ArchivMedizin studieren2/2016Kommentar zur Medizinischen Promotion: Dr. med. Schmalspur

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Kommentar zur Medizinischen Promotion: Dr. med. Schmalspur

Heilani, Myriam W.

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Foto: privat
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Myriam W. Heilani über internationale Skepsis, fragliche Betreuungsverhältnisse und ein Licht am Horizont.

Will ich promovieren? – Das ist die Frage der Fragen, die jeden Medizinstudierenden im Laufe seines Studiums einmal beschäftigt. Bis jetzt wird sie von einem Großteil der Studierenden mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Während alle anderen naturwissenschaftlichen Fächer ihre Promotion in einem Zeitraum von mindestens zwei Jahren nach Abschluss des Studiums (postgradual) durchführen, dürfen wir Mediziner mit der Dissertation bereits parallel zum Studium beginnen. Und dies wollen wir aus ganz unterschiedlichen Gründen.

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Einen Teil von uns beschäftigt zum Beispiel der Gedanke an das eigene Praxisschild – dieses macht mit einem Titel vor dem Namen nun mal mehr her. Wir spüren, dass uns ein diffuser gesellschaftlicher Erwartungsdruck umgibt, der voraussetzt, dass ein Arzt oder Ärztin gleichzeitig auch ein „Dr. med.“ ist.

Es gibt aber auch einen Teil, der grundlegend am Erforschen von bisher unbekanntem Terrain interessiert ist, der mit Leib und Seele für die medizinische Forschung brennt und eine wissenschaftliche Karriere an der Hochschule anstrebt.

Motivation hin oder her, die Spannbreite in der Qualität der medizinischen Promotionen ist groß: Von einer nur wenige Monate andauernden Beschäftigung mit einer statistischen Datenauswertung bis hin zur umfangreichen und qualitativ hochwertigen, teilweise mehrere Jahre in Anspruch nehmenden Dissertation ist alles dabei. Der Umfang der Arbeiten ist inhomogen, denn national einheitliche Anforderungen existieren nicht. Strukturierte Promotionsangebote, die den Studierenden eine Orientierung vorgeben und ihre kontinuierliche Betreuung und Austausch mit anderen Promovierenden ermöglichen, sind in anderen Fächern längst Standard. In der Medizin werden diese jedoch als Novum gefeiert und stehen nur wenigen Studierenden zur Verfügung.

Kein Wunder, dass sich bei so viel Planungs- und Betreuungsunsicherheit viele Studierende ihr Promotionsprojekt immer wieder die Frage stellen. Auch das European Research Council hat sich vor einigen Jahren von der deutschen medizinischen Promotion abgewandt, indem sie sie für „nicht-PhD-äquivalent“ erklärte und fortan deutsche Promovenden von der Vergabe der „Starting Grants“, den begehrten Stipendien für Nachwuchswissenschaftler, ausschließt. International wird die deutsche Medizinerpromotion belächelt und mit einer besseren Masterarbeit verglichen. Grundlegende Anstrengungen zur Aufwertung der Promotion erscheinen folglich dringend notwendig.

Immer wieder werden in teils hitzig geführten Debatten zwei grundlegend verschiedene Dinge miteinander vermischt: Wissenschaftliche Ausbildung und Promotion. Ersteres meint das Erlernen grundlegender wissenschaftlicher Kompetenzen, ohne die ein Arzt sich nicht kritisch mit dem neuesten Standard von Behandlungsoptionen und Medikation auseinandersetzen kann. Es meint die Fähigkeit, wissenschaftliche Fragestellungen zu recherchieren und Publikationen beurteilen zu können.

Dieser Kompetenzerwerb ist jedoch an den Fakultäten oft ungenügend innerhalb des Curriculums verankert. Stattdessen werden die nötigen Fähigkeiten nach dem Prinzip „Learning by Doing“ während der Arbeit am Promotionsprojekt erworben. Das Promotionsprojekt wiederum soll aber eigentlich über das eigenständige wissenschaftliche Arbeiten hinausgehen und dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn dienen.

In den letzten Monaten ergaben sich auf politischer Seite gehäuft Anstrengungen, die Qualität in der medizinischen Promotion in der Breite zu sichern und anzuheben. Dabei reicht die Spannbreite der Diskussion von einem bloßen Beschönigen der jetzigen Lage bis hin zur Abschaffung der studienbegleitenden Promotion und einer Einführung eines Berufsdoktorats (also dem Verleihen eines Titels mit der Approbation ohne Anfertigung einer Dissertation). Ein kleines Licht am Ende des Tunnels für die Studierenden sind zumindest die Zugeständnisse des Medizinischen Fakultätentags an die Aufwertung der medizinischen Promotion.

Doch was wollen eigentlich die Medizinstudierenden? Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) hat erst vor wenigen Monaten eine detaillierte Position zum Thema wissenschaftliche Ausbildung und Promotion verabschiedet. Sie ruft darin nach der Implementierung von flächendeckenden, strukturierten Promotionsprogrammen an den Fakultäten, die postgradual begonnen werden. Die Möglichkeit einer studienbegleitenden Promotion bleibt erhalten. Der eigentliche Erwerb von wissenschaftlichen Kompetenzen muss jedoch im Studium stattfinden und im Curriculum verankert werden, um der Breite der Studierenden die nötigen Kenntnisse zu vermitteln.

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