EDITORIAL

Strukturreform der psychotherapeutischen Versorgung: Für die obligate Sprechstunde

PP 15, Ausgabe Oktober 2016, Seite 433

Bühring, Petra

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Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) hat die Änderungen der Psychotherapie-Richtlinie, die der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) am 16. Juni beschlossen hatte, aktuell beanstandet. Insbesondere hält das Ministerium es für „zwingend erforderlich“, dass die psychotherapeutische Sprechstunde nicht als freiwilliges, sondern als verpflichtendes Leistungsangebot eingeführt wird, heißt es in einem Brief an den G-BA. Diese Beanstandung wundert nicht wirklich, war die Freiwilligkeit doch bereits auf der beschlussfassenden Sitzung des obersten Gremiums der Selbstverwaltung ein kontrovers diskutierter Punkt.

Das Ministerium als Aufsichtsbehörde kritisiert, dass eine solche Regelung die vertragsärztlichen Pflichten der Kassenpsychotherapeuten betrifft und nicht der Richtlinienkompetenz des G-BA obliegt. Eine Regelung, die es Psychotherapeuten ermöglicht, ein Leistungsangebot, das für den Zugang der Patienten zur Behandlung essenziell ist, abzulehnen, „kollidiert“ mit dem Sicherstellungsauftrag der Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), argumentiert das BMG. Für Patienten ist die Inanspruchnahme der Sprechstunde, die der zeitnahen Abklärung einer krankheitswertigen Störung dient, gemäß der G-BA-Richtlinie nämlich verpflichtend. Die Sprechstunde soll grundsätzlich aus mindestens zwei Stunden pro Woche zu festen Zeiten bestehen, die der Psychotherapeut auf seiner Homepage oder über die Patienteninformation der KV ankündigt. Eingeführt werden soll sie ab dem 1. April 2017. Das BMG weist in besagtem Brief deshalb auch darauf hin, dass eine Übergangsregelung erforderlich ist, bis „ein hinreichendes, flächendeckendes Angebot an Sprechstunden“ aufgebaut ist, wenn der G-BA an der verpflichtenden Inanspruchnahme für die Patienten festhalten will.

Die Patientenvertreter im G-BA hatten bereits vor der Beschlussfassung auf die Gefährdung des Sicherstellungsauftrags und auf das „Nadelöhr“ für die Versorgung hingewiesen, wenn die Sprechstunde für die Therapeuten freiwillig würde. Entsprechend begrüßen sie diese Beanstandung. Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) hatte sich hingegen für die Freiwilligkeit stark gemacht und argumentiert auch jetzt mit den Vorteilen einer „flexibleren Regelung, die es der einzelnen Praxis ermöglicht, ihre Schwerpunkte dem Bedarf angemessen festzulegen“, schreibt BPtK-Präsident Dr. Dietrich Munz in einer Pressemitteilung. Gleichzeitig werde „die übergroße Mehrheit“ der Psychotherapeuten die Sprechstunde ohnehin anbieten, glaubt er. Wohl auch, weil künftig jeder Therapeut oder ein Praxismitarbeiter wiederum verpflichtend zur Terminkoordination gute vier Stunden pro Woche telefonisch erreichbar sein muss – statt den Anrufbeantworter anzustellen.

Verständlich ist das Pochen auf die freiwillige Sprechstunde nicht: Das für Patienten niedrigschwellige Angebot ist ebenso sinnvoll wie mit zwei Stunden pro Woche zeitlich sehr überschaubar. Wenn diese beiden Stunden angemessen honoriert werden – die Bewertung steht noch aus – sollten alle Vorbehalte ausgeräumt werden können. Bis zum 30. November muss der Gemeinsame Bundes­aus­schuss die Psychotherapie-Richtlinie nun noch einmal ändern.

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