ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2016Notfallkoffer: Fachlich und medicolegal
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Einige der (in dem Leserbrief, d. R.) getroffenen Aussagen kann ich zwar gut unterschreiben, andere dagegen erfordern klaren Widerspruch, teils aus fachlichen, teils aus medicolegalen Gründen. Aber der Reihe nach:

– „Ein voll ausgerüsteter Notarzt ist […] innerhalb von fünf bis zehn Minuten vor Ort“: Davon kann man nicht ausgehen. Selbst im inner(groß)städtischen Bereich ist die Hilfsfrist (nur für den RTW gültig!), je nach Bundesland meist im Bereich 15–18 Minuten +/–. Und auch diese wird nur in 80–95 Prozent aller Fälle erfüllt. In Zeiten zunehmend vakanter Notarztstandorte (vor allem im reichen Bayern dank der Unterfinanzierung und Attraktivitätsverluste im NAD) ist davon zusätzlich nicht mehr auszugehen. Zuletzt befinden sich häufig die Rettungsmittel belegt durch unkritische Einsätze und unterwegs zu jemandem der „sich absichern“ muss. Hier dürfte der Kollege mit seinem 3-kg-Koffer rasch an der Schwelle des Organisationsverschuldens stoßen.

– Prednisolon ist kein wirklicher Ersatz für Antihistaminika, ist doch die Wirkeintrittszeit, auch iV, deutlich verzögert.

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– Haldol ist generell keine gute Alternative, darf es nach Zulassung nur noch unter Monitorüberwachung i.v.-injeziert werden. Und für s.c. oder i.m. gibt es keine Indikation, da es für derart zeitunkritische Indikationen keine Legitimation für die Injektion gibt (...).

– Adrenalin ist nach der neuen Leitlinie Anaphylaxie Mittel der ersten Wahl, alleine deshalb ist es unverzichtbar. Bei der Reanimation, die der Kollege sicher im Sinn hatte, kann man mangels Evidenz sicherlich zustimmen.

– Morphin kann schlecht durch Tramadol ersetzt werden, alleine aus Gründen der Potenz. Der Herr Kollege möge nie einen größeren Infarkt erleiden und mangels Gewicht des Koffers mit Tramadol versorgt werden.

– MCP ist aufgrund der UAW v.a. i.v. nicht umsonst in seiner Zulassung eingeschränkt worden. Einmalgabe o. k., aber Dimenhydrinat ist hier vorrangig, wenngleich taktisch schlecht, da zur i.v.-Gabe ohne Kurzinfusion unpraktisch. Leider ist Ondansetron vonseiten Preis und Zulassung nicht offiziell empfehlbar.

– Die „Schmerzspritze“ ist sicherlich absolut kontraindiziert, auch wenn der deutsche Arzt dann gezwungen ist, mal „nein!“ zu sagen. Medicolegal ist eine Injektion nur noch selten indiziert, da 5 Minuten Wirkzeiteintritt schneller die UAWs selten legitimieren. Und wenn, dann sicher nur i.v. aber nicht s.c. oder i.m.!

– Pflegeheime sind – nach Aussage der KVB – durchaus verpflichtet, noctu-Rezepte direkt nach Verordnung einzulösen. Wenn hier keine Apotheke gefunden werden kann, die das Zeug nachts ehrenamtlich liefert, ist das Heim verpflichtet, notfalls die Kosten für ein Taxi zu tragen. Die Injektion ist sicherlich durch organisatorische oder günstigere Gründe nicht legitimiert (Körperverletzung!). Wie der Kollege schon richtig später schreibt, wir sind kein Lieferservice – auch nicht für Einrichtungen. Das „Ausleihen“ vom Nachbarpatienten ist genauso wenig zulässig wie die Lagerung von ärztlichen Depots für b.B., auch wenn es hier gerade Änderungen gibt.

– Wieso meint der Kollege, Ibu-, Tilidin- und Loperamid-Tabletten mitführen zu müssen, wenn es zumutbar ist, andere Tabletten durch Angehörige holen zu lassen (wo ich ihm vollkommen Recht gebe!)? Selbiges gilt für Antibiosen. Wir sind nicht verantwortlich für die Bequemlichkeit und das Anspruchsdenken der Bürger. (. . .)

Dr. med. Sven Heidenreich, Facharzt für Allgemeinmedizin, Notfallmedizin, Manuelle Medizin, Naturheilverfahren, 90518 Altdorf

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