ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2016Von Schräg unten: Qualität

SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Qualität

Dtsch Arztebl 2016; 113(40): [56]

Böhmeke, Thomas

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Ganz selten, also eigentlich in letzter Zeit immer öfter, genau genommen täglich und überall höre ich Klagen über die zunehmende Bürokratisierung der helfenden Berufe.

Eine giftige Krake sei dies, nimmersatt dürstend nach Unmengen von Daten, die es auf unverständlichen Formularen einzutragen gilt, für die sich nachher kein Mensch interessiert. Schlimmer noch: Diese Krake gebiert eine Parallelwelt, die nichts mehr mit unserer Realität zu tun hat.

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Unzählige Male berichteten mir Patienten, die stationär betreut wurden, von Dokumentationen in der Patientenkurve über jeden Handschlag, von denen aber kein einziger ankam. Krankenhausangestellte klagen, dass sie vor lauter Dokumentation keinerlei Zeit mehr haben, sich um die Patienten zu kümmern. Ich halte all dies für stark übertrieben. Dokumentation ist essenziell, damit unsere Leistung gewürdigt werden kann, damit unsere Kunst publik, unser Können transparent wird! Ich für meinen Teil dokumentiere mein Tun so ausführlich wie möglich, immer in Gedanken daran, dass mir fachkundige Kollegen in die Daten, damit also über die Schulter schauen und völlig fassungslos von meiner Qualität sind! Sozusagen sprachlos – was sie sicherlich bisher daran gehindert hat, mir dies persönlich mitzuteilen.

Dokumentation ist Qualität! Qualität ist Dokumentation, und damit sind wir erst in der Lage, unser glanzvolles Wirken . . . was soll das denn jetzt, meine Fachangestellte kommt einfach so in mein Sprechzimmer und meine Gedanken gestürmt: „Herr Doktor, der Notfallpatient ist schon da und kann . . .“ warten! Ich muss mich maximal konzentrieren, ich bin grade höchstgradig qualitativ und dokumentierend unterwegs, da hat alles andere Zeit! Sie trollt sich wieder.

Wo war ich stehen geblieben, ach ja: Die Dokumentation meines Könnens ist nicht lästige Pflicht, sondern mein höchstpersönlicher Auftritt vor großer Bühne, auf der ich mich vor stehenden Ovationen verneige . . . meine Güte, warum werde ich schon wieder gestört?! „Herr Doktor, wir haben schon mal das EKG geschrieben, können Sie nicht . . .?“ Nein, ich kann jetzt nicht! Merkt sie denn nicht, dass ich mit wahrlich Wichtigerem beschäftigt bin?! Ach, das ist ja nicht zum Aushalten, schließlich muss ich dokumentieren, zu welch superben fachkünstlerischen Leistungen ich imstande bin, die die Welt in Erstaunen versetzt und . . . was soll das schon wieder?! „Herr Doktor, es ist wirklich wichtig . . .“, dass ich ständig erreichbar bin! Sieht sie denn nicht, dass jeden Moment ein Anruf kommen kann, von der Kammer, von den Verbänden, vielleicht sogar aus dem Ministerium, um mir für die Dokumentation meiner Qualität zu danken? Also bitte!

Wo war ich . . . ach ja: Nicht nur mir, sondern uns allen gebührt allerhöchster Respekt und unendlicher Dank für diese penible Dokumentation medizinischer Daten, für die wir einen Großteil unserer Lebens-, Arbeits- und Schaffenskraft geopfert haben!

Meine Fachangestellte kommt wütend herein und knallt mir einen Transportschein auf den Tisch: „Unterschreiben!“ Ich bin außer mir, völlig empört und schnappe nach Luft. „Wir haben das EKG bei dem Notfallpatienten geschrieben, er hat einen ST-Hebungs-Infarkt, der Notarzt hat ihn schon mitgenommen, und Sie können wenigstens den Transportschein unterschreiben!“ Ich bin fassungslos. Das . . . das geht nicht! „Wie, das geht nicht?“ Der Notarzt muss sofort mit dem Patienten wieder zurück in die Praxis! „Geht’s Ihnen noch gut? Warum das denn?“ Wenn ich das nicht dokumentiere, hat das keine Qualität!

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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