THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Dr. med. Martin Auerbach, klinischer Direktor von Amcha Israel: „Die Zeit heilt nicht alle Wunden“

PP 15, Ausgabe September 2016, Seite 410

Gießelmann, Kathrin

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Das Israelische Zentrum Amcha bietet Überlebenden des Holocaust und der zweiten Generation psychotherapeutische Behandlung an. Im Umgang mit Geflüchteten in Europa könne man daraus noch viel lernen, sagt dessen Leiter.

Martin Auerbach ist Psychiater und Psychotherapeut. Von 1993 bis 2006 war er psychiatrischer Konsultant bei Amcha Jerusalem, seit 2007 ist er der klinische Direktor von Amcha Israel. Foto: privat
Martin Auerbach ist Psychiater und Psychotherapeut. Von 1993 bis 2006 war er psychiatrischer Konsultant bei Amcha Jerusalem, seit 2007 ist er der klinische Direktor von Amcha Israel. Foto: privat

Warum wurde AMCHA, was ja auf hebräisch „Dein Volk“ heißt, gegründet?

Dr. Martin Auerbach: Die Initiative kam von den Holocaust-Überlebenden. Sie brauchten einen Treffpunkt, um sich untereinander auszutauschen. Für viele ist es eine Art zweites Zuhause. Ein weiterer Grund war die meist nicht erfolgreiche Suche nach einem Psychotherapeuten. In der Therapie wurde die Phase des Zweiten Weltkriegs meist nur kurz angesprochen. In den Augen der Überlebenden waren die Therapeuten zu vorsichtig und hatten nicht genügend Verständnis für den historischen Kontext. Zu groß waren die Bedenken, dass man die Klienten schädigen oder überbelasten könnte. Das Amcha beschäftigt daher Psychotherapeuten, die sich speziell mit der Geschichte des Holocaust auskennen – an mittlerweile 15 Orten in Israel.

Wie sind Sie persönlich zu dieser Arbeit gekommen?

Auerbach: Ich gehöre zur zweiten Generation, das heißt, meine Eltern sind Holocaust-Überlebende. Nach meinem Medizinstudium in Wien bin ich nach Israel ausgewandert, um meine Facharztausbildung in der Psychiatrie und Psychotherapie zu absolvieren. Von Anfang an arbeitete ich viel mit Trauma-Patienten. Einer der Leiter von Amcha Jerusalem kam auf mich zu, da sie auf der Suche nach einem psychiatrischen Berater waren. Schon nach einer kurzen Probezeit habe ich gemerkt, dass die Menschen sich bei mir wohlfühlten. Meine Biografie spielte dabei eine wichtige Rolle.

Wie kamen die Holocaust-Überlebenden kurz nach der Flucht mit dem Erlebten zurecht?

Auerbach: In der ersten Phase nach Kriegsende befanden sich die Überlebenden in einer Schockphase. Nachdem sie realisieren mussten, dass die meisten ihrer Verwandten nicht mehr am Leben und ihre Gemeinden zerstört waren, wurde ihnen das Ausmaß der Katastrophe erst bewusst. In der zweiten Phase folgte eine Auswanderungswelle. Da es bis 1948 keine legale Möglichkeit gab, etwa nach Palästina auszuwandern, landeten viele – abgefangen von den Briten – erneut hinter Stacheldrahtzaun, dieses Mal in Zypern. Das war eine sehr schwierige Zeit. Um die traumatischen Erlebnisse zu vergessen, wagten die meisten dennoch einen Neuanfang in Israel oder Palästina. Die Integration in die Gesellschaft hat damals in diesen Ländern besser geklappt, als wir es derzeit in Europa erleben. Die Geflüchteten holten ihre Schulausbildung nach, lernten eine neue Sprache, suchten sich neue Partner, vorwiegend innerhalb der Community der Holocaust-Überlebenden und flüchteten sich in Arbeit rund um die Uhr. Solange sie beschäftigt waren, konnten sie die belastenden Erinnerungen zumindest tagsüber verdrängen. Nächtliche Albträume blieben aber nicht aus.

Welche Fehler wurden beim Umgang mit Holocaust-Überlebenden gemacht, aus denen wir heute lernen können?

Auerbach: Im Nachhinein ist es immer ein Leichtes zu sagen, was man hätte besser machen können. Es gibt aber durchaus Parallelen, aus denen wir lernen sollten. Die Gesellschaften in Palästina und Israel haben die Holocaust-Überlebenden mit besten Willen aufgenommen und unterstützt. Was damals sehr gut geklappt hat, aber den meisten Flüchtlingen zurzeit in Europa fehlt, ist eine schnelle Integration über den Arbeitsmarkt und die Sprache. Sie bekommen anfänglich keine Arbeitserlaubnis und fühlen sich nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft.

Ein weniger gutes Vorbild sollte uns hingegen die kulturelle Integration sein. Von den Holocaust-Überlebenden wurde damals erwartet, dass sie die Kultur ihrer Vergangenheit zurückstellen, um sich möglichst schnell dem „Schmelztiegel“ in Israel anzupassen. Damals entsprach das dem Zeitgeist. Die ansässige Bevölkerung wollte die Kriegsgeschichten nicht hören. Die israelische Gesellschaft hat das Ausmaß des Holocaust später begriffen und den Überlebenden die nötige Beachtung erst entgegengebracht, als 1961 die Leidensgeschichten beim Eichmann-Prozess erzählt wurden.

Wie können wir einen solchen Verlauf heute verhindern?

Auerbach: Die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder afrikanischen Ländern müssen ihre Kultur und Vergangenheit nicht ablegen. Sie sollten ihre Religion und Identität beibehalten, alte Freundschaften pflegen. Das hindert sie nicht daran, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Im Gegenteil – nur die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der früheren Kultur und Identität befriedigt die Grundbedürfnisse nach Anerkennung und Gemeinschaft.

Wie und vor allem wann trat die Traumatisierung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Erscheinung?

Auerbach: Früher glaubte man, dass Menschen traumatische Erlebnisse etwa durch Verfolgung oder Missbrauch zwar mit sich tragen, dass sie aber mit der Zeit schwächer werden. Unserer Erfahrung nach ist das Gegenteil der Fall. Das Trauma begleitet die Menschen ihr Leben lang, es kommt in Wellen immer wieder zum Vorschein. Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Gerade im Alter, wenn die Betroffenen weniger beschäftigt sind, auf ihr Leben zurückblicken und wieder häufiger mit Verlustsituationen konfrontiert werden, wenden sie sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen an uns. Bei Amcha haben wir derzeit vor allem mit Kinder-Überlebenden zu tun, die mittlerweile älter als 70 Jahre sind.

Was muss man im Umgang mit traumatisierten Kindern beachten?

Auerbach: Gerade Kinder scheinen auf den ersten Blick ihr Leben gut zu meistern. Da sie sich vermutlich nur bruchstückhaft erinnern, kann man fälschlicherweise zu dem Schluss kommen, dass sie besser mit dem Erlebten zurechtkommen. Bei den Holocaust-Überlebenden, aber auch bei unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen handelt es sich unserer Erfahrung nach eher um ein Trauma des Verlassenwerdens. Die Frage, wie man um Eltern oder Verwandte trauert, an die man sich nicht erinnern kann, begleitet die Betroffenen ihr Leben lang. Falls die Familie noch am Leben ist, lastet häufig eine große Verantwortung auf den Kindern, die Verwandten zu versorgen oder nachzuholen. Dazu kommen Fragen nach der Identität oder der Vergangenheit. Wir wissen heute, dass traumatische Erlebnisse für Kinder extrem belastend sind. Nicht nur die Fluchtursachen oder die Flucht an sich – auch die Zeit danach kann mit weiteren traumatischen Erlebnissen einhergehen. Beispielsweise, wenn Kinder von ihren Betreuern benachteiligt oder gar misshandelt werden, verschlechtert das ihre Resilienz um ein Vielfaches. Die Zeitspanne direkt nach der Flucht ist daher besonders wichtig, um den Kindern Sicherheit und Perspektiven zu vermitteln und ein Grundvertrauen mit anderen Menschen wiederaufzubauen.

Welche Tipps möchten Sie Ärzten und Psychotherapeuten geben?

Auerbach: Wir müssen den Flüchtlingen, die bei uns ankommen, Anerkennung entgegenbringen, ihnen die Möglichkeit geben, ihre Geschichte zu erzählen, aber auch respektieren, wenn sie jetzt noch nicht dazu bereit sind. Sie wollen unsere Anteilnahme. Wir dürfen nicht wegschauen. Wichtig ist, dass wir ihre Kultur akzeptieren und ihnen Raum für eine Gemeinschaft geben. Eine positive Lebensperspektive hilft vielen weit mehr als eine Psychotherapie, um Traumata zu verarbeiten. Zudem spricht die traditionelle Form der westlichen Psychotherapie viele Menschen aus anderen Kulturkreisen wie etwa aus Asien und Afrika weniger an. Wer dort zum Psychiater geht, ist krank oder sogar verrückt. Wegen dieser Stigmatisierung schrecken viele vor einer Therapie zurück. Hier bedarf es kultursensibler Angebote, ähnlich wie wir es bei Amcha umgesetzt haben. Bewährt hat sich zum Beispiel eine Video- oder Tonaufnahme, in der die Betroffenen ihre Geschichte dokumentieren können, allein oder auch in einer Gruppe. Das ist formell noch keine Therapie, hat aber eine heilsame Wirkung.

Wie wirken sich diese Geschichten auf Betreuer aus?

Auerbach: Für viele ist es belastend. Sie müssen erst lernen, Grenzen zu setzen. Viele neigen dazu, sich zu stark zu involvieren, was zu Frustration führen kann. Die Helferposition sollte in der Freizeit in den Hintergrund rücken. Die Supervision ist daher ein gutes Mittel, so dass sich Betreuer mit anderen austauschen können und lernen, mit den Erlebnissen der Geflüchteten umzugehen.

Das Interview führte Kathrin Gießelmann

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