ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2016Körperbilder: Jacob (Jacques) Jordaens (1593–1678) – Sinnliche Fleischesfülle

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Jacob (Jacques) Jordaens (1593–1678) – Sinnliche Fleischesfülle

Dtsch Arztebl 2016; 113(41): [60]

Schuchart, Sabine

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Seine Susanna ist anders als alle anderen. Jacob Jordaens um 1640/45 gemalte Version der alttestamentarischen Frauenfigur ist kein mädchenhaft-zartes Wesen mit hilflos-flehendem Blick wie Rembrandts zeitgleiche Darstellung. Sie ist keine Schönheit mit makellosem Körper und kunstvoller Flechtfrisur wie Tintorettos Susanna, die ein Jahrhundert zuvor entstand. Auch verkörpert sie ein anderes barockes Schönheitsideal als Magdalena Gentileschis Susanna. Jordaens stellte seine Protagonistin ungemein real in ihrer ganzen flandrischen Schwere und sinnlichen Fleischesfülle über dem derben Knochenbau dar. Trotz ihrer Jugend sind ihre kräftigen Unterschenkel knotig-bläulich verformt. Ihr ruhiges Gesicht zeigt keine Angst vor der Vergewaltigung, die ihr droht: Jordaens nimmt darin schon den glücklichen Ausgang des Dramas vorweg, in einer späteren Version präsentiert er sie sogar lächelnd.

Jacob (Jacques) Jordaens: „Suzanne et les vieillards (Susanna und die Alten)“, um 1640–1645
Jacob (Jacques) Jordaens: „Suzanne et les vieillards (Susanna und die Alten)“, um 1640–1645

Trotz aller Unterschiede beziehen sich alle Bilder auf die gleiche biblische Geschichte von Erotik und Verbrechen: Die anmutige, keusche Susanna nimmt ein Bad in ihrem Garten und wird dabei von zwei lüsternen Greisen beobachtet. Als sie deren Annäherungsversuche zurückweist, zeigen die beiden – die auch noch Richter sind – die junge Ehefrau verleumderisch wegen Ehebruchs an. Im letzten Moment wird sie vom Propheten Daniel vor der Steinigung gerettet. Mittels getrennter Vernehmung überführt er die beiden Alten der Falschaussage.

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Die Erzählung inspirierte unzählige Künstler, da sie erlaubte, Sinnlichkeit in Verbindung mit einem moralischen Imperativ darzustellen. Jordaens folgte mit seiner dramatischen Hell-Dunkel-Inszenierung Susannas nicht nur dem Geist seiner Zeit, sondern auch seinem persönlichen Schönheitsideal. Obwohl hochgebildet und erfolgreich, stand er im Trio der drei führenden Maler des flämischen Barock in der Kunstrezeption lange hinter Rubens und van Dyck zurück. Retrospektiven in Brüssel, Kassel und Paris in den letzten Jahren dokumentierten jedoch die genuine Kraft dieses Antwerpener Meisters und erklärten die mitunter geringschätzige Haltung gegenüber seinen Frauenkörpern aus dem sich wandelnden Geschmack des Klassizismus und der protestantischen Prüderie im 18./19. Jahrhundert. Sabine Schuchart

Ausstellung
„Barock – Nur schöner Schein?“

Reiss-Engelhorn-Museen, Museum Zeughaus C5, Mannheim; www.barock2016.de;

Di.–So. 11–18 Uhr;

bis 19. Februar 2017

„Barock – Nur schöner Schein?“, Katalog zur Ausstellung”, geb. Ausg., 232 S., Schnell & Steiner 2016; 34,95 Euro

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