ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2016Malignes Melanom: Onkolytische Viren als Therapie

PHARMA

Malignes Melanom: Onkolytische Viren als Therapie

Dtsch Arztebl 2016; 113(40): A-1772

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Als erster Vertreter einer onkoloytischen Immunbehandlung wurde T-VEC in der EU zugelassen. Dies ist eine neue Option bei nicht resezierbarem malignen Melanom.

Die Immuntherapie solider Tumore mit onkolytischen Viren ist ein neuer Ansatz, der international als sehr vielversprechend bewertet wird (1). Die häufig gentechnisch veränderten Viren werden meist lokal injiziert. Ihre Antitumorwirkung entfalten sie im Wesentlichen auf zwei Wegen: eine direkte lokale Tumorlyse und eine indirekte Wirkung durch Induktion einer systemischen Immunantwort gegen das Malignom. Die erste zugelassene Behandlung mit diesem Wirkprinzip ist Talimogen laherparepvec (Imlygic®). Indikation ist ein nicht resezierbares, lokal oder entfernt metastasiertes Melanom in den Stadien IIIB, IIIC oder IVM1a ohne Knochen-, Hirn-, Lungen- und andere viszerale Metastasen. Talimogen laherparepvec (T-VEC) gilt als Vorreiter für die Immuntherapie mit onkolytischen Viren.

Effekte lokal und systemisch

Anzeige

In T-VEC werden abgeschwächte Herpes-simplex-Viren (HSV) vom Typ 1 gentechnisch so verändert, dass sie sich nach lokaler Injektion selektiv in Tumorzellen replizieren und die Präsentation von Tumorantigenen verstärken. Schon die Infektion mit dem Virus löst eine Stressantwort in der Tumorzelle aus und die vermehrte Produktion von Zytokinen, die die antivirale Abwehr stimulieren, wie Prof. Dr. med. Jürgen Becker von der Universität Essen erläuterte. Nach der Lyse der Krebszellen werden Tumorantigene von antigenpräsentierenden Zellen aufgenommen, die Expression von humanem GM-CSF – die HSV in T-VEC sind mit dem GM-CSF-Gen transfiziert – verstärkt die Aktivität antigenpräsentierender Zellen und die Stimulation und Infiltration von T-Zellen. So werde eine spezifische lokale und systemische Immunreaktion hervorgerufen, berichtete Becker.

Maßgeblich für die Zulassung von T-VEC war eine randomisierte, offene Phase-3-Studie mit 436 Patienten mit nicht resezierbarem malignen Melanom der Stadien III/IV (2). Die Teilnehmer wurden 2:1 randomisiert in eine Gruppe, die T-VEC-Injektionen in die Tumorläsionen erhielt (n=295), und eine zweite Gruppe mit subkutaner GM-CSF-Injektion (n=141). Pro Behandlungstermin wurden in der T-VEC-Gruppe maximal 4 ml Lösung appliziert. Die Injektionsvolumina werden abgestuft auf die Größe der Tumorläsion mit maximal 4 ml bei > 5 cm Tumordurchmesser und geringeren Mengen bei kleineren Läsionen, berichtete Prof. Dr. Robert Andtbacka vom Huntsman Cancer Institute der Universität Utah, federführend bei der Studie. Die größten Läsionen werden zuerst behandelt. Im Abstand von drei, danach je zwei Wochen folgen neue und kleinere Tumorläsionen. Primärer Endpunkt war eine anhaltende Antitumorantwort (> 6 Monate), sekundäre Endpunkte Gesamtansprechen und Gesamtüberleben.

Die größten Vorteile im Vergleich zu GM-CSF fanden die Forscher in der Subgruppe der Patienten, für die T-VEC nun zugelassen ist (Stadium IIIB/C und IVM1a). Die Rate des anhaltenden Ansprechens betrug in dieser Subgruppe bei T-VEC 25,2 % und 1,2 % im Vergleichsarm, das Gesamtansprechen 2,3 % unter GM-CSF-Injektion und 40,5 % unter T-VEC, dabei waren 16,6 % im T-VEC-Arm Komplettremissionen ([CR]; keine CR in der Vergleichsgruppe). Das mediane Gesamtüberleben lag bei 41,1 Monaten unter T-VEC und 21,5 Monaten in der GM-CSF-Gruppe, alle Unterschiede waren statistisch hoch signifikant. „Das Ziel einer länger anhaltenden Krankheits- und Symptomkontrolle und der Prävention von Metastasen lässt sich mit T-VEC durch Induktion einer lokalen und systemischen Immunantwort gegen den Tumor häufig erreichen“, so Andtbacka.

Prävention von Metastasen

So sei das Risiko, viszerale und Knochenmetastasen zu entwickeln, mit T-VEC um 59 % niedriger gewesen als bei GM-CSF-Therapie. Die häufigsten unerwünschten Effekte von T-VEC seien Müdigkeit, Schüttelfrost, Fieber, Übelkeit und Schmerzen an der Injektionsstelle, 2,1 % hätten eine höhergradige Zellulitis entwickelt. „Die aufgetretenen unerwünschten Effekte lassen sich kontrollieren“, so Andtbacka.

„Es sind vor allem operierte Patienten mit Rezidiven, die für diese Therapie infrage kommen“, sagte Prof. Dr. med. Dirk Schadendorf von der Hautklinik der Universität Essen zum Deutschen Ärzteblatt. „Für diese Gruppe kann T-VEC eine Option sein, von der wir länger anhaltende Effekte erwarten.“ Geprüft wird T-VEC nun auch in Kombination mit Checkpointinhibitoren und bei anderen Tumorarten.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Quelle: Onkolytische Immuntherapie des malignen Melanoms. Interaktives Seminar anlässlich der Zulassung von Imlygic®, Berlin. Veranstalter: Amgen

1.
Kaufman HL, Kohlhapp FJ, Zloza A: Oncolytic viruses: a new class of immuntherapy drugs. Nat Reviews Drug Discovery 2015; 14: 642–62 CrossRef MEDLINE
2.
Andtbacka RH, Kaufman HL, Collichio F, et al.: Talimogene laherparepvec improves durable response rate in patients with advanced melanoma. J Clin Oncol 2015; 33: 2780–8 CrossRef MEDLINE
1. Kaufman HL, Kohlhapp FJ, Zloza A: Oncolytic viruses: a new class of immuntherapy drugs. Nat Reviews Drug Discovery 2015; 14: 642–62 CrossRef MEDLINE
2. Andtbacka RH, Kaufman HL, Collichio F, et al.: Talimogene laherparepvec improves durable response rate in patients with advanced melanoma. J Clin Oncol 2015; 33: 2780–8 CrossRef MEDLINE

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.