ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2016ADHS-Therapie bei Kindern und Jugendlichen: Methylphenidat ist mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

ADHS-Therapie bei Kindern und Jugendlichen: Methylphenidat ist mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert

Dtsch Arztebl 2016; 113(37): A-1602 / B-1352 / C-1328

Eckert, Nadine

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Die kardiovaskuläre Sicherheit von stimulierenden Wirkstoffen wie Methylphenidat ist umstritten. Es gibt Fallberichte, die auf eine Assoziation mit kardiovaskulären Ereignissen hinweisen, Beobachtungsstudien allerdings lieferten gegensätzliche Evidenz. Epidemiologen in Südkorea analysierten deshalb eine landesweite Kran­ken­ver­siche­rungsdatenbank, um herauszufinden, ob eine Behandlung mit Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) mit kardiovaskulären Ereignissen assoziiert ist.

Insgesamt 1 224 Patienten ≤ 17 Jahre mit einem kardiovaskulären Ereignis, denen mindestens einmal ein Rezept für Methylphenidat ausgestellt worden war, wurden eingeschlossen. Die untersuchten Endpunkte waren Herzrhythmusstörungen, Hypertonie, Herzinfarkt, ischämischer Schlaganfall oder Herzinsuffizienz. In allen Zeiträumen, in denen die Kinder Methylphenidat einnahmen, beobachteten die Forscher erhöhte Risiken für Herzrhythmusstörungen (Inzidenzratenverhältnis 1,61; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 1,48–1,74). Am höchsten war das Risiko bei Kindern mit kongenitaler Herzerkrankung. Eine signifikante Risikoerhöhung für Herzinfarkt wurde ebenfalls beobachtet (1,33; 95-%-KI: 0,90–1,98), aber nicht in allen exponierten Zeiträumen. Erhöht war das Risiko von Tag 8 bis Tag 56 nach Beginn der Einnahme. Die Risiken für Hypertonie, ischämischen Schlaganfall oder Herzinsuffizienz waren nicht erhöht.

Fazit: Die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit ADHS ist im Zeitraum von 8 bis 56 Tagen nach Einnahme von Methylphenidat mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert.

„Die Studie hat den methodischen Vorteil, dass sie sich auf eine vollständige landesweite Datenbank von Kindern stützen kann, die ein kardiovaskuläres Ereignis erlitten hatten und zu irgendeinem Zeitpunkt in einem mehrjährigen Zeitraum wegen einer koexistenten ADHS-Symptomatik mit Methylphenidat behandelt worden waren“, kommentiert Prof. Dr. med. Dr. phil. Dr. h. c. Helmut Remschmidt, emeritierter Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Philipps-Universität Marburg. „Das konstanteste Ergebnis war das erhöhte Risiko für Herzrhythmusstörungen. Dass dieses bei Kindern mit kongenitalen Herzkrankheiten am höchsten war, ist nicht erstaunlich.“ Für die Praxis bedeute dies, dass bei der Verordnung von Methylphenidat stets an ein Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen zu denken sei, erläutert Remschmidt. Bei Kindern mit einer kongenitalen Herzerkrankung sollte Methylphenidat möglichst nicht angewandt werden. Unter den kardiovaskulären Risiken stehen Herzrhythmusstörungen an erster Stelle. Im Hinblick auf das Herzinfarktrisiko sind die Ergebnisse uneinheitlich. Wenn überhaupt ist es nur in den ersten acht Behandlungswochen erhöht.

Nadine Eckert

Shin JY et al.: Cardiovascular safety of methylphenidate among children and young people with attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD): nationwide self controlled case series study. BMJ 2016; 353: i2550.

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