ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2016Frühe Pubertät: Psychologisches Rüstzeug nötig

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Frühe Pubertät: Psychologisches Rüstzeug nötig

Sonnenmoser, Marion

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Es gibt viele Annahmen darüber, weshalb heutzutage gesunde Kinder immer früher in die Pubertät kommen. Fakt ist, dass es zahlreiche Belastungen und Risiken für die Psyche der betroffenen Kinder gibt.

Die Probleme und Herausforderungen der Pubertät werden verstärkt, wenn die Pubertät frühzeitig einsetzt. Im Durchschnitt beginnt sie bei Mädchen ab dem zehnten Lebensjahr, bei Jungen ab dem zwölften Lebensjahr. Es gibt in den westlichen Industrienationen aber immer mehr Mädchen, die eine Brustentwicklung bereits ab dem Alter von acht Jahren aufweisen, und Jungen, bei denen die Hodenvergrößerung mit neun Jahren zu beobachten ist. Man spricht dann von „Frühstartern“ und meint damit einen frühen, aber nicht pathologisch verfrühten Beginn der Geschlechtsreifeentwicklung. Frühstarter sind abzugrenzen von Kindern, bei denen eine verfrühte Pubertät („Pubertas praecox“) diagnostiziert wird. Typisch dafür ist die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale bei männlichen Kindern vor dem neunten und bei weiblichen vor dem achten Lebensjahr. Ursächlich sind beispielsweise Tumore, genetische Veranlagung und hormonelle Störungen.

Diskrepanz zwischen „innen und „außen“

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Es gibt viele Annahmen darüber, weshalb heutzutage gesunde Kinder immer früher in die Pubertät kommen. Beispielsweise wird einer fett- und eiweißreichen Ernährung, Reizüberflutung sowie Hormonen, Medikamenten und Chemikalien in Nahrungsmitteln, an Gebrauchsartikeln und in der Umwelt eine Rolle zugeschrieben. Wahrscheinlich sind es mehrere Faktoren, die hierbei zusammenwirken.

Für Kinder, die früher als ihre Altersgenossen die ersten sekundären Geschlechtsmerkmale ausbilden, bedeutet das, in der körperlichen Entwicklung weiter fortgeschritten zu sein als in der mentalen, emotionalen und psychischen. Während sie innerlich noch Kinder mit entsprechenden Bedürfnissen und Interessen sind, täuscht ihr Äußeres ihnen und ihren Mitmenschen vor, „schon fast erwachsen“ zu sein. Die Diskrepanz zwischen „innen“ und „außen“ führt zu Verwirrung, Missverständnissen und Fehleinschätzung. Oftmals glauben Eltern, ihren Kindern mental und körperlich mehr zumuten und zutrauen zu können, und überfordern sie damit. Es kommt auch vor, dass sie ihre Kinder weniger beaufsichtigen und ihnen mehr Freiheiten lassen, als angebracht wäre. Dadurch kann es passieren, dass sich die Kinder von ihren Eltern nicht behütet genug fühlen oder in Kreise mit schlechtem Einfluss geraten. Darüber hinaus werden vor allem Mädchen von älteren Jugendlichen und Erwachsenen eher als sexuell reif und aktiv angesehen und entsprechend behandelt, obwohl die Mädchen vielleicht noch keine expliziten sexuellen Interessen haben. Hinzu kommt, dass die Kinder aussehen möchten wie ihre gleichaltrigen Kameraden. Es ist ihnen unangenehm, aufzufallen und „anders“ zu sein.

Mit einem frühzeitig heranreifenden Körper zu leben ist für viele Frühpubertierende belastend und nervenaufreibend, für Mädchen mehr als für Jungen. Das geht so weit, dass vor allem Mädchen unter Essstörungen, negativem Körperbild und mangelndem Selbstvertrauen leiden, weil die körperliche Entwicklung unter anderem mit einer Gewichtszunahme einhergeht. Darüber hinaus können Angststörungen, selbstverletzendes Verhalten und Depressionen als Folgen auftreten. Aktuelle Studien aus verschiedenen Ländern belegen einen eindeutigen Zusammenhang zwischen einer früh einsetzenden Geschlechtsreifeentwicklung sowie direkt und auch später einsetzenden psychosozialen und psychischen Problemen, vor allem von Depressionen. Weitere Risiken bei Mädchen sind Substanzmissbrauch, früher Geschlechtsverkehr und Teenagerschwangerschaften.

Für Jungen auch eine positive Erfahrung

Auch bei Jungen gibt es empirische Hinweise dafür, dass sie unter einer frühzeitig einsetzenden Pubertät leiden und beispielsweise Depressionen entwickeln. Der Leidensdruck, der sich aus der Diskrepanz zwischen körperlicher und psychischer Reife ergibt, steht bei Jungen allerdings einigen durchaus erwünschten körperlichen Veränderungen gegenüber, wie zum Beispiel dem Muskel- und Längenwachstum. Für Jungen ist die frühe Geschlechtsreifeentwicklung daher auch eine positive Erfahrung, was als protektiver Faktor aufgefasst werden kann. Insgesamt besteht hinsichtlich der Bedeutung einer vorzeitigen Pubertät für Jungen noch Forschungsbedarf.

Je jünger Kinder in die Pubertät kommen, desto weniger Copingstrategien besitzen sie, um mit ihrer besonderen Situation fertig zu werden. Amerikanische Psychologen um Karen Rudolph von der University of Illinois (USA) halten es daher für sinnvoll, Kindern bereits im Grundschulalter resilienzfördernde Fertigkeiten wie Problemelösen und Emotionenregulieren beizubringen. Sie sagen: „Dieses psychologische Rüstzeug kann Kinder, bei denen die Pubertät frühzeitig einsetzt, vor vielen schädigenden Einflüssen und Folgen schützen.“

Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0916

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