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Patienten: Internetrecherche über den Therapeuten

PP 15, Ausgabe Oktober 2016, Seite 452

MS

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Mit Hilfe des Internets können sich Patienten mühelos Informationen über Psychotherapeuten beschaffen. Weshalb und in welchem Ausmaß sie recherchieren, interessierte die niedergelassene Psychologin Keely Kolmes aus San Francisco (USA) und den Psychologen Daniel Taube von der Alliant International University (San Francisco, USA). Sie befragten 332 Psychotherapiepatienten und fanden heraus, dass 70 Prozent der Patienten vor oder während einer Therapie im Internet nach beruflichen und privaten Informationen über ihren Psychotherapeuten gesucht haben. 81 Prozent wurden dabei von Neugier getrieben. 45 Prozent interessierte, ob ihr Therapeut eine Homepage hat, und 39 Prozent wollten sich ein Bild von ihrem Therapeuten machen. Letzteres war ein Motiv für diejenigen, die noch nicht sicher waren, ob sie zur ersten Sitzung gehen sollten und ob der Therapeut zu ihnen passen könnte. Auch Patienten, die meinten, dass ihr Therapeut während der Sitzungen zu wenig von sich erzähle, neigten zu Nachforschungen. Durch ihre Recherchen versuchten die Patienten vor allem herauszufinden, ob ihr Therapeut verheiratet war und Kinder hat, in welchen Kreisen er sich bewegt und welche Hobbys er betreibt. Auch die politische, religiöse und sexuelle Orientierung bis hin zu gesundheitlichen und psychischen Problemen des Therapeuten waren von Interesse. Die meisten Informationen aus dem Internet hatten eine neutrale oder positive Wirkung auf die Patienten. Sie halfen den Patienten zum Beispiel dabei, sich in den Therapeuten hineinzuversetzen, mehr über seine Kompetenzen und Qualifikationen zu erfahren und Vertrauen zu ihm zu entwickeln.

„Drei Viertel der Patienten erzählten ihrem Therapeuten nicht, dass sie nach Informationen über ihn im Internet gesucht haben“, berichten die Autoren. Denn vielen Patienten war es unangenehm zuzugeben, dass sie „hinter ihrem Therapeuten herspioniert“ hatten. Einige hörten auch bald wieder auf zu recherchieren, teils weil ihre Neugier und ihr Informationsbedarf befriedigt waren, teils weil sie ein schlechtes Gewissen hatten.

Kolmes und Taube empfehlen Therapeuten, ihre Patienten aufzufordern, ihnen von den Internetrecherchen und deren Wirkung zu berichten und dies therapeutisch zu nutzen. Vor allem aber sollten Therapeuten genau darauf achten, welche Informationen über sie im Internet kursieren. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, sich selbst und auch ihre Familienmitglieder zur Zurückhaltung zu ermahnen, was das Veröffentlichen von privaten Informationen im Internet angeht, um Patienten kein falsches Bild zu vermitteln. ms

Kolmes K, Taube D: Client discovery of psychotherapist personal information online. Professional Psychology 2016; 47(2): 147–54.

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