ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2016Gespräch mit Dr. med. Nahlah Saimeh, ärztliche Direktorin des LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt „Wir müssen unsere Normen und Werte vermitteln“

POLITIK

Gespräch mit Dr. med. Nahlah Saimeh, ärztliche Direktorin des LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie Lippstadt „Wir müssen unsere Normen und Werte vermitteln“

PP 15, Ausgabe August 2016, Seite 350

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Extremistische Anschläge erschrecken Europa. Nahlah Saimeh, Expertin für forensische Psychiatrie über Täterstrukturen, Radikalisierungsprozesse und Möglichkeiten der Intervention.

Die Terroranschläge und Attentate mit islamistisch motiviertem Hintergrund ereigneten sich Schlag auf Schlag: Nizza, Würzburg, Ansbach. Neben der
extremistischen Radikalisierung mussten als Begründung für die schrecklichen Taten auch psychische Erkrankungen herhalten: ein depressiver Familienvater in Nizza, ein traumatisierter minderjähriger Flüchtling in Würzburg. Dr. med. Nahlah Saimeh, ärztliche Direktorin des LWL-Zentrums für Forensische Psychiatrie Lippstadt, hat viel Erfahrung mit psychisch kranken Straftätern. Sie versucht im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt, mögliche Täterstrukturen für extremistische Gewalt im Allgemeinen aufzuzeigen.

„Terrorismus zu psychiatrisieren heißt auch, die Taten in ihrer Bedeutung abzuschwächen“, sagt Nahlah Saimeh.
„Terrorismus zu psychiatrisieren heißt auch, die Taten in ihrer Bedeutung abzuschwächen“, sagt Nahlah Saimeh.
Anzeige

„Bei schizophrenen Psychosen kennen wir das Phänomen, dass Themen, die in der Gesellschaft virulent sind, auch in psychotische Denkinhalte übernommen werden – gegenwärtig das Thema ,Islamischer Staat‘“, sagt Saimeh. „Und das kann schließlich handlungswirksam werden.“ Unter den extremistisch motivierten Tätern gebe es Menschen mit dissozialen Persönlichkeitsstörungen, die gewalt- und aggressionsbereit seien, paranoide Persönlichkeiten und solche mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen. „Gerade letztere kann junge Männer anfällig für eine Radikalisierung machen, weil diese Störung nur ein Schwarz-Weiß-Denken kennt.“ Darüber hinaus gebe es Menschen, die nicht per se gewaltbereit seien, sondern die sich
kontextbezogen radikalisierten, weil sie sich gegen Probleme in der Gesellschaft auflehnen wollen.

Eine große Rolle in der therapeutischen De-Radikalisierungsarbeit spiele, die eigentlichen Bedürfnisse der Betroffenen herauszufinden, erklärt die Psychiaterin. „Um welche Frustration, Wut, welches Gefühl der Benachteiligung geht es eigentlich im subjektiven Erleben von Menschen, die eine extremistische Orientierung gewählt haben.“ Bei persönlichkeitsstrukturellen Problemen sei es zudem notwendig, den Selbstwert anders zu besetzen.

Für psychisch kranke Flüchtlinge müsse das Gesundheitssystem darüber hinaus mehr psychiatrische und psychotherapeutische Angebote bereitstellen, vor allem mehr traumatherapeutische Angebote, fordert Saimeh. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – wie der Attentäter von Würzburg – seien in einer psychosozialen Extremsituation: „Sie sprechen die Sprache nicht, sind meist sozial vereinzelt, wissen die sozialen Kodes nicht zu dechiffrieren, haben einen völligen Bruch in der Biografie erlebt und sind möglicherweise traumatisiert.“ Das seien extreme Belastungen, die das Risiko für psychotische Erkrankungen erhöhten. „Dabei kann durchaus auch das Risiko für Gewalttätigkeit steigen“, erklärt Saimeh.

Darüber hinaus sieht die Psychiaterin die Integration von Flüchtlingen als gesamtgesellschaftliche, politische Aufgabe, die dort ansetzen müsse, „unsere Normen und Werte zu erklären“, um echte Teilhabe zu ermöglichen. „Die Idee von vielen Flüchtlingen, dass man in unserer Gesellschaft alles tun und lassen kann, was man will, ist ja falsch“, betont sie. Bildung sei deshalb unerlässlich, um diese Normen und Werte zu vermitteln.

Terrorismus generell, so Saimeh, sollte nicht psychiatrisiert werden. „Das hieße auch, die Taten in ihrer Bedeutung abzuschwächen, sie zu bagatellisieren.“ Aufgabe der Medizin sei die Bekämpfung von Krankheiten; die Bekämpfung von Terror hingegen sei eine globale politische und gesellschaftliche Aufgabe. Die Psychiatrie dürfe politische Überzeugungen, und seien sie noch so extrem, nicht zur Krankheit erklären. Dies sei zur Genüge aus Diktaturen bekannt.

Petra Bühring

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema