SUPPLEMENT: Perspektiven der Diabetologie

Profisport mit Diabetes: Alles nur Gewöhnung

Dtsch Arztebl 2016; 113(43): [30]; DOI: 10.3238/PersDia.2016.10.28.08

Grunert, Dustin

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Die Diagnose Typ-1-Diabetes kann im ersten Moment Träume zerstören. Doch dass fast alles möglich ist, beweist ein professionelles Radteam, das ausschließlich aus Diabetikern besteht. Die Fahrer können trotz der Erkrankung Höchstleistungen erbringen und unbeschwert leben.

Das Team Novo Nordisk hat einen besonderen Zusammenhalt. Alle Fahrer haben Typ- 1-Diabetes. Foto: TDW Sport
Das Team Novo Nordisk hat einen besonderen Zusammenhalt. Alle Fahrer haben Typ- 1-Diabetes. Foto: TDW Sport

Ich würde dir raten, maximal noch eine Meile pro Tag mit dem Fahrrad zu fahren.“ Das war einer der ersten Ratschläge, den Stephen Clancy von seinem Arzt nach der Diagnose Typ-1-Diabetes zu hören bekam. Für den jungen Mann aus Limmerick in Irland brach eine Welt zusammen. Denn bis zu diesem Zeitpunkt wollte Clancy Radprofi werden.

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Der ambitionierte Amateur war erst wenige Monate zuvor zum besten nationalen Fahrer in Irland gewählt worden und fuhr beim irischen U23-Entwicklungsteam mit. Ein scheinbar gesunder, 19 Jahre junger Athlet. Doch im Nachhinein, sagt Clancy, hätte er die ersten Symptome des Diabetes erkennen können. „Ich war sehr durstig und hatte Muskelkrämpfe, doch das schob ich auf das harte Training.“ Das häufige Urinieren, den extremen Hunger und den Gewichtsverlust konnte er sich hingegen nicht erklären. „Als Radfahrer habe ich mich aber sogar über den Gewichtsverlust gefreut“, scherzt Clancy. Doch ein routinemäßiger Bluttest zeigte dann einen erhöhten Blutzuckerwert an.

Die Diagnose folgte auf den Fuß. „Für mich war es ein Schock. Bis zu diesem Moment lief alles so gut. Eine Woche vorher bin ich noch problemlos hundert Meilen gefahren und plötzlich sah es so aus, als wäre mein Traum dahin“, beschreibt Clancy die ersten Momente im Krankenhaus.

Obwohl ihm ausdrücklich von ärztlicher Seite von einer weiteren Karriere als Leistungssportler abgeraten wurde, machte sich Clancy schlau. Er erinnerte sich an einen Fernsehbericht über ein professionelles Radteam, das ausschließlich aus Diabetikern bestand. Noch am selben Tag nahm er den Kontakt auf.

Heute heißt die Mannschaft, die damals noch unter dem Namen Team Type 1 fuhr, Team Novo Nor-disk. Die Mannschaft ist das einzige professionelle Radteam, das nur Sportler mit Typ-1-Diabetes unter Vertrag nimmt. Die Mannschaft ist Teil der Initiative „Changing Diabetes® – Diabetes verändern“ vom dänischen Pharmahersteller Novo Nordisk, der zugleich Namensgeber des Teams ist. Der Insulinproduzent wollte bewusst eine professionelle Sportmannschaft sponsorn, die nur aus Sportlern mit Diabetes besteht. Man entschied sich für den Radsport.

Zum einen kann man hier für vergleichsweise geringe Investitionen große Erfolge und damit eine große Werbewirkung erzielen. Zum anderen ist auch die Sportart selber ein Statement: zehrend, mit Dauerbelastung und in den Spitzen extremer Kurzzeitbelastung. Außerdem bestand bereits eine Mannschaft, die man unterstützen konnte. Denn eigentlich wurde das Team in anderer Form bereits 2006 gegründet. Phil Southerland, der heutige CEO des Radteams, und Joe Eldridge scharten acht Radfahrer mit Diabetes um sich, um das 3 000 Meilen lange „Race Across America“ zu bestreiten und damit Aufmerksamkeit für die Krankheit zu erregen. Sie gewannen das Rennen dreimal. Seit 2013 übernahm Novo Nordisk die Namenspatenschaft.

Damit soll ein Zeichen gesetzt werden für Menschen, die mit der Krankheit leben – aber auch für Gesunde. Denn falsche Vorurteile in Bezug auf Diabetes sind überall zu finden. Genau wie Clancy haben viele der Fahrer nach der Diagnose vom medizinischen Fachpersonal zu allererst zu hören bekommen, was sie nun nicht mehr tun können. „Zwölf aus 18 Fahrern im Team wurde gesagt, dass Profiradfahrern keine Option mehr für sie sei“, sagt Clancy. Dabei seien alle innerhalb der letzten 15 Jahre diagnostiziert worden, Clancy beispielsweise im Jahr 2011.

Stephen Clancy kurz vor einem Rennen: „Der Diabetes bremst einen überhaupt nicht.“ Foto: Luis Garcia 2016
Stephen Clancy kurz vor einem Rennen: „Der Diabetes bremst einen überhaupt nicht.“ Foto: Luis Garcia 2016

Große Umstellung in der Zeit nach der Diagnose

Dass es möglich ist, auch eine Karriere als professioneller Radfahrer mit Diabetes zu haben, darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es vor allem in der ersten Zeit nach der Diagnose schwierig ist. „Ich habe mich direkt, als ich aus der Klinik kam, zu Hause auf mein Rad gesetzt, um zu sehen, was mit meinem Blutzuckerlevel unter Belastung passiert. Trial and Error“, blickt Clancy zurück. Der heute 24-Jährige habe nur in den ersten 24 Stunden Zweifel gehabt, doch spätestens, als er den Kontakt zum Team aufgebaut hatte, waren diese auch verflogen.

„Anfangs wirkt alles natürlich wie ein unüberwindbares Hindernis. Doch wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, wird aus einer Injektion, die am Anfang vielleicht zehn Minuten gedauert hat, eine Sache von zehn Sekunden.“

Die Sportler seien es zwar auch vor der Diagnose gewohnt, sich gesund zu ernähren, doch der Einfluss auf den Glukosespiegel sei den meisten trotzdem eher unbekannt. „Man muss einfach sehr viel lernen“, sagt Clancy. Dabei habe ihm das Team sehr geholfen. Denn alle sitzen im gleichen Boot und jeder hat Tipps und Tricks, die den anderen weiterhelfen können. Außerdem, so sagt er, habe ihm das Know-how, das mit den vielen Experten in der medizinischen Mannschaft versammelt ist, geholfen, alles deutlich schneller und besser in den Griff zu bekommen. „Wenn du einmal das Wissen hast, kannst du es aber auch in jeder anderen Mannschaft schaffen. Das ist auch ein gutes Zeichen an alle.“

Der Alltag der Sportler vom Team Novo Nordisk unterscheidet sich kaum von dem von Sportlern ohne die Erkrankung. Alle Fahrer tragen einen Continuous Glucose Monitor – ein Device, das ständig den Blutzuckerspiegel misst. Darauf können sie sehen, ob sie sich in der „Target Range“ befinden. Sollte das nicht der Fall sein, können sie zum Beispiel etwas essen. Außerdem achten sie vor Trainingseinheiten eher darauf, dass sie genug und besonders angepasst essen und immer ihre Medikamente dabei haben. „Wir haben das gleiche Essen dabei wie andere Fahrer, wie Müsliriegel, Bananen und Energieriegel und -gele. Manche Fahrer trinken kurz vor dem Ende eines Rennens auch noch eine Cola oder einen Energy Drink“, erklärt Clancy. Ansonsten ist das Training und die Belastung nicht von anderen Fahrern zu unterscheiden. Auch die Leistung stimmt und wird immer besser. Javier Megias vom Team Novo Nordisk hat erst in diesem Jahr den zweiten Platz bei der Tour de Korea belegt. Bis spätestens 2021, dem 100-jährigen Jubiläum der Entdeckung des Insulins, soll das Team bei der Tour de France mitfahren.

Zwar sei die Angst vor einer Hypoglykämie immer da, jedoch könne man den Gedanken daran abstellen. „In meinem ersten Rennen habe ich die ganze Zeit nur darauf geschaut, wie mein Blutzuckerspiegel ist. Ich habe fast gar nichts vom Rennen mitbekommen. Doch jetzt kennt man seinen Körper besser und das alles ist einem in Fleisch und Blut übergegangen.“

Für Clancy hatte die Diagnose Diabetes auch etwas gutes: „Es hat meinen Weg ins professionelle Fahren beschleunigt. Es sah zwar vorher gut aus, aber so jung ein Profiangebot auf den Tisch zu bekommen, hätte wohl sonst nicht geklappt.“

DOI: 10.3238/PersDia.2016.10.28.08

Dustin Grunert

Interessenkonflikt: Der Autor erklärt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

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