ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2016Lorenz Zellner: Glaube an die Veränderbarkeit der Verhältnisse

BÜCHER

Lorenz Zellner: Glaube an die Veränderbarkeit der Verhältnisse

Moser, Tilmann

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Vor 20 Jahren schrieb der vormals begeisterte Seelsorger Lorenz Zellner nach seinem Berufswechsel zum Psychotherapeuten ein faszinierendes Buch mit dem Titel „Gottestherapie“. Durch seine Praxis mit einer Patientenklientel von vorwiegend Kirchen- und Theologiegeschädigten fiel ihm auf, dass die meisten mit einem düstern, strengen und drohenden Gottesbild aufgewachsen waren. Dabei machte er klar, dass sie, wenn sie haderten oder litten, nicht einen „realen“ kirchlichen oder biblischen Gott meinten, sondern sein inneres Bild in ihnen, oder das, was man in psychoanalytischer Sprache ein „Introjekt“ nennt, also einen Niederschlag von ehemals wichtigen, positiven wie in diesem Fall negativen, lebensschädigenden Personen oder Gestalten. Es ging ihm also darum, dieses Gottesbild aufzuhellen, weniger belastend zu machen, oder therapeutisch gesprochen, es zu entneurotisieren.

Nun erscheint von dem über 80-Jährigen ein neues Buch als theologisch-autobiografische Bilanz seines Lebensweges vom Entschluss des zwölfjährigen Schülers bis zum Berufswechsel vom Priester zum Therapeuten nach einem schweren Zusammenbruch nach 25 Jahren im priesterlichen Amt. Der zunächst seltsam anmutende, fast unverständliche Titel „Rückrufaktion Apokalyptik“ wird ausführlich erklärt: Zurzeit Jesu herrschte eine weitverbreitete Vision vom und Ängste vor dem Weltuntergang, mit all den Mahnungen und Drohungen, wie man sich am besten darauf vorbereitet, denn auch im Neuen Testament und in den Paulusbriefen gilt mahnend das Reich Gottes immer noch als nahe bevorstehend.

Anzeige

Diese sowohl Verlockung wie Drohung hat auch in die christliche Sündenlehre und die Strafvorstellung direkt und indirekt Eingang gefunden und Ängste gefördert, und Zellner weist nach, wie sehr die Drohung in der Kirchengeschichte weitergewirkt hat, in manchen Aspekten bis heute. Diese Theologie hat auch Zellners Lebensweg in das Priesteramt und aus ihm heraus in die systemische Psychotherapie bestimmt. Mit seiner ergreifend geschriebenen Biografie wird er ein Zeitzeuge des Umgangs der Kirche – sowohl durch Kollegen als durch Kirchenobere –, auch des Leids, das weitergegeben wird an Menschen wie an Priester, die von der vorgeschriebenen Glaubenslinie abweichen, mit Zweifeln kämpfen und die dunkle Rückseite der als siegreich und strahlend dargestellten Institution aus dem Blickwinkel des eigenen Erlebens darstellen oder Rat in der Krise suchen.

„Auslöser für die Aufgabe des spannendesten und erfüllenden Berufes, den es für mich gibt, war eine totale körperlich-seelische Erschöpfung, die mich bis ins Mark erschütterte und in der meine Nöte mit ,Gott‘ und meine Nöte mit dem kirchlichen Priesterideal offenkundig wurden.“ Jahrelang wurden seine Gefühle wie die Symptome von Ärzten mit Medikamenten ruhiggestellt, bis er sich traute, sich den tieferen Ursachen zu stellen. „Es gab also vorher nur eine medikamentös vermittelte Sicherheit. [. . .] Es war ein Drama und ein Trauma, dieser Zusammenbruch nach dem Absetzen der Medikamente.“ Denn „Allmählich wurde mir immer klarer, was noch fehlte, nämlich die ganze Wahrheit über die Wurzeln meiner frühkindlichen Religiosität und die ganze Wahrheit über meinen Weg ins Priestertum“, den er mit ahnungsloser Idealisierung antrat, einschließlich der Verehrung der „zölibatären Lebensweise“, die, wie er erschrocken entdeckte, zu einer Unkultur des Schweigens und der Heimlichkeit führte. Deshalb sein mühsam entdecktes Programm, für das er, aus großer Scheu kommend, enormen Mut brauchte, um sich zu outen: „Der Fokus meiner Intention liegt also auf der Sensibilisierung, pathologische Elemente im Religiösen zu erkennen und ihnen prophylaktisch entgegenzutreten.“

Zellner erhielt Einblick in bischöfliche Akten und bekam das Ausmaß der Vertuschung dunkler Geheimnisse mit. Dies alles wird so glaubwürdig und authentisch vorgetragen, dass man auch das Maß der Scham versteht, mit der alles umgeben war, Scham über sich selbst und Scham über die Kirche, die so wenig seelsorgerlich reagierte auf seine und die vielen Lebensnöte des pastoralen Klerus. Es droht totale Isolierung, außer bei wenigen rettenden Freunden. Er wurde offiziell als „fanatischer Aufklärer“ verdächtig. Er rettet aber für sich einen eigenen tiefen Glauben, den er „salutogen“ nennt, und findet das versöhnliche Wort: „Ein Trauma muss nicht alles zerstören, was in uns ist.“

Natürlich spricht er auch über den weltweiten Missbrauch von Kindern durch Priester und die Vertuschungsversuche, neben den reuevollen Eingeständnissen des Versagens, die er als positive Veränderung anerkennt.

Zellners Text ist ein mahnender, aber auch ein aufbauender Text, weil er noch immer an die Veränderbarkeit der Verhältnisse glaubt. Tilmann Moser

Lorenz Zellner: Rückrufaktion Apokalyptik. Epubli, Berlin 2016, 136 Seiten, kartoniert, 10,99 Euro

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote