MEDIEN

Einführung: Praktische Philosophie für Mediziner

Dtsch Arztebl 2016; 113(42): A-1878 / B-1582 / C-1570

Jachertz, Norbert

Erst (oder schon?) 1861 wurde in Preußen das Physicum eingeführt. Es löste das Philosophicum ab. Das preußische Vorbild, das die Umorientierung von den Geistes- zu den Naturwissenschaften in der Medizin anzeigt, machte Schule. Zaghafte Bestrebungen in jüngerer Zeit, das Medizinstudium über die ethischen Pflichtveranstaltungen hinaus stärker philosophisch zu grundieren, sind bisher kaum vorangekommen. Den angehenden Medizinern würde freilich eine Orientierung über die geistigen Grundlagen der Medizin und des Arztberufes nicht schaden – genauso wenig wie Ärzten und Ärztinnen, die im Beruf ihr Handeln reflektieren (sofern sie sich im eng getakteten Alltag dazu die Zeit nehmen).

Die „Medizinphilosophie“ des angesehenen Lübecker Mediziners und Wissenschaftshistorikers Borck eignet sich gut als Anleitung zum Selberdenken und zur Orientierung im Dschungel wechselnder wissenschaftlicher Leittheorien und widerstreitender ethischer Forderungen.

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Borck diagnostiziert eine Transformation des ärztlichen Berufes. Während früher zur Kunst des guten Lebens, zu der auch der Arzt anleitete, die Einsicht in dessen Grenzen gehörte, würden für die moderne Medizin natürliche Grenzen menschlichen Lebens lediglich Herausforderungen darstellen, die es zu überwinden gilt. Pränataldiagnostik, Intensivmedizin, Organersatz, Lebensverlängerung veranschaulichen laut Borck, „wie radikal Medizin heute in die biologischen Grundtatsachen des menschlichen Lebens und damit in die Gesellschaft insgesamt eingreift“. Borck belässt es nicht bei solch grundsätzlichen Erwägungen. Nach einer eher abstrakten, gedrängten Einleitung bietet er vielmehr eine höchst praktische Philosophie in dem Sinne, dass er treffend ausgewählte aktuelle Fragestellungen erörtert. Um nur wenige zu nennen: Endet mit der aufkommenden personalisierten/individualisierten Medizin die Dominanz der evidenzbasierten, auf großen Datenmengen basierenden Medizin? Wird die Handlungsfreiheit des Arztes durch die Selbstbestimmung des Patienten eingeschränkt? Der Medizinphilosoph Borck bietet insgesamt keine einfachen Lösungen an, er differenziert und lässt auch den Leser differenzieren, etwa wenn er das heikle, letztlich nicht befriedigend lösbare Problem der fremdnützigen Forschung anspricht. Kurzum, den Leser erwartet ein theoretisch fundierte Philosophie der Medizin, die nah am Alltag bleibt. Norbert Jachertz

Cornelius Borck: Medizinphilosophie. Junius-Verlag, Hamburg 2016, kartoniert, 232 Seiten, 14,90 Euro

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