ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2016Arztbesuche: Haltlose Vorwürfe
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Michael Schmedt, Stellvertretender Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellvertretender Chefredakteur

Es gibt Ereignisse im Jahr, da kommen Vorwürfe gegenüber der Ärzteschaft schon fast wie das berühmte Murmeltier daher, so zum Beispiel kurz vor dem Deutschen Ärztetag. In dessen Vorfeld wird gerne auf „neue“ Statistiken zum Abrechnungsbetrug hingewiesen. Differenzierte Zahlen zu den beteiligten Gesundheitsberufen fehlen meistens, in den Medien werden aber überwiegend Ärzte als Verursacher genannt.

Und es gibt Zeiten, da fehlen solche Ereignisse, so im nachrichtenarmen Sommerloch. Aber auch hier gilt „the same procedure as every year“. Dann ist es vielleicht nicht der Abrechnungsbetrug, sondern zur Abwechslung der „Ärztepfusch“. Nachrichtenarm war dieser Sommer politisch allerdings nicht: Flüchtlingspolitik, Wahlkampfgetöse in Bund und Ländern, AfD und die unsägliche Diskussion um die Gesundheit der US-Präsidentschaftsbewerber bestimmen die Medien. In der Gesundheitspolitik ist es dagegen relativ ruhig. Die richtige Gelegenheit, auf Kosten der Ärzte auf den Putz zu hauen, dachte sich wohl der Chef der Kaufmännischen Krankenkasse, Ingo Kailuweit, ein Jahr vor seinem Ruhestand. Es gebe keinen Ärztemangel, die Patienten würden einfach zu oft zum Arzt gehen, sagte er gegenüber der Bild-Zeitung. Jeder zweite Arztbesuch sei überflüssig. Abgesehen davon, das Kailuweit jegliche Statistik schuldig blieb, die diese Behauptung stützen könnte, hatte er direkt auch den Schuldigen ausgemacht: Patienten würden zu häufig falsch behandelt und Hausärzte „hielten“ ihre Patienten zu lange, erklärte er gegenüber der Zeitung. Und da wäre es wieder, das Muster: Eine unbewiesene Zahl in die Welt gesetzt, fertig ist das Pauschalurteil.

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Die Reaktion blieb nicht lange aus: „Wir müssen dringend über eine Steuerung der Inanspruchnahme medizinischer Leistungen sprechen, wie es KBV und Kassenärztliche Vereinigungen in ihrem Programm ,KBV 2020‘ auch fordern“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KBV, Dr. med. Andreas Gassen. Purer Populismus à la KKH führe aber nicht weiter. Gassen verwies darauf, dass schon heute jede zehnte von Ärzten erbrachte Leistung im Durchschnitt nicht vergütet wird. „Es besteht also überhaupt kein Interesse daran, unnötigerweise die Zahl der Arztkontakte beziehungsweise der Praxisbesuche der Patienten zu steigern“, so Gassen. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, wies die Kritik ebenfalls zurück. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, kritisierte Montgomery. „Seine Behauptungen sind unredlich und populistisch“, sagte er der Passauer Presse. Für die Deutsche Stiftung Patientenschutz sind die Aussagen des KKH-Chefs „heiße Luft“. „Wenn Krankenkassen davon träumen, Arztbesuche zu steuern, dann ist das der Alptraum für die Patienten“, so Vorstand Eugen Brysch.

Man mag argumentieren, die Vorwürfe Kailuweits entlarven sich doch von selbst. Unterschätzen sollte man aber nicht, wie Aussagen, die Falschbehandlung durch Ärzte seien Ursache von zu vielen Arztbesuchen, beim Leser und damit Patienten ankommen. Immerhin erreicht die BILD-Zeitung rund elf Millionen Menschen. Politisch betrachtet sind solche Aussagen ebenfalls nicht zweckdienlich. Denn die gemeinsame Selbstverwaltung muss zwar hart, aber fair verhandeln – gerade für den Patienten. Da nützen haltlose Vorwürfe gegenüber Verhandlungspartnern rein gar nichts.

Auf die Nachfrage des Deutschen Ärzteblattes, auf welche Fakten Kailuweit seine Aussagen konkret stützt, äußerte sich die Kasse nicht.

Michael Schmedt
Stellvertretender Chefredakteur

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