ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2016Bedarfsplanung: Ambulant und stationär abstimmen

POLITIK

Bedarfsplanung: Ambulant und stationär abstimmen

Dtsch Arztebl 2016; 113(40): A-1743 / B-1472 / C-1464

Osterloh, Falk

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Heute sind die Bedarfsplanung für Vertragsärzte und die Krankenhausplanung streng voneinander getrennt. Das könnte sich in Zukunft ändern.

Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte sollen nach dem Willen des G-BA- Vorsitzenden Josef Hecken künftig zusammen geplant werden. Foto: picture alliance
Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte sollen nach dem Willen des G-BA- Vorsitzenden Josef Hecken künftig zusammen geplant werden. Foto: picture alliance

Der unparteiische Vorsitzende des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA), Prof. Josef Hecken, hat eine verpflichtende Abstimmung der ambulanten Bedarfsplanung mit der Krankenhausplanung der Bundesländer gefordert. Da die Ressourcen im deutschen Gesundheitswesen knapp seien, müssten sich alle beteiligten Akteure den realen Umständen stellen und Doppelbelastungen des Systems vermeiden, betonte Hecken Ende September auf einem Forum des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) in Berlin. Es sei durchaus sinnvoll, bei der Krankenhausplanung die regionalen Strukturen im niedergelassenen Bereich zu berücksichtigen und andersherum.

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Triage in der Portalpraxis

Wenn der stationäre Bereich nicht als „monolithischer Block mit Ewigkeitsgarantie“ betrachtet werde, werde die Vertragsärzteschaft für eine sektorenübergreifende Bedarfsplanung die nötige Flexibilität beweisen, kommentierte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. med. Andreas Gassen, Heckens Forderung. Zuvor hatte Gassen kritisiert, dass viele Krankenhäuser die Notfallaufnahme dazu nutzten, um Patienten zu akquirieren: „50 Prozent der Patienten kommen auf diese Weise heute ohne vertragsärztliche Überweisung in ein Krankenhaus.“ Der Geschäftsführer des IGES-Instituts, Dr. rer. pol. Martin Albrecht, sprach von Kliniken, die heute mehr ambulante Notfälle als vollstationäre Fälle behandelten.

Eine erhebliche Zahl von Notfällen, die heute im Krankenhaus behandelt würden, müssten eigentlich von Vertragsärzten versorgt werden, betonte Gassen: „Wir sind weit davon entfernt, das Prinzip ambulant vor stationär zu verwirklichen und ehrlich zu leben.“ Daher forderte er, dass künftig in Krankenhäusern ein Zentrum einer Kassenärztlichen Vereinigung eingerichtet sein müsse. Dort würden alle Patienten, die nicht mit dem Rettungswagen gebracht werden, empfangen und dort werde entschieden, wer, wann und wo behandelt werde. „Hier findet die Triage statt“, sagte Gassen. „Ein direkter Zugang zum Krankenhaus ist dann nicht mehr möglich.“

Foto: Photohek
Foto: Photohek

„In Deutschland gibt es ein beachtlich hohes ambulantes Potenzial, das noch nicht genutzt wird“, meinte der stellvertretende Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. rer. pol. Eberhard Wille. Zudem kritisierte er die ambulante Bedarfsplanung: „Heute planen wir nach Köpfen“, sagte er. „Wir müssten aber eigentlich nach Stunden planen, denn angestellte Ärzte arbeiten deutlich weniger als niedergelassene. Und dann könnte sich herausstellen, dass Bereiche, die heute als überversorgt gelten, tatsächlich gar nicht überversorgt sind.“

Wie Hecken sprach sich auch Martin Albrecht vom IGES-Institut dafür aus, den ambulanten und den stationären Bereich zusammen zu planen. „Wenn man das vom grünen Tisch her planen würde, müsste man zunächst den Behandlungsbedarf anhand der Morbidität und der ärztlichen Leistungen definieren“, sagte er. „Und dann müsste man sektorenübergreifend planen.“ Dies zu tun sei allerdings „ein ganz, ganz dickes Brett“.

Große regionale Unterschiede

Der Vorsitzende des ZI, Dr. rer. pol. Dominik Graf von Stillfried, betonte, dass die Versorgungsstruktur in Deutschland sehr heterogen sei. Grund dafür seien unter anderem die unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen. Denn manche Regionen würden derzeit stark wachsen, andere stark schrumpfen. „Die regionalen Unterschiede werden noch an Bedeutung gewinnen. Die Bevölkerungsdynamik wird zunehmen“, betonte von Stillfried. So sei aufgrund der Strukturveränderung ein zusätzlicher Bedarf an Hausärzten zu erkennen. Für Gynäkologen sehe die Situation zum Beispiel anders aus: In Regionen mit abnehmenden Bevölkerungszahlen werde in dieser Fachrichtung auch der Bedarf deutlich abnehmen.

Falk Osterloh

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