ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2016Internationale Gesundheit: Die WHO wird dringend gebraucht

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Internationale Gesundheit: Die WHO wird dringend gebraucht

Korzilius, Heike

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Die Welt­gesund­heits­organi­sation soll in globalen Gesundheitsfragen federführend sein. Dazu gehört auch der Kampf gegen Seuchen. Doch die UN-Organisation muss sich reformieren, wenn sie ihrer Rolle gerecht werden will.

Hauptentscheidungsgremium: Vertreter der 194 WHO-Mitgliedstaaten kamen im Mai dieses Jahres in Genf zur 69. Weltgesundheitsversammlung zusammen. Foto: picture alliance
Hauptentscheidungsgremium: Vertreter der 194 WHO-Mitgliedstaaten kamen im Mai dieses Jahres in Genf zur 69. Weltgesundheitsversammlung zusammen. Foto: picture alliance

Versagen, Fiasko, Krise – Wenn von der Rolle der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) im Kampf gegen die Ebola-Epidemie 2014 und 2015 in Westafrika die Rede ist, fallen die Urteile vernichtend aus. Monatelang spielte die Gesundheitsbehörde der Vereinten Nationen Warnungen von Ärzte ohne Grenzen herunter, die Epidemie gerate außer Kontrolle. Appelle für mehr Unterstützung verhallten ungehört, so dass die Hilfsorganisation letztlich ungewollt eine Führungsrolle im Kampf gegen die Seuche einnahm, die am Ende mehr als 10 000 Opfer forderte.

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„Die WHO hätte das Virus bekämpfen sollen, nicht Ärzte ohne Grenzen“, heißt es im Bericht der Hilfsorganisation „Pusehd to the Limit and Beyond“, in dem sie die Krisenintervention während der Ebola-Epidemie aufarbeitet. Die WHO hätte Prioritäten setzen und die internationale Hilfe koordinieren müssen. Denn genau diese Führungsrolle in Sachen globaler öffentlicher Gesundheit hatte die Weltgemeinschaft ihr bei der Gründung 1948 zugedacht. Die zögerliche Haltung der UN-Organisation führte stattdessen dazu, dass auch die internationale Staatengemeinschaft die Gefährlichkeit des Ausbruchs in Westafrika lange unterschätzte.

Die WHO macht vieles richtig

Warum versagte die WHO im entscheidenden Moment? Nach Ansicht von Experten verzögerte die relative Autonomie des afrikanischen Regionalbüros, der dort herrschende Unwille, mit dem Hauptsitz in Genf zu kommunizieren, und die starke Politisierung des Büros die Reaktion auf Ebola. Dazu kam das chronische Problem mangelnder personeller und finanzieller Ressourcen. Der Ruf nach grundlegenden Reformen wurde laut.

„Große Reformankündigungen ziehen sich durch die gesamte WHO-Geschichte“, sagt Dr. rer. pol. Tine Hanrieder dem Deutschen Ärzteblatt. Die Wissenschaftlerin forscht am Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin zu internationalen Organisationen. Es seien letztlich immer dieselben Probleme, mit denen sich die WHO auseinandersetzen müsse: die unzureichende Kommunikation zwischen Regionen und Zentrale, mangelnde Prioritätensetzung, Probleme mit Interessenkonflikten und die Abhängigkeit von den Geldgebern. Dennoch ist Hanrieder überzeugt, dass die WHO auch vieles richtig macht. Wenn es darum gehe, international verbindliche Standards für die öffentliche Gesundheit zu setzen, sei die UN-Organisation unverzichtbar. Dass zum Beispiel Polio so gut wie ausgerottet ist, es weltweit anerkannte Therapiestandards zur Behandlung von Tuberkulose oder eine Liste grundlegender Medikamente gibt, ist der UN-Organisation zu verdanken.

Die Staaten üben Druck aus

„Auch in Krisen läuft es nicht komplett schlecht“, gibt Hanrieder zu bedenken. „Die WHO hat einen guten Überwachungsapparat und wenn irgendwo auf der Welt die Cholera ausbricht, laufen in Genf die Fäden zusammen.“ Das große Problem der WHO ist nach Hanrieders Ansicht die mangelnde Unabhängigkeit von politischen Interessen. Die 194 Mitgliedstaaten der WHO sind deren Hauptgeldgeber. Von den 4,4 Milliarden US-Dollar, die der Organisation für 2016 und 2017 zur Verfügung stehen, stammt jedoch weniger als ein Viertel aus regulären Mitgliedsbeiträgen. Der Rest besteht aus freiwilligen Zuwendungen der Staaten oder, zu einem geringeren Teil, von Nicht-Regierungsorganisationen und Stiftungen, die häufig zweckgebunden sind. „Die Geldgeber haben immer gemischte Motive“, meint Hanrieder. „Einerseits wollen sie, dass die WHO unabhängiger und effizienter funktioniert. Andererseits will jeder die Verwendung der eigenen Mittel beeinflussen. Man möchte sein Lieblingsprojekt fördern und zwar so, dass man es zu Hause gut verkaufen kann.“

Staatliche Interessen verhinderten aber nicht nur, dass die WHO frei über große Teile ihres Budgets verfügen könne. Sie schränkten auch deren politische Unabhängigkeit ein. So gerate das WHO-Sekretariat regelmäßig unter Druck, wenn es versuche, Standards oder Empfehlungen zu erarbeiten, die den Wirtschaftsinteressen der großen Geldgeberstaaten schadeten. Die Einführung der Liste grundlegender Medikamente beispielsweise hatte 1982 zur Folge, dass die USA als wichtiger Pharmastandort die Mitgliedsbeiträge einfror.

Eine größere Unabhängigkeit der WHO von staatlichen Interessen fordert auch Ärzte ohne Grenzen. Nur dann könne die Organisation ihrer Führungsrolle zum Schutz der globalen Gesundheit gerecht werden, erklärt Heather Pagano von der Ebola Task Force der Organisation in Brüssel: „Wir brauchen eine solche Organisation.“ Pagano mahnt insbesondere Reformen bei den Nothilfestrukturen an. Zur öffentlichen Gesundheit gehöre mehr als die Verfolgung langfristiger Ziele wie Prävention oder die Stärkung von Gesundheitssystemen. Die WHO müsse auch in der Lage sein, rasch auf Notsituationen und Epidemien reagieren zu können. Dabei dürfe sich die Organisation nicht auf die Koordination von Personal und Experten beschränken. Sie müsse auch Forschungsschwerpunkte setzen. Bessere Diagnosemöglichkeiten, Impfstoffe und Medikamente zur Behandlung von Infektionen wie Zika, Ebola, Dengue oder Gelbfieber seien dringend erforderlich.

Die WHO bemüht sich derweil, Konsequenzen aus dem Ebola-Desaster zu ziehen. Im Mai stimmte die Weltgesundheitsversammlung einem Programm für gesundheitliche Notlagen zu, das WHO-Sprecher Tarik Jasarevic als „eine der tiefgreifendsten Veränderungen in der Geschichte der Organisation“ bezeichnet. Das Programm ergänzt die traditionellen technischen und normativen Aufgaben der WHO um operative Kapazitäten, also eigenes Personal, das bei der Bewältigung von Epidemien und humanitären Notlagen vor Ort eingesetzt werden kann. Der Notfalletat der WHO wurde entsprechend um 160 Millionen auf 494 Millionen US-Dollar erhöht.

400 Millionen von Bill Gates

Jasarevic verweist auf weitere Fortschritte bei der Transparenz der Mittelverwendung. Konnte die Weltgesundheitsversammlung bis vor ein paar Jahren lediglich über die Verwendung der regulären Mitgliedsbeiträge – ein Viertel des Haushalts – entscheiden, stimmt sie jetzt über den Gesamthaushalt und die Budgets für die einzelnen Programme ab. Der Finanzbericht 2016/17 weist sechs Arbeitsbereiche aus: Infektionskrankheiten, nicht übertragbare Krankheiten, Gesund­heits­förder­ung, Gesundheitssysteme, Krisen- und Notfallmanagement sowie Verwaltungsaufgaben. „Auch freiwillige Zuwendungen können seit dieser Reform nur für Programme eingesetzt werden, denen die Weltgesundheitsversammlung zugestimmt hat“, sagt Jasarevic. Diese, und damit mittelbar die Mitgliedstaaten, setzten die Prioritäten. Das Verfahren beschränke auch den Einfluss privater Spender wie der Gates Stiftung, die neun Prozent der Mittel zum WHO-Haushalt beitrage.

Heike Korzilius

Gesundheit für alle weltweit

Die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) hat sich in ihrer Verfassung das Ziel gesetzt, für alle Menschen das bestmögliche Gesundheitsniveau zu verwirklichen. 1948 von den Vereinten Nationen gegründet, gehören ihr 194 Mitgliedstaaten an. Diese finanzieren durch reguläre und freiwillige Beiträge hauptsächlich den WHO-Zweijahreshaushalt von zurzeit rund 4,4 Milliarden US-Dollar. Mit gut 100 Millionen US-Dollar ist Deutschland fünftgrößter staatlicher Geldgeber der UN-Organisation (siehe vorheriger Artikel).

Die WHO unterstützt die Mitgliedstaaten bei der Umsetzung von Gesundheitsprogrammen, sie setzt Leitlinien und Standards, fördert die medizinische Forschung und leistet Soforthilfe bei Katastrophen. Arbeitsschwerpunkte sind der Kampf gegen Krankheiten und die Gesund­heits­förder­ung. Die Organisation hat ihren Hauptsitz in Genf und unterhält sechs Regionalbüros. Höchstes Entscheidungsorgan ist die Weltgesundheitsversammlung, die einmal jährlich in Genf tagt.

2017 wählt die Weltgesundheitsversammlung einen neuen Generaldirektor. Das Amt hat seit 2006 die chinesische Ärztin Margaret Chan inne. Die Mitgliedstaaten haben bis zum 22. September Zeit, Kandidaten zu nominieren, die erstmals öffentlich benannt werden. Drei Kandidaten wird der Exekutivrat, dem 34 Regierungsvertreter angehören, der Weltgesundheitsversammlung zur Wahl vorschlagen. Bislang war es nur einer.

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