ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2016Von Schräg unten: Punkte

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Punkte

Böhmeke, Thomas

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Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben ein Problem. Wir arbeiten gegen die Vorstellungen unserer Schutzbefohlenen, sozusagen kontradiktatorisch gegen die Welt unserer Patienten, gegen die von ihnen geschätzten Werte. Schlagartig und glasklar wurde dies mir vor Augen geführt, als ich meine wöchentlichen Einkäufe zu tätigen hatte. Weil: Im Supermarkt kriegen Sie Punkte. Und wenn Sie genug gesammelt haben, kriegen sie dafür etwas umsonst oder zum Sonderpreis. Alle gehen hin und sammeln und die Augen leuchten beim Punktesammeln satter als eine Immunfluoreszenz, strahlen wie eine OP-Leuchte, wenn sie einen eigentlich nicht benötigten Kochlöffel, den überflüssigen Schraubendreher, den niemals vermissten Bohrhammer umsonst bekommen.

Bei uns ist das anders. Da sammeln unsere Patienten auch Punkte, aber bekommen dafür etwas auf genau die Augen gedrückt, die doch lieber leuchten wollen. Nehmen wir nur mal den allseits beliebten CHA2DS2-VASc-Score. Sind Sie weiblich? Haben gar eine Arterienverkalkung? Oder eine Herzschwäche? Und schon legen sich zuvor entspannte Gesichter in mehr Falten als der gesamte Dünndarm inwendig zu bieten hat. Da hilft auch kein HAS-BLED-Score, um sich vor dem ärztlichen Diktum zu drücken: einmal Vorhofflimmern, immer plasmatische Antikoagulation! Wenn es dann um Cumarine und deren Cousinen geht, ist die Stimmungslage der Arrhythmiegeplagten förmlich kryokonserviert. Und das Leuchten in den Augen, das zuvor im Kaufhaus der Wahl den Tag vergoldete, verglimmt wie Kaltlicht bei Kurzschluss.

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Damit soll aber Schluss sein, so habe ich für mich beschlossen, ich will weg von den Punkten, die Pessimismus programmieren und unsere Patienten krank machen! Ich will Punkte vergeben, um die Menschen glücklich zu machen; Punkte, die mehr Freude bringen als besagter Bohrhammer. Der Nächste, bitte. Ah, ein mir schon lange bekannter koronarkranker Patient. Und? Hat er es endlich geschafft, den ihn ständig und unverschämt anheim fallenden Zigaretten Lebewohl zu sagen? „Es war hart, Herr Doktor, aber ich habe es geschafft!“ Prima! Dickes Lob! Das macht satte fünf Punkte. Nimmt er seine Medikamente regelmäßig? „Zuverlässiger als das Finanzamt abbucht!“ Super! Da kommen gleich noch zwei Punkte oben drauf. Jetzt darf ich alles nachgucken. Ah, ein schönes Echo, ein fröhlich pumpendes Herz: noch mal zwei Punkte! Das Ruhe-EKG ist tadellos, das Belastungs-EKG formidabel. Macht zusammen 15 Punkte, Gratulation! „Das habe ich noch nie gehört, dass man beim Facharzt Punkte kriegt, wenn alles in Ordnung ist, das ist ja was ganz Neues.“ Fortschritt ist der Diener der Menschheit, der neue Horizonte eröffnet, um Glück und Gesundheit zu erlangen.

„Aber sagen Sie mal, kriege ich auch was für meine vielen Punkte?“ Selbstverständlich! „Das hätte ich nie gedacht, das ist ja spannend, was bekomme ich denn für meine Punkte?“ Sie kriegen keine Krankenhauseinweisung. Auch keinen Linksherzkatheter. Sie kriegen keine neue Herzklappe, ebenso keinen aortokoronaren Bypass. Weder Ballon noch Stent, weder Schrittmacher noch Defibrillator! Er schaut mich völlig überrascht an, muss sich erst mal sammeln, dann strahlt er mich an: „Herr Doktor, ehrlich gesagt ... ich war noch nie so glücklich, für gesammelte Punkte nix zu kriegen!“

Na also, geht doch.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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