ArchivDeutsches Ärzteblatt35-36/2016Von schräg unten: Patientensprüche

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Patientensprüche

Dtsch Arztebl 2016; 113(35-36): [116]

Böhmeke, Thomas

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Jeder Arztbesuch birgt Spannung. Eine Spannung, die nicht messbar ist in Volt, sondern sich aus der Ungewissheit nährt, was der Doktor an üblen Dingen aus seinem Stethoskop heraushört, aus seinen Laborbefunden, Ultraschall- oder Röntgenbildern liest. Viele unserer Schutzbefohlenen versuchen, diese Spannung mittels spaßiger Bemerkungen zu erden. Wohl aufgrund der angespannten Situation ist allerdings die Bandbreite der Bemerkungen eher schmal, gelegentlich auch schal. Ich als entschiedener Gegner von Scherzartikeln sehe mich daher gezwungen, einige dieser häufig gehörten Sprüche sachlich auszuleuchten: Die üblicherweise bei Blutentnahmen geäußerte Bemerkung „Daraus machen Sie sicher Blutwurst!“ kann niemand, der länger in der medizinischen Versorgung tätig ist, mehr hören. Daher stelle ich klar: Liebe Venenpunktierte, die entnommenen Proben unterliegen dem Bundesseuchenschutzgesetz sowie der Sonderabfallverordnung und werden als ethischer Müll klassifiziert und entsprechend entsorgt. Von der Herstellung ethischer Blutwurst, zusammengesetzt aus flüssigen Patientenanteilen, ist abzuraten, weil es möglicherweise den strafrechtlichen Vorwurf des Kannibalismus nach sich zieht.

All diejenigen Angestellten, die bei telefonischer Terminabsprache nicht den schnellsten Termin bieten können, bekommen oft zu hören: „Bis dahin könnte ich längst tot sein!“ Gibt man dem Drängeln nach, so erfährt man irritierenderweise, dass diese Patienten noch schnell vor ihrem Urlaub eine ärztliche Untersuchung einschieben wollten, wohl aus Sorge um anstehende Urlaubsfreuden. Liebe Reiselustige, ich habe es schon immer geahnt: Reisevorbereitungen sind brandgefährlich, wenn nicht gar lebensbedrohlich.

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Lebensbedrohliche Durchblutungsstörungen des Herzens zu entdecken, ist das tägliche Brot des Kardiologen, und ein wichtiger Schritt zur Diagnose ist das Belastungs-EKG. Viele unserer tapfer strampelnden Patienten können sich angesichts steigender Wattzahlen den Kommentar nicht verkneifen: „Habt ihr eure Stromrechnung nicht bezahlt?“ Liebe Koronarkranke: In der Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen wird die Kilowattstunde mit durchschnittlich 10 Cent vergoldet. Wenn ihr mir, der ich eure fürsorgliche Betrachtung meiner finanziellen Situation natürlich außerordentlich zu schätzen weiß, etwas Gutes tun wollt, so könnt ihr gerne dazu beitragen, indem ihr euch dauerhaft auf der 1000-Watt-, besser auf der 20 000-Watt-Stufe zum Wohle meiner betriebswirtschaftlichen Situation auf dem Fahrradergometer belastet. Solange ihr aber bereits bei 125 Watt als dezenten Hinweis auf die ergometrische Ausbelastung die Zunge bis zum Fußboden ausrollt und die weiße Fahne hisst, rechnet sich das nicht für mich.

Einen völlig irrwitzigen Einwurf erlaubte sich peinlicherweise, so ich muss es der Korrektheit leider gestehen, mein eigener Bruder. Ich hatte ihn aufgrund einer kritischen Carotisstenose zur Angioplastie mit Stent-Implantation vorgestellt, und er schockte den freundlichen Interventionalisten mit der Frage: „Wenn die Guillotine auf mich herabfällt, kriegt die dann eine Scharte?“ Ach, lieber Peter. Als Jurist solltest Du wissen, dass die Todesstrafe in der Bundesrepublik 1949 abgeschafft wurde. Auch für maximal schräge Bemerkungen.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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