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Suizidprävention: Welche Interventionen am besten helfen

PP 15, Ausgabe August 2016, Seite 378

Gießelmann, Kathrin

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Wie gut diverse Maßnahmen der letzten zehn Jahre geholfen haben, Suizide zu vermeiden, wurde in einer Übersichtsarbeit in The Lancet Psychiatry publiziert. Die Autoren bedienten sich ähnlicher Methoden wie bei der letzten großen Präventionsanalyse aus dem Jahr 2005 von Mann et al. Als gesicherte antisuizidale Methode gilt nun auch der eingeschränkte Zugriff auf Mittel, die der Selbsttötung dienen. Diese Strategie sollte laut der Autoren in nationale Präventionsprogramme aufgenommen werden und in Kombination mit anderen wirksamen Mitteln zum Einsatz kommen.

18 internationale Suizidexperten haben fast 2 000 Studien aus den Jahren 2005 bis 2014 identifiziert, 164 davon als relevant eingestuft und ausgewertet. Sie befassten sich mit mehreren Interventionsstrategien. Davon hatten folgende Maßnahmen einen nachweisbaren positiven Effekt, das heißt sie vermochten die Suizidhäufigkeit zu reduzieren oder auch die Gedanken daran:

  • eingeschränkter Zugang zu Su-izid-Hotspots wie etwa Brücken,
  • eingeschränkter Zugriff auf Waffen, Schmerz- und Schlafmittel, Pestizide,
  • Aufklärungsarbeit an Schulen,
  • Clozapin und Lithium,
  • medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung von Depressionen,
  • speziell ausgebildete Allgemeinmediziner

Unzureichende Hinweise auf eine Reduktion der Selbsttötung lagen hingegen vor für Screenings in der Erstversorgung, Medienrichtlinien, Internet- oder Telefonseelsorge. Eine Weiterbildung der Öffentlichkeit durch Kampagnen mündete zwar in vermehrten Anrufen bei Seelsorgehotlines, jedoch nicht in nachweislich weniger Suiziden. Eine einzelne Studie zeigte jedoch, dass in einer Subgruppe homosexueller Männer weniger Selbstmordgedanken auftraten. Hier bedarf es weiterer Studien.

Befinden sich Schusswaffen im Haushalt, steigert das die Suizidrate um das 3,2-fache (OR 3,24, 95 % CI 2,41–4,40). Jedoch konnte in den USA keine einheitliche Auswirkung einer stärkeren gesetzlichen Waffenkontrolle nachgewiesen werden. Einen klaren Erfolg konnten die Autoren beim erschwerten Zugang zu sogenannten Selbstmord-Hotspots erkennen, etwa durch Zäune oder Netze auf Brücken. Seit 2005 sind auf diese Weise Selbstmorde um 86 Prozent zurückgegangen. Ein anderes Mittel, das sich gut durch eingeschränkten Zugriff kontrollieren lässt, sind Schmerzmittel. Gleich mehrere Studien aus Großbritannien zeigen, dass weniger Tabletten pro Packung und der Entzug der Zulassung des verbreiteten Schmerzmittels Co-Proxamol die Anzahl der Suizidfälle seit 2005 etwa um 43 Prozent gesenkt haben.

Seit 2005 konnten nun die ersten kontrollierten Studien zur Wirksamkeit von schulischen Aufklärungsprogrammen ausgewertet werden. Sie vermochten die Häufigkeit von Suizidversuchen (OR 0,45, 95 % CI 0,24–0,85) und Suizidgedanken (OR 0,5, 0,27–0,92) zu halbieren.

Auch die Medikamente Clozapin und Lithium wirken nachweislich einer Selbsttötung entgegen, wahrscheinlich aber weniger effektiv als bisher vermutet. Eine Studie, die die Medikamente Lithium mit Valproat bei Gemütsstörungen verglich, macht den schützenden Effekt von Lithium sichtbar; womöglich indem es die Aggresivität und Impulsivität zügelt. Valproat könnte ähnliche Effekte bei Patienten mit bipolarer Störung haben. Bei Depressionen raten die Studienautoren dazu, sich als erste Wahl nach den Leitlinien zu richten und Fluoxetin als Mittel erster Wahl in Erwägung zu ziehen. Antidepressiva vermochten in den ausgewerteten Studien das Suizidrisiko bei Menschen über 75 Jahren zu senken und bei Kindern wie Erwachsenen Selbtsmordgedanken zu reduzieren. Zu Clozapin liegt eine Metaanlyse mit anti-suizidalem Effekt bei Schizophreniepatienten vor. Kürzlich publizierte Studien weisen darauf hin, dass Risperidon oder Olanzapin eine vergleichbar gute Wirkung haben könnten.

Gemeinschafts- und Familienbasierende Interventionen können bei schwer psychisch Kranken Suizide nicht verhindern. Dennoch sollten sie angewandt werden, um die Therapie zu unterstützen. Gerade bei alten Menschen ist dieser Ansatz bei Depressionen hilfreich. In wieweit Allgemeinmediziner mit einer speziellen Fortbildung suizidgefährdete Patienten erkennen und die entsprechende Therapie einleiten können, muss in weiteren Studien ausgewertet werden.

Jährlich nehmen sich etwa 800 000 Menschen weltweit das Leben, was 1,4 Prozent der Todesfälle ausmacht. Hinzu kommen 20 bis 30-mal so viele Suizidversuche. Unter jungen Menschen im Alter von 15 bis 29 ist Selbsttötung die zweithäufigste Todesursache. Auf ihr Konto gehen jährlich mehr Todesfälle als durch Kriege und Morde zusammengenommen. gie

Zalsman G, Hawton K, Wasserman D, et al: Suicide prevention strategies revisited: 10-year systematic review. The Lancet psychiatry. Published online July 2016. dx.doi.org/10.1016/S2215–0366(16) 30030-X

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