THEMEN DER ZEIT

Emmanuelle Charpentier: Ein Star der Leopoldina

Dtsch Arztebl 2016; 113(41): A-1804 / B-1520 / C-1511

Richter-Kuhlmann, Eva

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Die französische Mikrobiologin gab einen Überblick über ihre Forschung am CRISPR/Cas-System und sprach mit dem Deutschen Ärzteblatt über ihre ethischen Bedenken.

Mit Albert Einstein und Henry Ford verglich Ernst-Ludwig Winnacker (li) Emmanuelle Charpentier (re) beim Leopoldina- Symposium. Foto: David Ausserhofer für die Leopoldina
Mit Albert Einstein und Henry Ford verglich Ernst-Ludwig Winnacker (li) Emmanuelle Charpentier (re) beim Leopoldina- Symposium. Foto: David Ausserhofer für die Leopoldina

Die Wärme eines Spätsommertages hängt noch über Berlin, als am Abend des 19. September wenige Minuten vor 18 Uhr Prof. Dr. Emmanuelle Charpentier in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in der Luisenstraße in Berlin eintrifft: leger in Jeans und Blazer, mit einem Stick in der Hand. Darauf ist ihr Vortrag „Lessons learned from bacteria“. Ein Vortrag über neue Methoden der Genomchirurgie, die derzeit die mikrobiologische und biomedizinische Forschung weltweit revolutionieren – quasi ihr bisheriges Lebenswerk. Die zierliche Mikrobiologin mit dem strahlenden Lächeln und dem französischen Akzent kommt unauffällig daher. Dennoch ist sie der Star dieses Abends, der Keynote-Speaker des gemeinsamen Symposiums der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina und der Korean Academy of Science and Technology zum Thema „Genomeditierung“.

Emmanuelle Charpentier hatte es nicht weit zu dieser Abendveranstaltung der Leopoldina, deren Mitglied sie seit einigen Monaten ist. Das Labor der Direktorin des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie liegt nur wenige Schritte entfernt: auf dem Gelände der Charite Berlin – dort, wo Robert Koch einst am Preußischen Institut für Infektionskrankheiten dem Mycobacterium tuberculosis den Kampf ansagte. Dennoch war die Freude der Leopoldina-Mitglieder groß, dass Charpentier der Einladung zu dieser Abendveranstaltung folgte.

Ausnahmewissenschaftlerin

Denn auch wenn sie in diesem Jahr nicht den Medizin-Nobelpreis erhielt, gehört sie zu den gefragtesten und wohl weltweit bedeutendsten Wissenschaftlern. „Sie ist ein Beispiel für Forscher, die mit nahezu unerschöpflicher Energie Großes vollbringen“, stellte Prof. Dr. med. Ernst-Ludwig Winnacker sie dem Auditorium vor. „Davon gibt es nur wenige in jedem Jahrhundert.“

2011 hat Emmanuelle Charpentier zusammen mit Kollegen bei der Untersuchung von Abwehrmechanismen von Bakterien entdeckt, dass die Gen-Schere CRISPR/Cas9 aus dem Protein Cas9 und zwei RNA-Molekülen besteht (pre-
cr RNA und tracrRNA), die Cas9 präzise zum Ziel auf dem DNA-Strang führen, so dass dieser exakt geschnitten werden kann.

Mittlerweile ist CRISPR/Cas9 als Werkzeug für die Veränderung von Erbgut unterschiedlicher Organismen aus der Genetik nicht mehr wegzudenken. Auch die südkoreanischen Forscher arbeiten daran, das CRISPR/Cas9-System zu optimieren, wie sie in Berlin berichteten. International nutzen aber auch einige Forscher das System bereits für Experimente an menschlichen Keimzellen. Für Charpentier ist das ein Tabubruch, wie sie im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt sagte: „Persönlich habe ich Bedenken in Bezug auf Eingriffe in die menschliche Keimbahn mittels CRISPR/Cas9“, erläuterte sie am Rande des Leopoldina-Symposiums. „Die Technologie hat ein hohes Potenzial für die Humanmedizin. Aber ich kenne momentan keine überzeugenden Gründe, warum man humane Keimzellen manipulieren sollte. Dafür ist CRISPR-Cas9 auch nicht entwickelt worden.“ Die Wissenschaftlerin findet, man sollte menschliche embryonale Zellen restriktiv behandeln und genetische Manipulationen nur nach gründlicher Prüfung von Fall zu Fall vornehmen. „In Großbritannien sind solche Experimente inzwischen genehmigt worden. Ich würde mir wünschen, dass immer die Gründe in jedem einzelnen Fall sehr genau geprüft werden. Ethische Aspekte zur Anwendung von CRISPR-Cas9 benötigen eine Diskussion zwischen Forschern, Klinikern und Ethikern.“

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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