ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2016Richard Huelsenbeck (1892–1974): Der Meister-Dada

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Richard Huelsenbeck (1892–1974): Der Meister-Dada

Goddemeier, Christof

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Mit der Gründung des „Cabaret Voltaire“ vor hundert Jahren in Zürich erfand sich die Dada-Bewegung. Der Psychiater und Schriftsteller Richard Huelsenbeck war von Anfang an mit dabei.

„Dada kann man nicht begreifen, Dada muss man erleben. (…) Dada ist ein Geisteszustand, die Persönlichkeit selbst angeht, ohne sie zu vergewaltigen.“ Richard Huelsenbeck
„Dada kann man nicht begreifen, Dada muss man erleben. (…) Dada ist ein Geisteszustand, die Persönlichkeit selbst angeht, ohne sie zu vergewaltigen.“ Richard Huelsenbeck

Heute bringt man ihn vor allem mit „Dada“ in Verbindung – weiter verbreitet war sein Werk jedoch zur Zeit seiner journalistischen Tätigkeit zwischen 1925 und 1933, als er Dada nicht sehr nahestand. Der Autor der „Phantastischen Gebete“ trug alle Titel, die einem der Begründer der Bewegung zuteil werden konnten – Meister-Dada, Welt-Dada, Oberdada, Dada-Trommler, Dadasoph, Dada-Vater. Dabei kennzeichnet sein Leben die Doppeltätigkeit als Arzt und Schriftsteller: „Ich sehe heute, dass ich immer Arzt und immer Dadaist war oder vielmehr umgekehrt, dass ich immer Dadaist und immer Arzt war und dass das eine nicht nur nicht das andere ausschließt, sondern dass Dada und die Medizin, speziell in der Form der Psychiatrie, zusammengehören“, schreibt er 1965 im Aufsatz „Von Dada zur Psychiatrie“.

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In Zürichs Spiegelgasse liegen die Wurzeln mächtiger Revolutionen nah beieinander: In der Nummer 14 lebt 1916/17 Wladimir Iljitsch Lenin. Nur ein paar Häuser weiter in der Nummer 1 eröffnet am 5. Februar 1916 eine Handvoll Künstler, Schriftsteller und Musiker ihre eigene Bühne, das Cabaret Voltaire – Geburtsstunde einer der einflussreichsten Kunstbewegungen des zwanzigsten Jahrhunderts. Vor dem Irrsinn des ersten Weltkriegs sind sie in die Schweiz geflohen – Hugo Ball und Emmy Hennings, der Rumäne Tristan Tzara, Hans Arp, seine Freundin Sophie Taeuber und Richard Huelsenbeck. Voltaire steht für Aufklärung und Vernunft – Dada ist ein Anschlag auf das autoritäre Denken, chaotische Sause, Provokation, wortmächtiger Irrwitz, Kritik der herrschenden Verhältnisse, Umsturz.

Wie kommt Richard Huelsenbeck zum Dada-Cabaret? 1892 wird er im hessischen Frankenau geboren. Drei Jahre später zieht die Familie nach Bochum, wo der Vater eine Anstellung als Chemiker erhält. Aufgewachsen sei er „in der Luft eines gutbürgerlichen deutschen Hauses“, im Geist der „selbstverständlichen Unterordnung unter das wilhelminische Staatsgebilde“, schreibt Huelsenbeck 1931. In der Bibliothek des Großvaters entdeckt er seine Liebe zur Literatur. Zunächst studiert er Kunstgeschichte und Literatur in München, 1914 beginnt er in Berlin ein Medizinstudium. In München begegnet Huelsenbeck zwei für sein Leben richtungsweisenden Menschen. Der drei Jahre ältere Dramaturg Georg Plotke ermutigt ihn zum Schreiben und verhilft zu ersten Veröffentlichungen. Und Huel-senbeck trifft Hugo Ball, den sechs Jahre älteren Dramatiker der Münchner Kammerspiele. 1916 ist es so weit. Ein reguläres Studium absolviert Huelsenbeck in Berlin ohnehin nicht. Freunde fallen an der Front, der Verlobte seiner jüngeren Schwester beschreibt in seiner Feldpost aus Verdun die Gräuel, die sich dort täglich ereignen. Jeden Tag kann Huelsenbeck einberufen werden. Er hat Glück: Ein befreundeter Arzt bescheinigt ihm geistige Erschöpfung, und man lässt ihn für sechs Monate in die Schweiz reisen.

Zürich ist 1916 noch keine Metropole. Huelsenbeck findet sie „behäbig“, die Menschen wirken auf ihn „erdhaft, gemächlich, aber nicht unbeweglich“. Gleichwohl liebt er die Stadt vom ersten Augenblick an, sie erscheint ihm „hell, klar und fröhlich“. Emmy Hennings ist Vortragskünstlerin, Hugo Ball spielt gut Klavier. Da liegt der Gedanke nahe, in Zürich ein Kabarett zu eröffnen. Die erste Soirée hat mit Dada noch nichts zu tun: Man trägt Gedichte von Else Lasker-Schüler, Blaise Cendras, Franz Werfel und Jakob von Hoddis vor. Ball spielt Klassisches auf dem Klavier, Hennings singt Chansons, ein wenig frech, aber nicht verletzend. Am 11. Februar trifft Huelsenbeck in Zürich ein. „Huelsenbeck ist angekommen“, schreibt Ball in sein Tagebuch, „er plädiert dafür, dass man den Rhythmus verstärkt (. . .). Er möchte am liebsten die Literatur in Grund und Boden trommeln.“ Rasch avanciert Huelsenbeck zum Dada-Trommler, erfindet den Bruitismus als Dada-Beat. Seine „Negergedichte“ hat er bereits beim Expressionistenabend in Berlin vorgetragen. Sie enden mit dem Refrain „Umba, umba“, den er mit großem Pathos wieder und wieder dem Publikum entgegenbrüllt.

Überhaupt tritt die „Schreibtisch-Schriftstellerei“ im Kabarett hinter den Vortrag zurück. Literatur wird zur Aktion und verbindet sich mit anderen Medien wie Musik, Malerei und Tanz. Am 30. März 1916 tragen Huelsenbeck, Tzara und Marcel Jánko ihr „Poème simultan“ vor. Hier legt die Partitur drei Personen unterschiedliche Texte in den Sprachen Deutsch, Französisch und Englisch in den Mund, die zugleich gesprochen und gesungen werden. So zeigt das Gedicht den „Widerstreit der vox humana mit einer sie bedrohenden, verstrickenden und zerstörenden Welt, deren Takt und Geräuschablauf unentrinnbar sind“, notiert Ball.

Hugo Balls Auftritt als „magischer Bischof“ im Juni 1916 ist legendär. In einem selbst gefertigten Kostüm aus buntem Pappkarton, auf dem Kopf ein hoher Hut, trägt man ihn auf die Bühne, wo er feierlich zu sprechen beginnt: „Gadji beri bimba/ Glandridi lauli lonni cadori/ Gadjama bim beri glassala (. . .).“ Huelsenbeck steht dem nicht nach. „Er gibt (. . .) sein Stöckchen aus spanischem Rohr nicht aus der Hand und fitzt damit ab und zu durch die Luft (. . .)“, schreibt Ball über Huelsenbecks Auftritt. „Man hält ihn für arrogant und er sieht auch so aus. Die Nüstern beben, die Augenbrauen sind hoch geschwungen. Der Mund, um den ein ironisches Zucken spielt, ist müde und doch gefasst.“ „Dada“ als Bürgerschreck ist geboren.

Vollständige Neuorientierung von Kunst und Kultur

Dabei will Dada keine neue Kunstrichtung sein. Wie das Zürcher Kabarett als offene Bühne angelegt ist, funktioniert Dada nicht als geschlossenes System, sondern als Netzwerk, das verschiedene Strömungen miteinander verbindet. Die Gräuel des Weltkriegs belegen für die Dadaisten den geistigen Ban-krott des Abendlandes. So müssen Kunst und Kultur sich vollständig neu orientieren. In seiner „Kritik der zynischen Vernunft“ bezeichnet Peter Sloterdijk die Dadaisten als „Müllabfuhr im heruntergekommenen europäischen Ideen-Überbau“. Und Friedrich Glauser fordert, eine Sprache, die das Morden rechtfertigt, im sinnfreien Lautgedicht stillzulegen.

Den „Dada Almanach“ gibt Huelsenbeck „im Auftrag des Zentralamtes der Deutschen Dada-Bewegung“ 1920 in Berlin heraus.
Den „Dada Almanach“ gibt Huelsenbeck „im Auftrag des Zentralamtes der Deutschen Dada-Bewegung“ 1920 in Berlin heraus.

Wer hat das Wort „Dada“ erfunden? Und was soll es bedeuten? Dass es dazu zahlreiche Versionen gibt, überrascht nicht. Bereits vor 1916 hat sich eine Zürcher Toilettenartikelfirma „Dada“ als Markennamen schützen lassen. Mit Blick darauf konstatiert Ball: „Dada ist die Weltseele, Dada ist der Clou, Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“ Hans Arp vermeldet 1921: „Ich erkläre, dass Tristan Tzara das Wort DADA am 8. Februar 1916 um 6 Uhr abends eingefallen ist; ich war mit meinen 12 Kindern dabei (. . .) Ich bin überzeugt, dass dieses Wort gänzlich unbedeutend ist und dass sich nur Schwachsinnige und spanische Professoren für nähere Angaben interessieren.“ Huel-senbeck sieht es so: „Dada kann man nicht begreifen, Dada muss man erleben. (. . .) Dada ist ein Geisteszustand, der die Persönlichkeit selbst angeht, ohne sie zu vergewaltigen. (. . .) Wir fanden Dada, wir sind Dada, und wir haben Dada. Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts.“ Schließlich „Oberdada“ Johannes Baader: „Was Dada ist, wissen nicht einmal die Dadaisten, sondern nur der Oberdada – und der sagt es niemandem!“

Leichter als eine positive Definition fällt die Einschätzung, was „Dada“ nicht ist. Den Hannoveraner Erfinder des „Merz“, Kurt Schwitters, hält Huelsenbeck für einen „hochbegabten Kleinbürger“, sein berühmtes Gedicht „Anna Blume“ für ein „typisches Produkt eines durch Verrücktheit verniedlichten Idealismus“. Schwitters revanchiert sich und nennt seinen Kritiker „Hülsendada“.

Ausbildung zum Psychoanalytiker in USA

Ab 1917 ist Huelsenbeck wieder in Berlin, wo er sein Medizinstudium beendet. Er geht nach Danzig und arbeitet als Assistent bei Adolf Wallenberg. Bereits ein Jahr später zieht es ihn nach Berlin zurück, er hört Vorlesungen bei Karl Bonhoeffer und lernt die Psychoanalytikerin Karen Horney kennen. Erste psychoanalytische Studien unterbricht er und heuert als Schiffsarzt an. Die nächsten sechs Jahre ist er als Arzt oder Journalist unterwegs und publiziert unermüdlich. Als er 1933 in Berlin eine Praxis eröffnen will, ist die Gestapo bereits auf ihn aufmerksam geworden und will wissen, ob der Arzt und der Dadaist ein und dieselbe Person sind. 1936 flieht Huelsenbeck mit Frau und zwei Kindern in die USA. Er schließt sich dem Kreis um Horney an, lässt sich zum Psychoanalytiker ausbilden und eröffnet in New York eine florierende Praxis – aus Richard Huelsenbeck wird Charles R. Hulbeck. Doch Dada lässt ihn nicht los. Seine Artikel über die Bewegung finden zahlreiche Leser. 1969 erhält Huelsenbeck für seine Beiträge zur Psychiatrie den Binswanger-Preis und zieht zurück nach Europa. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in Minusio im Tessin, wo er 1974 stirbt.

Christof Goddemeier

1.
Huelsenbeck R: mit witz, licht und grütze. Hrg: R. Nenzel. Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 1992.
2.
Petersen JH: Absolute Lyrik. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2006.
3.
Schmidt C: Urknall der Moderne. Süddeutsche Zeitung 6. Februar 2016.
4.
Sheppard R: Richard Huelsenbeck. Hans Christians Verlag, Hamburg 1982.
1. Huelsenbeck R: mit witz, licht und grütze. Hrg: R. Nenzel. Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg 1992.
2. Petersen JH: Absolute Lyrik. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2006.
3.Schmidt C: Urknall der Moderne. Süddeutsche Zeitung 6. Februar 2016.
4.Sheppard R: Richard Huelsenbeck. Hans Christians Verlag, Hamburg 1982.

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