ArchivMedizin studieren2/2016Medizinische Promotion: So gelingt sie

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Medizinische Promotion: So gelingt sie

Wünsch, Lisa

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Hat man sich entschieden zu promovieren, kann dies durchwachte Nächte bedeuten. Die Autorin – die jetzt ihre Promotion einreicht – verrät, wie man Stress und Frust vermeidet.

Foto: iStockphoto
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Besseres Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten und versiertere Einordnung von Publikationen

Voraussetzung für eine Karriere in der Forschung und Wissenschaft

Vorteilhaft bei geplanter Niederlassung

Erwartungshaltung der Patienten erfüllen

Eigener Anspruch, als Arzt auch ein Doktor zu sein

Enormer Zeitaufwand, im schlimmsten Fall leidet das Studium darunter

Für einen reinen Kliniker keine Voraussetzung mehr

Bei Beginn nach dem Studium verzögert sich der Beginn der Facharztweiterbildung

Ein Arzt, der kein Doktor ist?! Was früher die Ausnahme war, ist heute nicht unüblich. Schätzungen aus dem Jahr 2009 gehen davon aus, dass noch etwa 60 Prozent aller Medizinabsolventen promovieren. Vergleichszahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen jedoch, dass die Bereitschaft, eine Dissertation zu verfassen, Jahr für Jahr zurückgeht. Die Gründe dafür sind unterschiedlicher Natur.

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Ein Aspekt ist der günstige Stellenmarkt für Mediziner. Auch ohne „Doktor“ im Namen ist heutzutage eine Anstellung zu finden. Man ist kein schlechterer Arzt, nur weil man keinen Titel hat. Gerade kommunale Häuser legen auf einen Doktortitel keinen Wert. Anders sieht es an Unikliniken aus. Im Dunstkreis der „Wiege der Wissenschaft und Lehre“ gehört wissenschaftliches Arbeiten und Engagement in der Forschung bekanntermaßen dazu. Ein Doktortitel ist hier Bedingung für ein gutes Vorankommen.

Wie sieht es mit dem gesellschaftlichen Ansehen aus? Für einige Patienten ist jeder Arzt auch automatisch ein „Doktor“. Mit dem Begriff verbindet man Respekt, Zuverlässigkeit und Bildung. Andere schauen gezielt an das Türschild: Fehlt der „Dr.“, kann das im Extremfall dazu führen, dass sich der Patient für einen anderen Arzt entscheidet.

Ein anderer Aspekt: Die medizinische Promotion steht derzeit stark unter Kritik: Ihr haftet der Ruf an, „weniger wert“ zu sein als Arbeiten anderer naturwissenschaftlicher Fachrichtungen. Sie sei weniger umfangreich und anspruchsvoll. Diese Stimmen lassen jedoch außer Acht, dass die medizinische Doktorarbeit in den meisten Fällen studienbegleitend durchgeführt wird. Eine Vergütung gibt es fast nie, viele Studenten arbeiten nebenher. Diese äußerlichen Bedingungen sind natürlich nicht vergleichbar mit einem Physikabsolventen, der sich nach erfolgreichem Abschluss fünf Jahre lang und unter Bezahlung seinen Forschungen widmen kann. Dennoch muss man sich eingestehen, dass es große Unterschiede hinsichtlich den Anforderungen zwischen den Fachrichtungen und auch zwischen den Universitäten gibt. Bundesweit einheitliche Qualitätsstandards der medizinischen Promotion fehlen.

Einheitlich ist lediglich die Bedingung der Approbation. Erst nach der offiziellen Aufnahme in den ärztlichen Berufsstand darf der Doktortitel verliehen werden. Während des Studiums kann allerdings bereits mit der Arbeit begonnen werden, ein Merkmal der medizinischen Promotion im Vergleich mit anderen Fachrichtungen.

Hat man sich entschlossen zu promovieren, besteht der erste Schritt darin, die Promotionsordnung der Universität zu lesen. Jede Institution hat ihre eigenen Vorgaben was Form, Umfang, Abgabefristen und Zulassung angeht. Dann gilt es, sich einen Doktorvater/eine Doktormutter beziehungsweise ein Thema zu suchen. Bei der Themenauswahl ist es sicherlich sinnvoll, auf persönliche Interessen zu achten. Je leidenschaftlicher man einer Frage nachgeht, desto einfacher fällt das Forschen. Hat man keine bestimmte Fragestellung vor Augen, so kann man zumindest versuchen, ein Promotionsthema in dem Fach zu erhalten, in dem man später seine Weiterbildung machen möchte. Es ist jedoch auch nicht unüblich, ein gänzlich anderes Promotionsthema anzunehmen. Denn manchmal ist es gar nicht so leicht, einen habilitierten Betreuer zu finden und ausgeschriebene Themen sind begehrt und schnell vergeben.

Sinnvoll ist es, sich an den Schwarzen Brettern der Uni umzuschauen, Kommilitonen zu fragen, die bereits mit einer Dissertation begonnen haben, oder sich bei der Fachschaft zu informieren. Eine Alternative besteht darin, den Wunsch-Doktorvater direkt anzuschreiben, am besten mit einem Themenvorschlag oder zumindest einer Erklärung, warum man genau von ihm betreut werden möchte. Aber Achtung: Der Doktorvater muss ein habilitiertes Mitglied des Fachbereiches sein.

Nicht außer Acht zu lassen bei der Annahme eines Promotionsthemas ist zudem die eigene Zeit- und Notenvorstellung. Möchte man später in der Forschung arbeiten und strebt eine sehr gute Note an, sollte man sich ein aufwendigeres und anspruchsvolleres Thema suchen, eine klinische Studie zum Beispiel. Wer allerdings „nur den Titel“ haben möchte, um sich später einmal niederzulassen, und vor allem schnell vorankommen will, der ist besser beraten mit einer übersichtlichen, statistischen Arbeit.

Ist die Frage des Themas geklärt und steht ein habilitierter Betreuer fest, muss man sein Promotionsvorhaben beim zuständigen Promotionsbüro seiner Fakultät anmelden. Hierzu ist eine genaue Formulierung der Fragestellung nötig. Dann geht es endlich los. Am Anfang steht das Verfassen eines Exposés. In diesem wird zusammengefasst, um was es gehen soll, es ist quasi „der rote Faden“. In einem Exposé sollten die Punkte „Fragestellung und Zielsetzung“, „aktueller Forschungsstand“, „Methoden“ und „Primäre und sekundäre Endpunkte“ geklärt werden.

Als nächstes müssen die Daten gesammelt werden. Je nach gewähltem Typ Doktorarbeit bedeutet das Patienten einzubestellen und zu „vermessen“, im Labor Versuche durchzuführen oder einen bereits bestehenden Datensatz rein statistisch zu analysieren. Dann müssen die gewonnenen Daten statistisch ausgewertet werden. Je nach Universität wird mit unterschiedlichen Programmen gerechnet. Ein Beispiel wäre SPSS, ein weit verbreitetes Statistikprogramm, mit welchem man die nötigen Tests durchführen und Grafiken erstellen kann. Es ist fast unumgänglich, im Vorhinein einen Kurs zur medizinischen Statistik abgelegt zu haben, um die teilweise hochkomplexen Rechenschritte durchführen zu können.

Sind die Datenerhebung und der statistische Teil abgeschlossen, beginnt die Schreibarbeit. Eine Umfrage unter Kommilitonen ergab, dass dieser Teil der mit Abstand unangenehmste und zeitaufwendigste ist. In Worte zu fassen, was man herausgefunden hat, stellt für viele nach fünf bis sechs Jahren Medizinstudium, in welchem selten verlangt wurde, dass man auch nur einen Satz ausformulieren muss, eine große Herausforderung dar.

Um das Gelingen der Doktorarbeit so wahrscheinlich wie möglich zu machen, sollte man sich einiger Fallen und Tücken bewusst werden: Ein häufiger Gegner ist die Zeit. Viele Universitäten geben einen zeitlichen Rahmen vor, in welchem die Dissertation beendet sein muss. An der Uni Mainz sind es beispielsweise fünf Jahre. Verlängerungen sind nur in Ausnahmefällen möglich. Faktoren, die die Arbeit in die Länge ziehen, sind zum einen das aufwendige Studium, welches „ganz nebenbei“ ja auch noch absolviert werden will. Ist man bereits in das Arbeitsleben eingetreten, wird die Zeit noch knapper. Viele brechen zu diesem Zeitpunkt ab.

Ein weiterer Nachteil einer langen Bearbeitungszeit ist der Verfall der Aktualität des Themas. Andere Publikationen zu dem gleichen Thema können die eigenen Ergebnisse ganz schnell veraltet aussehen lassen. Zwar ist dies nicht unbedingt das Todesurteil der Veröffentlichung, doch wer eine gute Note anstrebt, sollte neue und einmalige Erkenntnisse präsentieren.

Auch die Zuverlässigkeit und Unterstützung des Doktorvaters beziehungsweise des Betreuers spielen eine große Rolle. Die Geschwindigkeit der Korrekturen, Hilfe bei der Datenerhebung, der Literaturauswahl sowie nicht zuletzt das Gutachten liegen allein in ihrer Hand. Der Abschluss des Promotionsverfahrens verzögerte sich beispielsweise bei einer Kommilitonin um weitere fünf Monate, da der Zweitgutachter seine Bewertung eine Woche zu spät einreichte. Selten scheitert ein Promotionsvorhaben daran, dass der Doktorvater erkrankt oder in den Ruhestand versetzt wird, im schlimmsten Fall sogar verstirbt. Auch ein Wechsel des Doktorvaters an eine andere Klinik kann zu Problemen führen. So geschehen bei einer Freundin, deren Doktorvater nach einem Schlaganfall ihre Betreuung abbrechen musste. Für sie bedeutete dies einen kompletten Neuanfang.

Neben all diesen Faktoren kann auch die Durchführung der Forschung an sich Probleme mit sich bringen. Ein unrealistischer Versuchsaufbau, das Scheitern von Experimenten, der Wegfall von Patienten oder unverwertbare Datenmengen können zu einem Versagen führen. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang das Schicksal eines Mitglieds meines Doktorandenteams. Eine falsch beschriftete Chemikalienflasche lies die Arbeit von einem Jahr Laborforschung in den Mülleimer wandern.

Hat man den Versuchsteil erfolgreich hinter sich gebracht, lauert beim Schreiben der Teufel im Detail. Spätestens nach zu Guttenberg und Schavan ist sich jeder der Wichtigkeit des richtigen Zitierens bewusst. Auch auf das Einhalten der äußeren Form sollte geachtet werden.

Die Gliederung der Dissertation wird von den Universitäten vorgegeben. Die Abschnitte „Einleitung“, „Material und Methoden“, „Ergebnisteil“ und die „Diskussion“ sind jedoch immer feste Bestandteile. Nach Fertigstellung der Arbeit geht diese in Korrektur. Vorgeschrieben sind zwei Gutachter, einer davon ist der eigene Doktorvater, ein zweiter wird von der Fakultät bestimmt. Haben diese die Promotionsschrift abgesegnet, darf sie verteidigt werden. Im sogenannten „Kolloquium“, was eine Art mündliche Prüfung darstellt, soll der Promovend darlegen, dass er die Arbeit selbst verfasst hat und sich natürlich mit der Materie besonders gut auskennt.

Nach Bestehen dieser letzten Hürde ist es dann endlich soweit: Der „Doktor med.“ ist fester Bestandteil des eignen Namens.

Tipps und Tricks

Ein frühzeitiger Beginn ist das A und O für ein gutes Gelingen. Bereits mit Eintritt in die klinischen Semester und spätestens im sechsten Semester sollte man sich nach freien Promotionsstellen umhören.

Sobald die Arbeit aufgenommen ist, ist rasches, diszipliniertes Voranschreiten zu empfehlen. Das Erstellen eines genauen Zeitplanes mit Einplanung von Urlaub, Famulaturen und Klausuren ist dabei hilfreich.

Das Einholen von Informationen aus möglichst vielen Quellen ist zu empfehlen. Sprechen kann man mit Studierenden aus höheren Semestern, um Tipps zu bekommen oder von freien Promotionsstellen zu erfahren. Fragen kann man nach der Qualität der Betreuung, der Zahl der Doktoranden, die der Doktorvater bereits betreut, der Abbrecherquote, der menschlichen Kompetenz des Doktorvaters/der Doktormutter beziehungsweise des Betreuers.

Während der Durchführung der Arbeit ist die regelmäßige Kommunikation mit den Betreuern wichtig. In Doktorandenteams ist es oft üblich, in kurzen Abständen seine Ergebnisse vorzustellen und ein Feedback einzuholen.

Ein weiterer Tipp sind promotionsbezogene Kurse, die viele Universitäten anbieten, zum Beispiel Endnote-, Literaturrecherche oder spezielle Doktorandenkurse.

Verpflichtend ist an vielen Universitäten ein Statistikkurs. Ohne dieses Wissen ist das Verfassen einer selbstständigen Dissertation nicht möglich.

Foto: privat
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Dr. med. Stefanie Merzbach, Fachärztin für Allgemeinmedizin, Promotion Innere Medizin:

„Es ist nie zu spät eine Doktorarbeit zu schreiben. Aufgrund meiner Erfahrung konnte ich ein Thema wählen, welches mich persönlich wirklich interessiert hat.“

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Carolin Becker, Promoventin in der Urologie, Mainz:

„Mir hat es beim Schreiben geholfen, mich mehrere Wochen am Stück täglich mit der Arbeit zu beschäftigen.“

Sina Vollert, Promoventin in der Anästhesie:

„Meiner Erfahrung nach ist es sehr wichtig, so früh wie möglich anzufangen und dranzubleiben. Am besten, man beendet seine Doktorarbeit schon während des Studiums.“

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