POLITIK

Suizidprävention: Bei Verdacht ansprechen

Dtsch Arztebl 2016; 113(37): A-1584 / B-1336 / C-1312

Gießelmann, Kathrin

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An vielen Stellen gibt es noch Defizite in der Suizidprävention. Häufige Irrtümer und Stigmata behindern den Fortschritt. Eine überparteiliche Lösung soll helfen.

Bestimmte Brücken zählen zu den Suizid-Hotspots, auf denen sich teilweise um die 200 Menschen jährlich das Leben nehmen. Ein Zaun oder Netz kann viele Suizidversuche verhindern. Foto: picture alliance
Bestimmte Brücken zählen zu den Suizid-Hotspots, auf denen sich teilweise um die 200 Menschen jährlich das Leben nehmen. Ein Zaun oder Netz kann viele Suizidversuche verhindern. Foto: picture alliance

Die Suizidprävention in Deutschland hat erheblichen Nachholbedarf. Zwar liegen Vorschläge des nationalen Suizidpräventionsprogramms (NaSPro) vor – sie würden aber nicht ausreichend verwirklicht. Darauf machten Mitglieder des Deutschen Bundestages mit Verbänden anlässlich des Welttags der Suizidprävention Anfang September in Berlin aufmerksam.

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Studien haben gezeigt, dass Suizidenten in den Wochen davor häufiger ihren Hausarzt aufsuchen, berichtete Prof. Dr. phil. Dr. med. Armin Schmidtke. „Ärzte und Angehörige sollten bei Verdacht Menschen auf Suizidpläne ansprechen“, rät der Initiator des NaSPro. Das passiere viel zu selten, aus Angst, ihr Gegenüber erst dazu zu ermutigen. „Das ist das schlimmste Vorurteil im Umgang mit Suizidgefährdeten“, ist sich der Psychotherapeut sicher. Einige Hausärzte hätten nicht mal die Telefonnummer der Notfallseelsorge parat.

In ihrem Forderungskatalog haben Mitglieder der SPD, der Grünen und der Linken daher festgehalten: Die Aus-, Fort- und Weiterbildung aller Gesundheits- und Sozialberufe müsse Suizidalität stärker berücksichtigen. Zudem fordern sie einen kurzfristigen Zugang zur psychotherapeutischen Versorgung. Sprechstunden sollen in der psychotherapeutischen Praxis ab Januar 2017 eingerichtet werden – das hat der Gemeinsame Bundesausschuss im Juni beschlossen. „Das kann jedoch nur ein erster Schritt sein“, kommentierte Maria Klein-Schmeink, gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen.

Bereits letztes Jahr gab es einen Antrag zur Suizidprävention im Bundestag. „Eine Einigung konnten wir bisher nicht erreichen“, berichtete Klein-Schmeink. Sie hofft auf eine überparteilichen Lösung.

Welche Maßnahmen in den letzten Jahren am besten geholfen haben, um Suizide zu vermeiden, wurde kürzlich im Lancet Psychiatry publiziert (siehe Kasten). Die Autoren heben vor allem den eingeschränkten Zugang zu Suizid-Hotspots, wie etwa Brücken, hervor. Seit dem Jahr 2005 sei auf diese Weise ein Rückgang der Suizide um 86 Prozent zu verzeichnen. In der Realität schreitet die Umsetzung nur langsam voran. In Münster wird seit acht Jahren mit dem Denkmalschutzamt über den Bau eines Zauns an einer solchen Hotspot-Brücke diskutiert. „Ein einziger Notfalleinsatz kostet mit 60 000 Euro genauso viel wie ein Zaun“, gibt Schmidtke zu Bedenken. Eine weitere effektive Maßnahme, die nur schleppend vorangeht, sei der eingeschränkte Zugriff auf Schmerzmittel. Hierdurch verringerte sich die Suizidrate der Studie zufolge seit 2005 um 43 Prozent. Hilfreich seien auch kleinere Packungsgrößen.

Wie wichtig Prävention ist, zeigen die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2014: In Deutschland sterben mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Aids, illegale Drogen und Gewalttaten zusammen: 10 209, dreimal so viele wie Verkehrstote. Weit über 100 000 Menschen unternahmen einen Suizidversuch. Vor allem ältere Menschen nehmen sich das Leben. Sie hätten Angst vor einer entwürdigenden Behandlung und davor, der Familie zur Last zu fallen, begründete Schmidtke das erhöhte Risiko.

Kathrin Gießelmann

Strategien zur Intervention

  • eingeschränkter Zugang zu Suizid-Hotspots, wie etwa Brücken
  • eingeschränkter Zugriff auf Waffen, Schmerz- und Schlafmittel, Pestizide und so weiter
  • Aufklärungsarbeit an Schulen
  • Clozapin und Lithium
  • medikamentöse und psychotherapeutische Behandlung von Depressionen
  • speziell ausgebildete Allgemeinmediziner

Quelle: Zalsman et al. 2016, DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S2215-0366(16)30030-X

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