ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2016Ambulante Versorgung: Mehr Psychotherapeuten zulassen
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Auch wenn die Strukturreform der Psychotherapie in mancherlei Hinsicht positiv bewertet wird und durch das von der Regierung beschlossene Versorgungsstärkungsgesetz unvermeidlich war, scheitert die Umsetzung des Vorhabens doch ganz einfach daran, dass bei vorhandener Unterversorgung die vorgesehene Sprechstunde zu einem Nadelöhr wird und so eine zweite Barriere vor dem Beginn einer Behandlung aufgebaut wird. In unserem Landkreis Lörrach sind Wartezeiten bis zu einem Jahr nicht selten, sondern üblich. Darunter leiden die Patienten, die Psychotherapeuten und auch die Ärzte, wie in gemeinsamen Gesprächen immer wieder deutlich wird. Wird die Anzahl der vorhandenen Therapeuten nicht erhöht, warten die Patienten zuerst auf die Möglichkeit in eine Sprechstunde gehen zu können, um den Bedarf und Behandlungsmöglichkeiten mit einem Psychotherapeuten abklären zu können und dann warten sie ein zweites Mal auf die Möglichkeit, überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen, falls die Notwendigkeit einer Therapie in der Beratung festgestellt wurde. Die zusätzliche Arbeit wird zudem manchen Psychotherapeuten dazu veranlassen, die vorhandenen Therapieplätze zu reduzieren, um der Gesamtaufgabe gerecht werden zu können.

Grundsätzlich kann die Einrichtung der Sprechstunde als eine gute Möglichkeit gesehen werden, das vorhandene Fachwissen wirklich an entscheidender Stelle hilfreich einzusetzen, so dass die psychologische Abklärung zu einem wichtigen Schnittpunkt der psychosozialen Versorgung werden könnte. Die Annahme dieser Aufgabe ist wünschenswert und spiegelt vielleicht auch die zunehmende Erkenntnis in der Gesellschaft, dass der psychische Faktor in unserer Gesundheit eine wichtige und entscheidende Rolle spielt.

Solange jedoch die Bedarfsplanung nicht geändert wird, das heißt die Anzahl der von der KV zugelassenen Therapeuten sich nicht am tatsächlichen Bedarf orientiert, sondern an fiktiven Zahlen aus dem Jahr 1999 willkürlich festgeschrieben bleibt, so dass beispielsweise eine eklatante Ungleichbehandlung von Städten und Landbevölkerung entstanden ist, kann vom ganzen Vorhaben kein entscheidender Impuls ausgehen. Es gibt ganz einfach insgesamt zu wenig zugelassene Therapeuten, um den vorhandenen und aus vielerlei Gründen gestiegenen Bedarf zu decken. Und die damaligen Zahlen benachteiligen die Bevölkerung von Landkreisen eklatant. Ein Patient in Freiburg hat es weitaus leichter, einen Therapieplatz zu bekommen, da auf einen niedergelassenen Psychotherapeuten erheblich weniger Menschen kommen als im Landkreis Lörrach. Die Entscheidung des Gemeinsamen Bewertungsausschusses über die Bedarfszahlen steht noch aus.

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Aus unserer Sicht fordern wir dringend den notwendigen Druck von unseren Fachverbänden, bei der hier noch offenen Entscheidung über die Bedarfsplanung die entsprechenden Impulse zu setzen und sich dem Systemdruck von Krankenkassen und deren unter Umständen kurzsichtigen wirtschaftlichen Interessen nicht zu beugen oder diese offenzulegen. Der Nachweis der Wirksamkeit von Psychotherapie und die Reduktion der Kosten im Gesundheitsbereich durch ihre rechtzeitige Anwendung ist ausreichend belegt. Wir brauchen gerade in den heutigen Zeiten eine gute psychotherapeutische Versorgung. Sie ist jedoch nur durch eine Erhöhung der Zahl der zugelassenen Therapeuten zu erreichen. Und dafür setzen wir uns ein.

Dipl.-Psych. Erika Jeske, Dr. med. Maria Bisser,
Dipl.-Psych. Gudrun Rieter, 79650 Schopfheim

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