ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2016Klug entscheiden: Nutzen mehren

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Klug entscheiden: Nutzen mehren

Dtsch Arztebl 2016; 113(39): A-1705 / B-1442 / C-1417

Porzsolt, Franz

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Das Einsparpotenzial der Initiative „Gemeinsam Klug Entscheiden“ sollte zur Finanzierung von Leistungen verwendet werden können, die im Alltag nützlich sind und nachgefragt werden.

Deutsche Fachgesellschaften (2, 3, 4, 6) haben sich kürzlich für die Umsetzung der Initiative „Klug entscheiden“ ausgesprochen, die im Jahr 2012 von der Stiftung des American Board of Internal Medicine gegründet wurde (siehe auch www.aerzteblatt.de/klugentscheiden). Eine analoge Initiative wurde in Brasilien (http://educacao.cardiol.br/choosing/) am Hospital São Rafael in Salvador/Bahia gestartet (1).

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Unsere Diskussion im Rahmen eines internationalen Projekts (gefördert durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst) zur Effizienzsteigerung in der Gesundheitsversorgung führte zum Vorschlag, die Leitidee des Konzepts zu erweitern. Die Leitidee „Klug entscheiden“ besagt „Weniger ist Mehr“ und empfiehlt, wertlose Maßnahmen zu unterlassen, weil sie mehr schaden, als Nutzen stiften. Studienergebnisse, die unter Idealbedingungen erhoben wurden, haben uns alle vom Nutzen dieser Maßnahmen überzeugt. Die Initiative „Klug entscheiden“ zeigt aber, dass Aussagen zu Nutzen erst möglich sind, wenn die Studienergebnisse im Versorgungsalltag angewandt wurden.

Die Bereitschaft, auf wenig nützliche, aber vergütete Maßnahmen zu verzichten, wird sich leichter umsetzen lassen, wenn anstelle des Verzichts ein Austausch angeboten wird. Eine ideale Lösung könnte erreicht werden, wenn die Erbringer von Gesundheitsleistungen, zum Beispiel medizinische Fachgesellschaften und die Kran­ken­ver­siche­rungen, eine Win-win-Vereinbarung treffen. Die Partner könnten diskutieren, dass alle finanziellen Einsparungen, die durch die Vermeidung von Überdiagnostik und Übertherapie erzielt werden, zur Finanzierung von Leistungen verwendet werden können, die im Alltag nützlich sind und nachgefragt werden, aber bisher wegen begrenzter Budgets nicht finanzierbar waren.

Konkrete Beispiele solcher Leistungen betreffen die Finanzierung fehlender Personalstellen, die dringend benötigt werden, um die Sicherheit und die Qualität der Versorgung zu verbessern und um den Patientennutzen zu dokumentieren. Das erweiterte Konzept sollte durch die Dokumentation des Nutzens im Versorgungsalltag bestätigt werden.

Zudem kann der „Austausch“ die Implementierung von „Klug entscheiden“ erleichtern, indem die kognitive Hürde vermieden wird, dass es nützlicher sei, Maßnahmen zu erbringen, als diese zu unterlassen. Diese Hürde ist der Grund, weshalb das Konzept „Weniger ist Mehr“ von einigen abgelehnt wird. Wenn die eingesparten Ressourcen für die Verbesserung der Versorgung gegen Überflüssiges ausgetauscht werden können, werden kluge Entscheidungen belohnt. Durch die Dokumentation, dass die Vermeidung unnützer Maßnahmen Schaden reduziert und nützliche Maßnahmen die Versorgungsqualität steigern (5), bestätigen wir das Paradigma „Weniger ist Mehr“.

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit3916
oder über QR-Code.

1.
Egidi G: Klug entscheiden: Evidenzreport notwendig. Dtsch Arztebl 2016; 113: A-98. VOLLTEXT
2.
Fiehn C, Herzer P, Holle J et al.: Klug entscheiden: . . . in der Rheumatologie. Dtsch Arztebl 2016; 113: A-1154 / B-969 / C-953. VOLLTEXT
3.
Hasenfuß, Gerd; Märker-Herrmann, Elisabeth; Hallek, Michael; Fölsch, Ulrich R. Initiative „Klug entscheiden“: Gegen Unter- und Überversorgung. Dtsch Arztebl 2016; 113: A-600 / B-506 / C-502. VOLLTEXT
4.
Porzsolt F, Rocha NG, Toledo-Arruda AC, Thomaz TG, Moraes C, Bessa-Guerra TR, Leão M, Migowski A, Araujo de Silva AR, Weiss C. Efficacy and Effectiveness Trials Have Different Goals, Use Different Tools, and Generate Different Messages. Pragmatic and Observational Research 2015; 6:47–54. CrossRef
5.
Richter-Kuhlmann, Eva. Choosing wisely: Mut haben, etwas nicht zu tun. Dtsch Arztebl 2015;112: A-1810 / B-1496 / C-1460 VOLLTEXT
1.Egidi G: Klug entscheiden: Evidenzreport notwendig. Dtsch Arztebl 2016; 113: A-98. VOLLTEXT
2. Fiehn C, Herzer P, Holle J et al.: Klug entscheiden: . . . in der Rheumatologie. Dtsch Arztebl 2016; 113: A-1154 / B-969 / C-953. VOLLTEXT
3. Hasenfuß, Gerd; Märker-Herrmann, Elisabeth; Hallek, Michael; Fölsch, Ulrich R. Initiative „Klug entscheiden“: Gegen Unter- und Überversorgung. Dtsch Arztebl 2016; 113: A-600 / B-506 / C-502. VOLLTEXT
4. Porzsolt F, Rocha NG, Toledo-Arruda AC, Thomaz TG, Moraes C, Bessa-Guerra TR, Leão M, Migowski A, Araujo de Silva AR, Weiss C. Efficacy and Effectiveness Trials Have Different Goals, Use Different Tools, and Generate Different Messages. Pragmatic and Observational Research 2015; 6:47–54. CrossRef
5. Richter-Kuhlmann, Eva. Choosing wisely: Mut haben, etwas nicht zu tun. Dtsch Arztebl 2015;112: A-1810 / B-1496 / C-1460 VOLLTEXT

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