsportale, denen sie heute noch nicht gerecht werden.“

Stefan Mey

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