ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2016Literarische Orte: Bei der Kapelle lauscht der Dichter den Hirtenknaben

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Literarische Orte: Bei der Kapelle lauscht der Dichter den Hirtenknaben

Jachertz, Norbert

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Ludwig Uhland sammelte Volkslieder und schrieb selbst welche – wenn ihm die Politik dafür Zeit ließ.

Hoch über dem Tal: Seit Generationen ist die Wurmlinger Kapelle Ausflugsziel der Tübinger Studenten. Foto: Fotolia/Christian Pedant
Hoch über dem Tal: Seit Generationen ist die Wurmlinger Kapelle Ausflugsziel der Tübinger Studenten. Foto: Fotolia/Christian Pedant

Steil ragt Tübingens Altstadt am Neckarufer auf. Stocherkähne gleiten über das Wasser. Mitten im Fluss liegt eine Insel mit Platanenallee und Liegewiesen – Studentinnen und auch Studenten allenthalben. Die Altstadt endet beim Schloss Hohentübingen. Die Universität zeigt hier ihre weltberühmten Sammlungen aus alter und sehr alter Zeit, darunter das kleine Pferdchen aus Mammutbein, sein Alter wird auf 35 000 Jahre geschätzt. Am Ende des Turnierhofes führen zwei überwölbte Gänge auf die Außenbastionen, der rechte dann weiter zur Wurmlinger Kapelle. Seit Generationen wandern Studenten die anderthalb Stunden zu dem Kirchlein hoch über dem Tal – wenn sie nicht auf halbem Wege beim Bier- und Weingarten des Schwärzloch hängen bleiben.

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Nicht so Ludwig Uhland (1787–1862). Er besuchte mit Freunden des schwäbischen Romantikerkreises die Kapelle und bedichtete sie: „Droben stehet die Kapelle“, ein Gedicht, das wie ein Volkslied klingt. Doch dürfte Uhland, wie es seine Art war, lange daran gearbeitet haben, bis es wie selbstverständlich lief. Der Dichter „bewegte nämlich die Gegenstände seiner Poesie oft lange Zeit in seinem Gemüt, schrieb aber dann seine Verse, einer raschen Eingebung folgend, nieder“ (so der Uhland-Forscher Hermann Bausinger).

Die „Kapelle“ entstand 1805, Uhland war da 18 Jahre jung. Das Gedicht zeuge von einer „plötzlichen Meisterschaft“, vermerkt der Germanist Hartmut Fröschle. Er kann sich diese nicht so recht erklären, genauso wenig wie das Verstummen des Dichters in den mittleren Lebensjahren, nachdem er bis dahin zuverlässig liedhafte Gedichte und historische Balladen vorgelegt hatte. Uhlands Zeitgenosse Goethe vermutete, der Politiker habe den Poeten „aufgezehrt“. Verstummt ist um 1830 tatsächlich „nur“ der Dichter. Als Politiker äußerte sich Uhland bis ins Alter und als Wissenschaftler gar bis in hohe Alter.

Leidenschaftlicher Demokrat

Seinen Freund aus Studententagen, den Arzt Justinus Kerner (1786–1862), erinnert Uhland 1844 an einen Abstieg von der Wurmlinger Kapelle. Man habe Hirtenknaben „volksmäßige Lieder“ singen hören. Noch in spätem Alter, fährt Uhland fort, sei er diesen Liedern nachgegangen und habe „deren viele eingehascht“. „Aber der romantische Duft, in dem sie uns damals erglänzten, ist ihnen hie und dort von den Flügeln gestreift,“ bedauert er. Sie erschienen ihm jetzt „geschichtlicher“. Diese Bemerkung dürfte seiner Sammlung alter hoch- und niederdeutscher Volkslieder gelten, einer der großen wissenschaftlichen Leistungen Uhlands. Der erste Band ist 1844 gerade bei Cotta in Tübingen erschienen und Uhland ist nun dabei, die Lieder zu kommentieren. Das allerdings dauert. Band 2 und 3 erscheinen erst nach seinem Tode.

Neben den Volksliedern, denen Uhland auch dichterisch nachzueifern suchte, beschäftigten ihn als Wissenschaftler und als Balladendichter über Jahrzehnte die Sagen germanischer und romanischer Völker sowie die Poesie des Mittelalters, namentlich die des Walther von der Vogelweide. Falls er dazu Zeit fand. Denn Ludwig Uhland war auch Politiker. Ob aus Neigung oder bloß aus Pflichtgefühl, das ist immer noch die Frage. Zwischen 1820 und 1826 sowie 1833 und 1838 gehörte er jedenfalls dem württembergischen Landtag an, 1848 und 1849 der Deutschen Nationalversammlung. Während all der parlamentarischen Jahre fehlte er nur ein einziges Mal (weil ihm unwohl war). Zu seiner Hochzeit 1820 kam er zu spät, weil ihn eine Abstimmung im Landtag aufgehalten hatte. Das alles spricht für Pflichtgefühl.

Doch das allein kann nicht erklären, weshalb seine Neigung zum Dichten und wissenschaftlichen Arbeiten über der Politik zurückzutreten hatte. Liest man heute Uhlands politische Schriften, meist Redemanuskripte, so blitzt etwas wie Leidenschaft durch. Dieser beherrschte, wortkarge Mensch, dieser Dichter, der seine Reden ablesen musste, war nämlich ein leidenschaftlicher Demokrat, ein „Freund deutscher Volksfreiheit und deutscher Nationaleinheit“ (Uhland über Uhland). Und damit steht er in einer württembergischen Tradition.

Patriotischer Dichter

Wir stehen hoch oben bei der Wurmlinger Kapelle und schauen weit ins Land. Im Tal blühende Obstbäume, Weingärten und die im Ländle allgegenwärtigen properen Gewerbegebiete. Vor uns liegt die Bischofsstadt Rottenburg, hinter uns Tübingen, die eine in Südwürttemberg und katholisch, die andere in Nordwürttemberg und protestantisch. Die konfessionelle Gliederung hatte enorme Bedeutung. Denn nachdem die beiden Landesteile 1805 vereinigt wurden – eine Folge der napoleonischen Kriege – musste eine neue Verfassung her, die beiden Landesteilen gerecht wurde. König Friedrich versuchte es zwar zunächst ohne, dann wollte er eine „von oben“ erlassen und bei der Gelegenheit gleich manche ungeliebten alten Rechte der altwürttemberger Stände beseitigen. Das misslang. Der junge Uhland gehörte zu des Königs Gegnern.

Unter Friedrichs Nachfolger Wilhelm kam 1819 tatsächlich eine Verfassung zustande, die weitaus liberaler war als die Verfassungen im übrigen Deutschland; sie überstand sogar den Rollback nach der unglücklichen deutschen Revolution von 1848. Uhland, der nicht nur Dichter sondern auch studierter Jurist war, hatte an der württembergischen Verfassung mitgewirkt. Und zum Erfolg der Demokraten im Verfassungskonflikt hatte nicht zuletzt sein hoher Bekanntheitsgrad als patriotischer Dichter beigetragen.

Zurück in Tübingen: An Ludwig Uhland erinnert neben allerlei Plaketten ein Denkmal. Erhobenen Hauptes und mit spitzer Nase blickt der große Sohn der Stadt, die viele große Söhne hat, vom rechten Neckarufer auf sein Tübingen. Errichtet wurde die hohe Säule 1873, nach der Gründung des Deutschen Reiches. Ihre Bezeichnung als „Deutsches Nationaldenkmal“ zeugt von einem Missverständnis. Denn Uhlands Deutschland sah anders aus als jenes, das nach dem Krieg von 1870/71 entstand. Uhland hatte im Paulskirchenparlament für einen deutschen, demokratisch verfassten Bundesstaat unter Einschluss Österreichs geworben, das „Erbkaisertum“ abgelehnt und die Wahl des Staatsoberhauptes durch das Volk gefordert. Er war unterlegen. Durchgesetzt hatte sich die Bismarck’sche kleindeutsche Lösung samt Kaiser Wilhelm.

Über einen Steg erreichen wir die Neckarinsel. Unweit links zeugt eine Art Heldendenkmal von einem weiteren Missverständnis. Das Gedenken gilt Friedrich Silcher, dem Tübinger Zeitgenossen Uhlands und Komponisten vieler eingängiger Lieder. Zu sehen sind ein sinnender Silcher und, hinter seinem Rücken, ein Wehrmachtssoldat in voller Montur. Errichtet wurde das janusköpfige Monument 1940, um an das Lied vom guten Kameraden zu erinnern. Dessen Text stammt von Uhland, die Melodie von Silcher. Uhlands Text hat nichts Heldenhaftes an sich. Er schrieb die stilen Verse 1809, als badische Truppen auf Napoleons Seite gegen Tirol zu Felde zogen. Der junge Mann, der selbst nie Soldat war, verlor dabei einen Freund, der auf Österreichs Seite gestanden hatte.

Unser Blick wandert über den Fluss zur Neckarhalde und bleibt am Hölderlin-Turm hängen. Dort verbrachte Friedrich Hölderlin (1770–1843) die letzten 36 Jahre seines Lebens, bewacht und behütet vom Schreiner Ernst Zimmer und dessen Tochter Lotte. In seinen Jahren als freier Mann wanderte Hölderlin gerne. Er liebte den „Gang aufs Land“, um an eine seiner Elegien zu erinnern („Komm! ins Offene, Freund!“), und er schätzte die Wurmlinger Kapelle, „wo die berühmte schöne Aussicht ist“. Noch zu Hölderlins Lebzeiten kümmerte sich übrigens Ludwig Uhland darum, dass dessen verstreute Gedichte veröffentlicht wurden.

Norbert Jachertz

„Die Kapelle“

Plötzliche Meisterschaft: Ludwig Uhland verfasste das Gedicht „Die Kapelle“ 1805. Foto: picture alliance
Plötzliche Meisterschaft: Ludwig Uhland verfasste das Gedicht „Die Kapelle“ 1805. Foto: picture alliance

Droben stehet die Kapelle,
Schauet still ins Tal hinab.
Drunten singt bei Wies’ und Quelle
Froh und hell der Hirtenknab.

Traurig tönt das Glöcklein nieder,
Schauerlich der Leichenchor;
Stille sind die frohen Lieder,
Und der Knabe lauscht empor.

Droben bringt man sie zu Grabe,
Die sich freuten in dem Tal;
Hirtenknabe, Hirtenknabe!
Dir auch singt man dort einmal.

Ludwig Uhland

1.
Ludwig Uhland Gedichte, herausgegeben von Peter von Matt, Reclam, 88 Seiten
2.
Ludwig Uhland. Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Hermann Bausinger, München (Winkler) 1987, 411 Seiten (nur antiquarisch MEDLINE
3.
Andreas Rumler: Literarische Spaziergänge durch Tübingen. Stuttgart (Theiss) 2013, 232 Seite MEDLINE
1.Ludwig Uhland Gedichte, herausgegeben von Peter von Matt, Reclam, 88 Seiten
2.Ludwig Uhland. Ausgewählte Werke. Herausgegeben von Hermann Bausinger, München (Winkler) 1987, 411 Seiten (nur antiquarisch MEDLINE
3.Andreas Rumler: Literarische Spaziergänge durch Tübingen. Stuttgart (Theiss) 2013, 232 Seite MEDLINE

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