ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2016Arbeitsmarkt Österreich: Verbesserte Rahmenbedingungen

ÄRZTESTELLEN

Arbeitsmarkt Österreich: Verbesserte Rahmenbedingungen

Dtsch Arztebl 2016; 113(42): [56]

Spielberg, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Reform der Medizinerausbildung und die längst überfällige Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie könnte unser Nachbarland auch für Ärzte aus dem Ausland als Arbeitsmarkt attraktiver werden lassen.

Foto: Fotolia/Wolfisch, Aslan Topcu
Foto: Fotolia/Wolfisch, Aslan Topcu

Österreichische Ärzte hadern ebenso wie ihre Kolleginnen und Kollegen in Deutschland mit unbefriedigenden Arbeitsbedingungen in Klinik und Niederlassung. Die Kritik richtet sich vor allem gegen die zunehmende Bürokratisierung für niedergelassene und Krankenhausärzte sowie gegen lange Arbeitszeiten und den Mangel an Modellen für eine ausgeglichene Work-Life-Balance in Krankenhäusern, gepaart mit einer zum Teil nicht marktkonformen Honorierung. Die Arztgehälter in Österreich liegen im Schnitt unter denen deutscher Kollegen, wenngleich die Tarife von Bundesland zu Bundesland und zwischen den Kliniken mehr oder weniger stark variieren können.

Anzeige

Hinzu kommt eine große Unzufriedenheit mit der Medizinerausbildung, bedingt insbesondere durch die der Facharztweiterbildung vorgeschaltete verpflichtende dreijährige sogenannte Turnuszeit. Bis zum fertigen Facharzt benötigen österreichische Mediziner somit im Schnitt 15 Jahre: sechs Jahre Studium, drei Jahre Turnus und sechs Jahre Weiterbildung.


Dies hat zur Folge, dass zahlreiche österreichische Medizinabsolventen nach dem Studium ihre Heimat verlassen, um ihre berufliche Karriere andernorts fortzusetzen. So wechselt nach Angaben der Österreichischen Ärztekammer in Wien (ÖÄK) über ein Drittel der Jungärzte ins Ausland, um den Turnus zu umgehen. Die zunehmende Überalterung der Ärzteschaft sorgt für eine weitere Verschärfung des Versorgungsproblems.

Kürzere Basisausbildung soll Standort attraktiver machen

Mittlerweile hat sich die österreichische Ärzteschaft aber mit ihrer langjährigen Forderung nach einer Reform der Medizinerausbildung durchsetzen können und sich mit dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium auf eine neue Ausbildungsordnung geeinigt. Demnach greift ab Juni dieses Jahres eine Novelle zum Ärztegesetz, die statt der bisher drei Jahre dauernden Turnusausbildung eine nur neunmonatige Basisausbildung sowohl für angehende Allgemeinärzte als auch Spezialisten vorschreibt, auf der die weitere modulare Facharztausbildung aufbaut.


Damit soll der Standort Österreich sowohl für Inländer als auch für Medizinstudenten aus dem Ausland wieder attraktiver werden. Denn auch zahlreiche deutsche Studierende der Humanmedizin verlassen nach Beendigung ihres Studiums an einer der vier medizinischen Fakultäten (Wien, Graz, Innsbruck und Linz) die Alpenrepublik wieder, um in Deutschland oder anderen Ländern zu arbeiten. Nach Zahlen des österreichischen Wissenschaftsministeriums liegt der Anteil der deutschen Abwanderer bei rund 80 Prozent.


Eine weitere Änderung der Rahmenbedingungen im österreichischen Gesundheitssystem könnte neben der verbesserten Medizinerausbildung die Attraktivität unseres Nachbarlandes für Ärzte aus Deutschland zudem ebenfalls steigern. Denn auch in Österreich soll nun endlich die seit 2003 geltende Arbeitszeitrichtlinie der Europäischen Union (EU) umgesetzt werden, die eine Begrenzung der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit auf 48 Stunden vorsieht. In Kliniken unseres Nachbarlandes sind bislang vielerorts noch 72 Stunden und mehr üblich.

Verkürzung der Arbeitszeit ein wichtiger Schritt

„Die föderalistische Struktur unserer Republik war der raschen Umsetzung der Richtlinie leider nicht besonders zuträglich“, so die Begründung von Sozialminister Rudolf Hundstorfer für die Verzögerung. Es habe erst einen Weckruf aus Brüssel gebraucht, um die Richtlinie auch in Österreich in die Praxis zu transportieren. Die EU hatte mit Strafzahlungen in Millionenhöhe ab diesem Jahr gedroht, sollte die Arbeitszeitrichtlinie nicht endlich eingehalten werden.


Der gebürtige Deutsche und stellvertretende Generaldirektor des Wiener Krankenanstaltenverbunds, Udo Janßen, ist davon überzeugt, dass die Umsetzung den notwendigen Systemwandel im Spitalswesen in Österreich beschleunigt, auch wenn einige Ärzte durch die Arbeitszeitverkürzung Gehaltseinbußen befürchten.


Die Umsetzung soll etappenweise erfolgen und spätestens 2021 abgeschlossen sein. Stationären Einrichtungen soll es gleichwohl weiterhin erlaubt sein, individuelle Opt-out-Lösungen mit Ärzten zu vereinbaren, die eine Erhöhung der wöchentlichen Arbeitszeit auf maximal 60 Stunden erlauben.


Der Obmann der Bundeskurie Angestellte Ärzte und Vizepräsident der ÖÄK, Harald Mayer, macht zugleich deutlich: „Die Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie und die damit einhergehende Verkürzung der durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit war ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, es gibt aber noch viel zu tun. Wenn sich an den Arbeitsbedingungen nichts ändert, wird sich die Migrationsbewegung von Osten nach Westen weiter verstärken.“


Mayer fordert unter anderem, Krankenhäuser unter rein ärztliche Führung zu stellen, um die Qualität der stationären Versorgung und die Patientenzufriedenheit zu steigern. Derzeit sei in Österreich die sogenannte kollegiale Führung üblich, bestehend aus der ärztlichen Direktion, der Pflegedirektion und der Verwaltung.


„Das Ideal wäre, dass der Arzt das gesamte Team führt und die Letztverantwortung für sämtliche Prozesse trägt“, betont der ÖÄK-Vize. Mayer verweist auf Studien, wonach die Effizienz von Spitälern mit einer hohen Anzahl an ärztlichen Führungskräften um 50 Prozent höher liege als bei Krankenhäusern, die kollegial geführt würden.

Kooperationen sollen unter ärztlicher Leitung stehen

Als Folge der Umsetzung des Arbeitszeitgesetzes dürfte voraussichtlich auch der Bedarf an niedergelassenen Ärzten in Österreich steigen. Nach Prognosen der ÖÄK wird das österreichische Gesundheitssystem insbesondere angesichts des Patientenstromes aus den Spitälern in die ambulante Versorgung bundesweit schätzungsweise 1 300 zusätzliche Arztpraxen mit Kassenvertrag benötigen.


Neue integrierte Versorgungs- und Kooperationsmodelle unter ärztlicher Leitung könnten nach Meinung von Experten dazu beitragen, eine qualitativ hochwertige Versorgung flächendeckend zu sichern und die Zufriedenheit von Ärzten und Patienten zu steigern. Vorbild ist hierbei unter anderem Deutschland mit seinen spezialisierten beziehungsweise fachübergreifenden Versorgungs- und Kooperationsmodellen. Solche Modelle haben nach Ansicht des Geschäftsführers der Malteser Deutschland GmbH und österreichischen Arztes Dr. Franz Harnoncourt den Vorteil, dass die Grenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung in den Hintergrund treten.


Doch trotz der noch bestehenden Defizite im österreichischen Gesundheitssystem gehört das Land zu den beliebtesten europäischen Staaten für auswanderungswillige deutsche Ärzte, nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Sprachbarrieren und der attraktiven landschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen. Nach einer Statistik der Bundes­ärzte­kammer zog es 2014 285 Ärzte aus Deutschland nach Österreich. Damit liegt Österreich auf dem zweiten Platz hinter der Schweiz, in die im selben Jahr 754 Ärzte auswanderten.


Petra Spielberg

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Ärztestellen