ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2016Digitalisierung: Kleiner Helfer – große Wirkung?

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Digitalisierung: Kleiner Helfer – große Wirkung?

Beerheide, Rebecca

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Krankenkassen drängen bei der Entwicklung der elektronischen Patientenakte nach vorne. Auch wollen immer mehr Anbieter von Gesundheits-Apps auf den Markt – dabei gibt es noch keine Kriterien für die Zertifizierung dieser Produkte.

Eine App, die den Arzt ruft oder gar ersetzt? Viele Bundesbürger erwarten eine zügige Digitalisierung des Gesundheitswesens. Foto: iStock/Tarik Kizilkaya
Eine App, die den Arzt ruft oder gar ersetzt? Viele Bundesbürger erwarten eine zügige Digitalisierung des Gesundheitswesens. Foto: iStock/Tarik Kizilkaya

Die Apps auf dem Smartphone werden zum digitalen Helfer in der Medizin – als Minilabor für die Diagnostik, als Datenverwalter für Untersuchungsergebnisse oder als Motivator bei der Therapie: Laut einer aktuellen Studie der Techniker Krankenkasse (TK) gehen 92 Prozent der Bundesbürger davon aus, dass es in Zukunft üblich sein wird, sich über Gesundheitsthemen im Internet zu informieren. 86 Prozent glauben, dass Gesundheits-Apps in zehn Jahren zum Alltag gehören werden. Und dies sehen nicht nur junge Versicherte so: Immer mehr Menschen über 60 Jahren besitzen ein internetfähiges Telefon und nutzen es intensiv. Nur oft noch nicht bei Gesundheitsanwendungen.

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Zügige Patientenakte

Denn diese gibt es noch nicht in ausreichendem Maße, findet die TK. Die Kasse, die von sich selbst sagt, sie wolle möglichst schnell eine „Digitale Krankenkasse“ werden, ist im digitalen Gesundheitsmarkt bereits auf vielen Feldern unterwegs: Es gibt einen digitalen persönlichen Gesundheitscoach, bei Tinnitus wird das Programm Tinnitracks von Sonormed geboten, TK-Vorstandschef Dr. med. Jens Baas begutachtet regelmäßig junge IT-Unternehmen. Auch bei der elektronischen Patientenakte, für die laut dem E-Health-Gesetz bis 2018 die technischen Voraussetzungen geschaffen werden sollen, hat die TK nun den eigenen Auftrag zur Entwicklung der Akte ausgeschrieben. Die AOK-Nordost, die als digital-fortschrittliche AOK-Kasse gilt, hat das auch verkündet.

Beobachtet man die digitale Landschaft, werden immer mehr die sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten deutlich: Während Patienten laut der TK-Studie offenbar eine schnelle Digitalisierung in der Medizin erwarten und Krankenkassen nach vorne drängen, wollen viele Experten intensiver über den Datenschutz debattieren. Dies wurde beispielsweise auf dem gevko-Symposium vergangene Woche deutlich. Beim Datenschutz hat die TK-Studie ein ambivalentes Verhalten der Versicherten und Patienten festgestellt: Zwar ist über 95 Prozent der Menschen Datenschutz ein sehr ernstes Anliegen, dennoch suchen rund drei Viertel der Deutschen bei gesundheitlichen Fragen zunächst einmal Rat bei Google.

Doch nicht nur Patienten wollen ihre Daten schützen – auch Krankenhäuser, Ärzte und Kassen untereinander teilen aus Sicht von Martin Litsch, Chef des AOK-Bundesverbandes, Daten nicht. Er räumte dies zwar auch kritisch für seine Kassen ein, appellierte aber auf dem gevko-Symposium, Daten künftig auszutauschen. „Das ist für die Versorgung die beste Lösung.“

Weg für App-Zertifizierung

Wichtig bei den Überlegungen, wie künftig Apps in der Diagnostik und Therapie eingesetzt werden können ist auch deren Zertifizierung. Sehr wahrscheinlich wird das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dafür zuständig sein. Im Zuge der TK-Studie stellte das IGES Institut eine Analyse vor, wie Apps künftig zertifiziert werden könnten. Dabei plädiert das Institut für eine Kategorisierung der Apps in vier Stufen: Stufe eins sind Apps, die der Darstellung von Informationen dienen, Stufe zwei dem Sammeln und Speichern in einem elektronischen Tagebuch. Bei den zwei weiteren Stufen, sieht das Institut eine Pflicht zur Risikobewertung: Bei Apps, die den Nutzer oder Patienten bei der Diagnose und Therapieentscheidung unterstützen sollen, müsse deutlich mehr Zeit in die Risikoeinschätzung bei der Zulassung einfließen. Bei der vierten Kategorie, bei der Anwendungen eine Therapieempfehlung abgeben und somit ärztlicher Rat ersetzt werden könnte, dürfe nur nach Vorlage von Studien zugelassen werden, so das IGES Institut.

Rebecca Beerheide

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