ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2016Interdisziplinäre Behandlung von Mammakarzinomen: Das Brustzentrum der Zukunft

THEMEN DER ZEIT

Interdisziplinäre Behandlung von Mammakarzinomen: Das Brustzentrum der Zukunft

Dtsch Arztebl 2016; 113(37): A-1590 / B-1342 / C-1318

Brucker, Sara Yvonne; Taran, Florin-Andrei; Hahn, Markus; Bamberg, Michael; Wallwiener, Diethelm; Hartkopf, Andreas Daniel

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Expertise, Interdisziplinarität, Personalisierung und Prävention gehören in der Behandlung von Mammakarzinomen in eine Hand. Dass das erfolgreich geht, zeigt das Beispiel des Brustzentrums Tübingen.

Die erfolgreiche Behandlung von Brustkrebs basiert auf einem interdisziplinären Diagnostik- und Therapiemanagement, welches auf jede einzelne Patientin (Patienten) abgestimmt sein muss. Die enge Zusammenarbeit von gynäkologischen Chirurgen, Onkologen, Radiologen, Pathologen, Strahlentherapeuten, Humangenetikern, plastischen Chirurgen und Psychoonkologen an einem Zentrum ist daher für den Behandlungserfolg von herausragender Bedeutung. Sowohl die Möglichkeiten als auch die Anforderungen an den behandelnden Arzt werden hierbei immer komplexer. Vor dem Hintergrund zunehmender oraler Behandlungsoptionen und dem hohen Stellenwert einer konsequenten Vor- beziehungsweise Nachsorge ist zudem die enge Zusammenarbeit mit niedergelassenen Gynäkologen maßgeblich.

Eine Kooperation mit Selbsthilfegruppen, Physiotherapeuten und Rehabilitationseinrichtungen ist unabdingbar, um den Therapieerfolg zu festigen und betroffenen Patientinnen eine dauerhafte Wiedereingliederung in das alltägliche Leben zu ermöglichen. Ziel aller Beteiligten ist die flächendeckende Prävention, Früherkennung und leitliniengerechte Behandlung erkrankter Frauen. Die Einbindung von Prädiktionsfaktoren in multimodale Therapiekonzepte hat als übergeordnetes Ziel eine individualisierte Behandlung der „gesamten Patientin“ und eine kontinuierliche Verbesserung des Outcomes (Grafik 1) (1). Vor diesem Hintergrund soll der folgende Artikel die besonderen Herausforderungen anhand ausgewählter Thematiken beleuchten und auf die Position des Brustzentrums im Spannungsfeld der modernen Medizin fokussieren. Am Beispiel des Brustzentrums Tübingen wird dargestellt, wie in einem modernen Brustzentrum der gesamte Behandlungsprozess „aus einer Hand“ erfolgen kann.

Anzeige
Paradigmenwechsel in der operativen und konservativen Senologie
Paradigmenwechsel in der operativen und konservativen Senologie
Grafik 1
Paradigmenwechsel in der operativen und konservativen Senologie

Brustkrebs ist in Deutschland und anderen Industrienationen die häufigste bösartige Neubildung der Frau. In Deutschland erkrankten im Jahr 2012 etwa 70 000 Frauen (2). Das entspricht etwa 30 Prozent aller Krebsfälle bei Frauen und bedeutet, dass etwa jede achte Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkrankt. Mit etwa 17 000 Sterbefällen pro Jahr ist das Mammakarzinom die zweithäufigste Todesursache bei deutschen Frauen und war 2012 für etwa vier Prozent der Sterbefälle verantwortlich.

Zertifizierte Brustzentren – eine Erfolgsgeschichte

Um den hohen Anforderungen einer leitliniengerechten Behandlung des Mammakarzinoms flächendeckend nachzukommen, führte die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG) gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) 2003 ein Zertifizierungssystem zur Sicherung der Behandlungsqualität ein. Ein zertifiziertes Zentrum ist „ein Netz von qualifizierten und gemeinsam zertifizierten, multi- und interdisziplinären, transsektoralen und gegebenfalls standortübergreifenden Einrichtungen (Krankenhäuser, vertragsärztliche Versorgung, Rehabilitationseinrichtungen), die ... möglichst die gesamte Versorgungskette für Betroffene abbilden“ (3). Hier wird Patientinnen in allen Phasen und für alle Bereiche der Erkrankung umfassende Betreuung durch ein multidisziplinäres Team (Grafik 2) angeboten (4). In diesem Zusammenhang wurden Qualitätsstandards und Anforderungskriterien definiert, die im Rahmen einer unabhängigen Auditierung regelmäßig evaluiert werden. Die Erfassung definierter Qualitätsindikatoren erlaubt neben der Überprüfung im Rahmen des (Re-)Zertifizierungsprozesses ein Benchmarking einzelner Zentren untereinander sowie die Überwachung der geforderten Qualität im zeitlichen Verlauf (5, 6).

Betreuung der Patientin in allen Phasen der Erkrankung durch ein gemeinsam zertifiziertes multidisziplinäres Team.
Betreuung der Patientin in allen Phasen der Erkrankung durch ein gemeinsam zertifiziertes multidisziplinäres Team.
Grafik 2
Betreuung der Patientin in allen Phasen der Erkrankung durch ein gemeinsam zertifiziertes multidisziplinäres Team.

In Tübingen wurde im Jahr 2003 eines der ersten deutschen Brustzentren zertifiziert. Seither steigt deren Zahl stetig; Anfang 2016 waren es bundesweit bereits 228 zertifizierte Zentren an 279 Standorten. Von den 69 550 Patientinnen mit neu diagnostiziertem Mammakarzinom in 2012 wurden 50 329 (72 Prozent) in zertifizierten Zentren behandelt (2, 7).

Etwa 85 Prozent der weiblichen Bevölkerung in Deutschland erreichen ein Brustzentrum innerhalb von 30 Minuten (zum Vergleich: nur 56 Prozent der männlichen Bevölkerung erreichen ein zertifiziertes Organzentrum zur Behandlung des Prostatakarzinoms innerhalb von 30 Minuten) (4). Allerdings muss das Ziel einer flächendeckenden Versorgung weiter verfolgt werden: Lediglich zehn Prozent der Zentren finden sich in ländlichen Regionen. Da es keine gesonderte finanzielle Förderung für die Etablierung von Brustzentren gibt, entstehen sie hauptsächlich unter Wettbewerbsdruck, damit in Regionen mit ohnehin hoher Krankenhausdichte.

Bei der Auswertung der Qualitätsindikatoren zeigt sich, dass die geforderten Zielwerte in hohem Maße erfüllt werden (5). Ebenso kann im zeitlichen Verlauf eine signifikante Zunahme der erfüllten Zielkriterien verzeichnet werden. Beispielsweise wurde von 2003 bis 2007 der Anteil der Patientinnen, bei denen eine präoperative histologische Diagnosesicherung erfolgt ist, von 58 auf 88 Prozent gesteigert; die Rate einer angemessenen endokrinen Therapie verbesserte sich sogar von 27 auf 93 Prozent und der Anteil bestrahlter Patientinnen nach brusterhaltender Therapie stieg von 20 auf 79 Prozent (6).

Obwohl sämtliche der genannten Qualitätsindikatoren als Surrogat-Marker der Langzeitprognose herangezogen werden können, ist ein statistisch einwandfreier Nachweis, inwieweit sich die Verbesserung der Qualitätsindikatoren beziehungsweise die Zertifizierung auf die Prognose der Erkrankung auswirkt, schwierig. Hierzu müsste eine randomisierte Zuteilung ähnlicher Zentren in den Zertifizierungsprozess erfolgen, was faktisch nicht realisierbar ist. Ungeachtet dessen kann in den letzten beiden Jahrzehnten eine stetige Verbesserung der Prognose von Brustkrebspatientinnen verzeichnet werden; inwieweit diese durch eine verbesserte Infrastruktur (das heißt durch zertifizierte Organzentren), Früherkennungsprogramme (Mammographie-screening) oder Fortschritte vor allem in der systemischen Therapie bedingt ist, bleibt jedoch unklar. Da eine leitliniengerechte Behandlung die Prognose verbessert, ist davon auszugehen, dass die sinkende Mortalität einer Kombination der genannten Einflussfaktoren geschuldet ist (812).

Das Erkrankungsalter von Patientinnen mit einer BRCA1- bzw. -2-Mutation liegt etwa 20 Jahre vor dem von Frauen mit sporadischem Mammakarzinom. Es handelt sich typischerweise um aggressive, häufig triple-negative Tumore mit der Tendenz zur frühzeitigen Metastasierung. Das Risiko, bis zum 80. Lebensjahr an einem Mammakarzinom zu erkranken, beträgt für BRCA-1-Mutationsträgerinnen etwa 60 Prozent; bei den BRCA-2-Mutationsträgerinnen sind es rund 55 Prozent, wobei die Angaben zum Erkrankungsrisiko in der Literatur erheblich variieren (13). Dies liegt vor allem daran, dass die Wahrscheinlichkeit einer Mutationsträgerin zu erkranken altersabhängig ist und durch weitere, bisher größtenteils unbekannte Faktoren beeinflusst wird.

Universitäre Kooperation von 17 Zentren

Diagnostische und klinische Maßnahmen bei familiärer Mammakarzinombelastung sind zwar hochspezialisiert, jedoch ist die Gruppe der Betroffenen relativ klein. Mit dem Ziel, verfügbare Ressourcen optimal zu nutzen, eine hohe Behandlungsqualität zu sicheren und Betroffene nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beziehungsweise im Rahmen wissenschaftlicher Projekte zu behandeln, kooperieren 17 universitäre Zentren in einem multimodalen Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs (14). Hier bietet die strukturierte Erfassung von Krankheitsverläufen die Möglichkeit, den Einfluss gezielter Maßnahmen auf die Prognose zu analysieren. Ziel des Konsortiums ist außerdem die Identifizierung und klinische Bewertung von weiteren Risikogenen, welche aufgrund der enormen gendiagnostischen Fortschritte (Stichwort: „Next Generation Sequencing“) derzeit vermehrt identifiziert werden. Hier erarbeitet das Brustkrebskonsortium derzeit an einheitlichen Präventions- und Managementempfehlungen für die spezifischen Wiederholungsrisiken. Insbesondere vor dem Hintergrund der resultierenden heterogenen Risikoprofile ergibt sich eine Reihe von Herausforderungen:

  • Eine systematische Erfassung von (genetischen) Risikoprofilen und resultierenden Krankheitsverläufen ist notwendig, um adäquate klinische Maßnahmen abzuleiten.
  • Die therapeutische Ansprechbarkeit dieser neuen, aufgrund der genetischen Ursache definierten Patientengruppen auf konventionelle und künftig auch individualisierte Therapien muss in neuen prospektiven Studien untersucht werden.
  • Auch Präventionsmaßnahmen sollten möglichst im Rahmen randomisierter prospektiver Studien überprüft werden. Hier bedingt die zunehmende Identifikation distinkter Risikoprofile immer kleinere (Sub-)Kollektive, wodurch das Erreichen einer notwendigen statistischen Power erschwert wird. Diese Schwierigkeiten können nur im Zusammenschluss großer Forschungsnetzwerke überwunden werden.
  • Bildung neuer fächergruppenübergreifender Spezialistenteams (zum Beispiel im Rahmen eines CCC), die auch das Tumorrisiko weiterer Organsysteme mit in das Management in Betracht ziehen.
  • Die Beratung und Betreuung wird durch steigende Komplexität nicht nur für Betroffene erschwert. Psychosoziale Einflussfaktoren, Alter, Risikobereitschaft, (familiäre) Erfahrungen mit Krebserkrankungen und individuelle Ängste stellen beratende Ärzte im Sinne. einer partizipativen Entscheidungsfindung vor große Herausforderungen.

Die Solidargemeinschaft muss definieren, wie mit Kosten, die im Rahmen der Prävention entstehen, umgegangen wird. Das Gesundheitssystem priorisiert die Behandlung von Erkrankungen und nicht die „Behandlung“ von Krankheitsrisiken. Derzeit sind Kostenübernahmen für prophylaktische Maßnahmen daher Einzelfallentscheidungen. Gesundheitsökonomische Berechnungen könnten einen Einfluss präventiver Maßnahmen auf die Kosteneffizienz des Gesundheitswesens (Vermeidung von Krankheitsfällen) aufzeigen.

Einen wichtigen Anteil an der Verbesserung der Versorgungssituation von Brustkrebspatientinnen im Rahmen von Brustzentren stellt die hohe Qualität und Standardisierung der prä- und postoperativen bildgebenden und pathologischen Diagnostik dar, insbesondere auch in Kooperation mit den Screeningzentren. Eine besondere Rolle nehmen Brustzentren aber auch in der Überprüfung der Wertigkeit und der Validierung neuer bildgebender Verfahren und Biomarker ein. Bei insgesamt limitierten finanziellen Ressourcen gilt es, nicht nur Verbesserungen in der multi-modalen, nicht-invasiven bildgebenden Diagnostik (CT, MR, PET/CT, SPECT/CT) in die Patientenversorgung zu implementieren, sondern den Zugewinn für die Patientenversorgung im Screening, in der Therapiestratifizierung und in der Nachsorge kritisch zu evaluieren. Das rasch steigende und zum Teil intensiv beworbene Angebot an molekularen, gewebsbasierten Untersuchungsmethoden, einschließlich der verschiedenen prädiktiven Genexpressionsprofile und der auf Hochdurchsatz-Sequenzierung basierenden Identifikation von Mutationen als therapeutische Zielstrukturen, stellt für die Behandler eine Herausforderung dar, da viele Patientinnen Hoffnungen an eine verbesserte Diagnostik und „passgenauere“ Therapie an die Durchführung derartiger, derzeit nicht erstatteter Tests knüpfen. Das Brustzentrum bietet hier die Möglichkeit, nicht nur verlässlich zu informieren, sondern diese neuen Methoden im Rahmen von Studien und basierend auf den optimierten Nachsorgestrukturen einer Validierung zuzuführen.

Neue systemische Behandlungsoptionen

Die stetige sinkende Mortalität von Patientinnen mit Mammakarzinom ist vor allem auf die Fortschritte bei der systemischen Therapie zurückzuführen (12). In den letzten Jahren wurden eine Reihe neuer Substanzen zugelassen, die häufig als orale Therapien verfügbar sind. Im Gegensatz zu den konventionellen intravenösen Therapieansätzen bedingt die orale Applikationsform, dass Patientinnen seltener im Zentrum vorstellig sind. Hier ist zum einen eine hohe Compliance gefragt, zum anderen sind niedergelassene Gynäkologen vermehrt mit substanzspezifischen Nebenwirkungen konfrontiert. Erschwerend ist in diesem Zusammenhang die Tatsache zu nennen, dass viele der neuen Substanzen an sich zwar besser verträglich sind als die klassische Chemotherapie, das Nebenwirkungsspektrum sich aber häufig von den „klassischen“ Nebenwirkungen der zytostatischen Therapie unterscheidet. Wesentlich sind in diesem Zusammenhang die enge Kooperation zwischen Zentrum und Kollegen in der Niederlassung sowie die regelmäßige Teilnahme an entsprechenden Fortbildungsveranstaltungen. Das (universitäre) Brustzentrum hat daher, neben der Einleitung entsprechender Therapien, die essenzielle Aufgabe, regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen für zuweisende Gynäkologen und Hausärzte anzubieten.

Die lückenlose Betreuung von Patientinnen und Patienten ist wesentliche Aufgabe eines zertifizierten Organzentrums. Koordinierte Outreach-Maßnahmen führen dazu, dass alle Patientinnen im Einzugsgebiet Zugang zu einer qualitätsgesicherten Behandlung haben. Das Beispiel des Tübinger Brustzentrums zeigt, wie durch enge Verzahnung mit regionalen Screeningeinheiten, kooperierenden radioonkologischen Standorten und niedergelassenen Onkologen sowie durch die Anbindung von Selbsthilfegruppen, Psychoonkologischen Beratungsstellen und Rehabilitationseinrichtungen ein dicht geknüpftes Versorgungsnetzwerk eta-bliert werden kann, welches eine lückenlose und flächendeckende Betreuung der gesamten Patientin „aus einer Hand“ ermöglicht (Grafik 3).

Die gesamte Prozesskette in einer Hand
Die gesamte Prozesskette in einer Hand
Grafik 3
Die gesamte Prozesskette in einer Hand

Die Behandlung beginnt und endet mit Maßnahmen zur Steigerung der „patient-awareness“, welche beispielsweise im Rahmen regelmäßiger Patienteninformationsveranstaltungen realisiert werden können. Derartige Maßnahmen sind essenziell, um die Motivation zur Teilnahme an Früherkennungsprogrammen zu fördern. Durch Teleradiologie und eine enge Verzahnung mit kooperierenden Screeningeinheiten sowie dem Mammobil, welches Frauen, die weiter vom Screeningzentrum entfernt wohnen, eine ortsnahe Teilnahme am Früherkennungsprogramm ermöglicht, erreicht das Versorgungsnetz mittlerweile etwa 400 000 Frauen, bei einer überdurchschnittlichen Teilnahmerate von mehr als 60 Prozent. Die Vorstellung in einem der kooperierenden Zentren erfolgt bei auffälligen Befunden zur minimal-invasiven Abklärung oder bei erhöhtem Mammakarzinomrisiko zur humangenetischen Beratung und intensivierten Vorsorge.

Langfristige Anbindung der Patientinnen

Bei histologisch gesicherten Karzinomen beziehungsweise allen Befunden, die mit einem erhöhten Karzinomrisiko einhergehen, erfolgen personalisierte therapeutische Maßnahmen nach Vorstellung in interdisziplinären Tumorkonferenzen (gegebenfalls unter Zuhilfenahme von Telemedizin/Telekonferenzen). Hier werden neben der Therapieempfehlung alle wesentlichen Faktoren für Forschung, Qualitätssicherung, Zertifizierung, Controlling und Benchmarking strukturiert erfasst (15). Durch die Erfassung aller Ein- und Ausschlusskriterien für klinische Studien konnte zudem die Studienquote des Tübinger Brustzentrums auf rund 20 Prozent gesteigert werden (nur AMG-Phase-1–3 Studien). Wesentlich ist in allen Phasen des Diagnostik- und Behandlungsprozesses, den psychoonkologischen Interventionsbedarf zu erfassen und ihm gerecht zu werden (16). Das diese Maßnahmen zu einer konsequenten Verbesserung der Versorgungsqualität führen, zeigt Tübingen: Hier wurden im Jahr 2014 über 600 Primärfälle behandelt, wobei die Nachresektionsrate lediglich bei elf Prozent lag; gleichzeitig befand sich die Lokalrezidivrate im nationalen und internationalen Vergleich auf sehr niedrigem Niveau (17).

Nach abgeschlossener Primärbehandlung ist die Kooperation mit nachsorgenden Gynäkologen essenziell. Für die erfolgreiche Wiedereingliederung in den Alltag und für den dauerhaften Erhalt der Therapieziele ist neben Rehabilitationsmaßnahmen eine langfristige Anbindung der Patientin an das Zentrum wesentlich. Die Zentrums- und Schwerpunktbildung hat in der Senologie zu einer signifikanten Verbesserung der onkologischen Ergebnisse beim Mammakarzinom geführt. Konsequente Spezialisierung, leitliniengerechtes Vorgehen, Qualitätssicherung, Zertifizierung und Rezertifizierung sind von zentraler Bedeutung, um die bisher erreichte hohe Versorgungsqualität flächendeckend zu festigen und weiter zu optimieren. Allerdings erhöhen der stetige Erkenntnisgewinn und zunehmend individualisierte Behandlungsstrategien die senologische Komplexität und stellen das Brustzentrum vor eine Reihe neuer Herausforderungen. Da innovative Behandlungsstrategien, medizinische Forschung, der Zertifizierungsaufwand und moderne diagnostische, therapeutische und beratungsintensive Therapieansätze zu einer deutlichen Kostensteigerung führen, muss eine ausreichende Finanzierung der Zentren gewährleistet werden.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2016; 113(37): A 1590–3

Anschrift für die Verfasser
Prof. Dr. med. Sara Yvonne Brucker
Department für Frauengesundheit
Universität Tübingen
Calwerstraße 7, 72076 Tübingen

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3716
oder über QR-Code.

Department für Frauengesundheit, Universitätsklinikum Tübingen:

Prof. Dr. Brucker,

Prof. Dr. med. Taran

Prof. Dr. med. Hahn,

Prof. Dr. med. Bamberg,

Prof. Dr. med. Wallwiener,

Priv.-Doz. Dr. med. Hartkopf

Expertise, Interdisziplinarität, Personalisierung und Prävention gehören in der Behandlung von Mammakarzinomen in eine Hand. Dass das erfolgreich geht, zeigt das Beispiel des Brustzentrums Tübingen.

Sara Yvonne Brucker, Florin-Andrei Taran, Markus Hahn, Michael Bamberg, Diethelm Wallwiener, Andreas Daniel Hartkopf

1.
Wallwiener D, Brucker SY, Taran F-A: Operative Gynäkologie – Quo vadis? Der Gynäkologe, 2014. 9: 660–5 CrossRef
2.
Robert Koch-Institut (Hrsg) und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. Krebs in Deutschland 2011/2012. Vol. 10. 2015, Berlin.
3.
Bundesministerium für Gesundheit. Nationaler Krebsplan – Was haben wir bisher erreicht? http://www.bmg.bund.de/themen/praevention/nationaler-krebsplan/was-haben-wir-bisher-erreicht/ziel-5-qualitaetssicherung-zertifizierung-onkologischer-behandlungseinrichtungen.html, 2016.
4.
Lewers Geraedts M Accessibility of organ cancer centres: is there already nation-wide coverage in Germany? Gesundheitswesen, 2015. 77(1): 24–30 MEDLINE
5.
Kowalski C, Ferencz J, Brucker SY, Kreienberg R and Wesselmann S: Quality of care in breast cancer centers: results of benchmarking by the German Cancer
Society and German Society for Breast Diseases. Breast, 2015. 24(2): 118–23 CrossRef MEDLINE
6.
Brucker SY, Schumacher C, Sohn C, et al.: Benchmarking the quality of breast cancer care in a nationwide voluntary system: the first five-year results (2003–2007) from Germany as a proof of concept. BMC Cancer, 2008. 8: 358 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Deutsche Krebsgesellschaft. Jahresbericht der zertifizierten Brustkrebszentren. 2014. http://www.krebsgesellschaft.de/wub_zertifizierte_zentren_akutelles_200746.html.
8.
Wockel A, Kurzeder C, Geyer V, et al.: Effects of guideline adherence in primary breast cancer--a 5-year multi-center cohort study of 3976 patients. Breast, 2010. 19(2): 120–7 CrossRef MEDLINE
9.
Wallwiener M, Brucker SY, Wallwiener D, Steering C: Multidisciplinary breast centres in Germany: a review and update of quality assurance through benchmarking and certification. Arch Gynecol
Obstet, 2012. 285(6): 1671–83 CrossRef MEDLINE PubMed Central
10.
Beckmann MW, Brucker C, Hanf V, et al.: Quality assured health care in certified breast centers and improvement of the prognosis of breast cancer patients. Onkologie, 2011. 34(7): 362–7 CrossRef MEDLINE
11.
Brucker SY, Bamberg M, Jonat W, et al.: Certification of breast centres in Germany: proof of concept for a prototypical example of quality assurance in multidisciplinary cancer care. BMC Cancer, 2009. 9: 228 CrossRef MEDLINE PubMed Central
12.
Allemani C, Weir HK, Carreira H, et al.: Global surveillance of cancer survival 1995–2009: analysis of individual data for 25,676,887 patients from 279 population-based registries in 67 countries (CONCORD-2). Lancet, 2015. 385(9972): 977–1010 CrossRef
13.
Mavaddat N, Peock S, Frost D, et al.: Cancer risks for BRCA1 and BRCA2 mutation carriers: results from prospective analysis of EMBRACE. J Natl Cancer Inst, 2013. 105(11): 812–22 CrossRef MEDLINE
14.
Kiechle M and Meindl A: Das familiäre Mamma- und Ovarialkarzinom. Geburtshilfe Frauenheilkd, 2006. 66(6): 545–548 MEDLINE
15.
Wallwiener D, Hahn M, Marx M, Renner SP, Brucker SY, Hoffmann J: Plastische Chirurgie – Die Bedeutung der Onkoplastik in der modernen Senologie. Senologie – Zeitschrift für Mammadiagnostik und -therapie, 2016. 13(1): 7–19 CrossRef
16.
Teufel M, Schäffeler N, Zipfel S: Computerbasiertes Screening in der Psychoonkologie – Behandlungspfade besser Steuern. Deutsches Ärzteblatt PP 2014. 3: 115–6 VOLLTEXT
17.
Hartkopf AD, Wallwiener M, Fehm TN, et al.: Disseminated tumor cells from the bone marrow of patients with non-metastatic primary breast cancer are predictive of locoregional relapse. Ann Oncol, 2015 CrossRef
Paradigmenwechsel in der operativen und konservativen Senologie
Paradigmenwechsel in der operativen und konservativen Senologie
Grafik 1
Paradigmenwechsel in der operativen und konservativen Senologie
Betreuung der Patientin in allen Phasen der Erkrankung durch ein gemeinsam zertifiziertes multidisziplinäres Team.
Betreuung der Patientin in allen Phasen der Erkrankung durch ein gemeinsam zertifiziertes multidisziplinäres Team.
Grafik 2
Betreuung der Patientin in allen Phasen der Erkrankung durch ein gemeinsam zertifiziertes multidisziplinäres Team.
Die gesamte Prozesskette in einer Hand
Die gesamte Prozesskette in einer Hand
Grafik 3
Die gesamte Prozesskette in einer Hand
1.Wallwiener D, Brucker SY, Taran F-A: Operative Gynäkologie – Quo vadis? Der Gynäkologe, 2014. 9: 660–5 CrossRef
2.Robert Koch-Institut (Hrsg) und die Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V. Krebs in Deutschland 2011/2012. Vol. 10. 2015, Berlin.
3.Bundesministerium für Gesundheit. Nationaler Krebsplan – Was haben wir bisher erreicht? http://www.bmg.bund.de/themen/praevention/nationaler-krebsplan/was-haben-wir-bisher-erreicht/ziel-5-qualitaetssicherung-zertifizierung-onkologischer-behandlungseinrichtungen.html, 2016.
4. Lewers Geraedts M Accessibility of organ cancer centres: is there already nation-wide coverage in Germany? Gesundheitswesen, 2015. 77(1): 24–30 MEDLINE
5. Kowalski C, Ferencz J, Brucker SY, Kreienberg R and Wesselmann S: Quality of care in breast cancer centers: results of benchmarking by the German Cancer
Society and German Society for Breast Diseases. Breast, 2015. 24(2): 118–23 CrossRef MEDLINE
6.Brucker SY, Schumacher C, Sohn C, et al.: Benchmarking the quality of breast cancer care in a nationwide voluntary system: the first five-year results (2003–2007) from Germany as a proof of concept. BMC Cancer, 2008. 8: 358 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.Deutsche Krebsgesellschaft. Jahresbericht der zertifizierten Brustkrebszentren. 2014. http://www.krebsgesellschaft.de/wub_zertifizierte_zentren_akutelles_200746.html.
8.Wockel A, Kurzeder C, Geyer V, et al.: Effects of guideline adherence in primary breast cancer--a 5-year multi-center cohort study of 3976 patients. Breast, 2010. 19(2): 120–7 CrossRef MEDLINE
9. Wallwiener M, Brucker SY, Wallwiener D, Steering C: Multidisciplinary breast centres in Germany: a review and update of quality assurance through benchmarking and certification. Arch Gynecol
Obstet, 2012. 285(6): 1671–83 CrossRef MEDLINE PubMed Central
10.Beckmann MW, Brucker C, Hanf V, et al.: Quality assured health care in certified breast centers and improvement of the prognosis of breast cancer patients. Onkologie, 2011. 34(7): 362–7 CrossRef MEDLINE
11.Brucker SY, Bamberg M, Jonat W, et al.: Certification of breast centres in Germany: proof of concept for a prototypical example of quality assurance in multidisciplinary cancer care. BMC Cancer, 2009. 9: 228 CrossRef MEDLINE PubMed Central
12. Allemani C, Weir HK, Carreira H, et al.: Global surveillance of cancer survival 1995–2009: analysis of individual data for 25,676,887 patients from 279 population-based registries in 67 countries (CONCORD-2). Lancet, 2015. 385(9972): 977–1010 CrossRef
13. Mavaddat N, Peock S, Frost D, et al.: Cancer risks for BRCA1 and BRCA2 mutation carriers: results from prospective analysis of EMBRACE. J Natl Cancer Inst, 2013. 105(11): 812–22 CrossRef MEDLINE
14. Kiechle M and Meindl A: Das familiäre Mamma- und Ovarialkarzinom. Geburtshilfe Frauenheilkd, 2006. 66(6): 545–548 MEDLINE
15.Wallwiener D, Hahn M, Marx M, Renner SP, Brucker SY, Hoffmann J: Plastische Chirurgie – Die Bedeutung der Onkoplastik in der modernen Senologie. Senologie – Zeitschrift für Mammadiagnostik und -therapie, 2016. 13(1): 7–19 CrossRef
16. Teufel M, Schäffeler N, Zipfel S: Computerbasiertes Screening in der Psychoonkologie – Behandlungspfade besser Steuern. Deutsches Ärzteblatt PP 2014. 3: 115–6 VOLLTEXT
17.Hartkopf AD, Wallwiener M, Fehm TN, et al.: Disseminated tumor cells from the bone marrow of patients with non-metastatic primary breast cancer are predictive of locoregional relapse. Ann Oncol, 2015 CrossRef

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige