THEMEN DER ZEIT

Frühkindliche Ernährung: Die ersten 1000 Tage entscheiden

Dtsch Arztebl 2016; 113(43): A-1920 / B-1617 / C-1605

Gießelmann, Kathrin

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Schwangerschaft und Kleinkindalter – hier sind die Chancen Übergewicht zu verhindern am effektivsten. Dennoch berücksichtigt das Präventionsgesetz diesen Zeitraum zu wenig, die nationale Studienkohorte schließt ihn komplett aus.

Foto: 123RF, Fotolia/nexusby [m]
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Mehr als 700 Faktoren beeinflussen das Körpergewicht. Vor allem mit Diäten versuchen Betroffene, überschüssige Pfunde zu reduzieren. Der langfristige Erfolg bleibt jedoch meist aus. Denn Fettleibigkeit kann zu 40 bis 60 Prozent genetisch bedingt sein, heißt es im Weißbuch Adipositas. In der Assoziationsstudie GIANT (Genetic Investigation of Anthropometric Traits) identifizierten Forscher 97 Genorte, die mit dem Body-mass-Index assoziiert sind. Die meisten davon spielen eine Rolle für das zentrale Nervensystem und die Appetitregulation. „Die Genetik verhindert nicht grundsätzlich die Wirkung von Lebensstilintervention, kann das Abnehmen aber erschweren“, erklärte Prof. Dr. med. Andreas Fritsche, Leiter des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Tübingen.

Stillen und Fettsäuren

So erfolglos die meisten Erwachsen versuchen abzunehmen, so einfach scheint es zu sein, Übergewicht schon in jungen Jahren vorzubeugen. Darüber waren sich die Experten bei einem Fachgespräch der CDU/CSU im Mai in Berlin einig. Während der Schwangerschaft und in den ersten beiden Lebensjahren wirken sich Lebensstilfaktoren viel effektiver aus. Das bestätigt der Bericht „Ending childhood obesity“ der Welt­gesund­heits­organi­sation. „Beobachtungsstudien zeigen, dass die Ernährung in den ersten 1 000 Tagen lebenslange Effekte hat, nicht nur das Adipositasrisiko sinkt“, sagte Prof. Dr. med. Dres. h.c. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Fetale Überernährung erhöhe zudem das Risiko für Bluthochdruck, Insulinresistenz, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Asthma.

Auch wenn Koletzko und die Bundesministerin für Bildung und Forschung Dr. rer. nat. Johanna Wanka (CDU) vor einer voreiligen Interpretation der aktuellen Studien warnen. In einigen Fällen konnten im Kernspintomografen bereits kausale Zusammenhänge nachgewiesen werden. Das betrifft das Stillen und die Omega-3-Fettsäuren, wie etwa Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure (DHA). Frauen, die während der Schwangerschaft mindestens 0,2 Gramm DHA pro Tag in Form von Kaltwasserfischen wie Lachs oder Makrele zu sich nahmen, gebaren Kinder mit einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit. Das zeigen drei prospektive Kohortenstudien (1, 2, 3). Zudem konnte der regelmäßige Konsum von Omega-3-Fettsäuren die Häufigkeit von Frühgeburten vor der 34. Woche um 22 Prozent vermindern. Ebenso überzeugend wie der Vorteil dieser ungesättigten Fettsäuren ist der Vorteil des Stillens. „Kinder, die gestillt wurden, haben später ein geringeres Risiko für Ekzeme der Haut, chronische Darm­er­krank­ungen, Mittelohrentzündung, plötzlichen Kindstod, akute lymphatische Leukämie, Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2“, zählte Koletzko auf. Studien konnten sogar einen kleinen Vorteil der Intelligenzentwicklung nachweisen. „Im ersten Lebensjahr gestillte Kinder hatten mit 30 Jahren auch nach Adjustierung für Begleitfaktoren einen IQ-Vorsprung von vier Punkten und 23 Prozent mehr Geld in der Tasche“, sagte der Kinderarzt. Auch die Mütter profitieren davon, ihr Kind zu stillen. Das Risiko für Eierstockkrebs und Brustkrebs sinkt um etwa vier Prozent. Ob Muttermilch auch Diabetes Typ 1 und kardiovaskuläre Erkrankungen verhindern kann, sei derzeit hingegen noch unklar, räumte Koletzko ein. „Den Vorteil des Stillens gegenüber Flaschennahrung hinsichtlich des späteren Risikos für Übergewicht führen wir auf die geringere Eiweißmenge zurück“, erläuterte er die Ergebnisse des „European Childhood Obesity Project“. Hier konnte bei fast 2 000 Kindern die „Frühe-Protein-Hypothese“ bestätigt werden. Demnach erhöht die hohe Eiweißzufuhr im Säuglingsalter unter anderem die Sekretion von Insulin sowie die von Wachstumsfaktoren. Ersatzprodukte aus der Flasche versuchen zwar die Muttermilch nachzuahmen, liefern aber dennoch die 1,1-fache Menge an Energie und die 1,5- bis 1,8-fache Menge an Eiweiß, Kuhmilch liefert etwa die 3-fache Eiweißmenge. „Muttermilch sollte daher immer bevorzugt werden“, schlussfolgerte Koletzko. Gleichzeitig schränkt er die Aussagekraft der Studien zum Stillen ein: „Der sozioökonomische Status darf nicht unterschätzt werden.“ In den meisten Studien sei Stillen gleichzeitig auch mit einem höheren Bildungsgrad verbunden, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt.

Weitere Risikofaktoren

Wie viele Mütter in Deutschland ihre Kinder stillen ist nicht bekannt. Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2009. Hier lag die Stillquote mit sechs Monaten bei 50 Prozent (4). Für andere Faktoren, die sich nachteilig auf das Adipositasrisiko von Kindern auswirken, liegt noch kein kausaler Nachweis vor. Viele Studien deuten aber darauf hin, dass sich das Gewicht der Mutter zu Beginn und in der Schwangerschaft stark auswirkt. Ist die Mutter adipös, verdreifacht sich das Risiko des Kindes für starkes Übergewicht. Eine schottische Studie zeigte, dass sich zudem die Lebenserwartung der Nachkommen adipöser Mütter deutlich reduziert.

Drei Botschaften für Eltern

Eine ärztliche Beratung vor der Schwangerschaft sei daher um ein Vielfaches effektiver, als jede Diät im späteren Erwachsenenalter, ist sich Koletzko sicher. „Die derzeitigen Behandlungen der Adipositas bei Erwachsenen sind ohnehin alles andere als zufriedenstellend“, sagte der Kinderarzt. Drei Kernbotschaften an werdende Eltern genügen, um das Krankheitsrisiko deutlich zu senken. Das zeigte eine Interventionsstudie bei mehr als 2 000 Schwangeren im Rahmen des „Early-Nutrition-Projekts“ (5): „Essen Sie wenig Zucker, wenig gesättigte Fettsäuren und bewegen Sie sich regelmäßig.“ Die Zahl der Kinder mit einem hohen Geburtsgewicht von mehr als vier Kilogramm sank um ein Fünftel im Vergleich zu denjenigen, deren Eltern nicht entsprechend beraten wurden. „Die Beratung ist einfach umzusetzen und bietet einen ungeheuren präventiven Vorteil“, äußerte der Ernährungswissenschaftler überzeugt. Das Forschungsprojekt, an dem 36 Gruppen weltweit seit 2012 beteiligt sind, untersucht zurzeit unter der Leitung von Koletzko die Prägung der ersten 1 000 Tage. Dabei werden unter anderem folgende Hypothesen geprüft: Fetale Überernährung, etwa aufgrund von Übergewicht oder Diabetes der Schwangeren, erhöht das Risiko des Kindes für Adipositas, Insulinresistenz, Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen, Schlaganfall und Asthma. Und: Zu rasches Wachstum des Säuglings in den ersten beiden Lebensjahren erhöht das Risiko für Adipositas und assoziierte Krankheiten im Erwachsenenalter. „Im Oktober 2017 wird das Projekt abgeschlossen“, so Koletzko. Die Ergebnisse zeigten aber schon jetzt: „Mit unseren Empfehlungen wären Politik, Ärzte, Schulen und Kitas auf einem effizienten Weg“.

Weniger effizient wird das Wissen im Präventionsgesetz umgesetzt, so Koletzko. Denn dieses klammere den Zeitraum der ersten 1 000 Tage weitgehend aus. Evidenzbasierte Interventionen im frühen Kindesalter sowie eine Verbesserung durch Evaluation kommen zu kurz. Ebenso große Lücken hat die vor allem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierte Nationale Kohorte (6). „Sie untersucht erst gar keine Kinder und Jugendliche. Die Langzeitstudie schließt Probanden erst ab einem Alter von 20 Jahren ein“, kritisierte Dr. med. Karl-Josef Eßer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Auch Koletzko wies die anwesenden Politiker von CDU/CSU auf den Missstand hin: „Es ist unfassbar und geradezu skandalös, dass Kinder und Jugendliche aus der aus Steuermitteln finanzierten Kohorte ausgeschlossen wurden.“

Kathrin Gießelmann

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4316
oder über QR-Code.


Die drei wirksamsten Strategien:

Um das Risiko für Übergewicht des Kindes zu reduzieren haben Eßer und
Koletzko drei Strategien benannt. Daran sollten sich politische Entscheidungsträger, Kultusministerien, Mediziner und Eltern orientieren.

Vor der Schwangerschaft:

Ärzte sollten Frauen mit Kinderwunsch dazu raten, ihr Übergewicht zu
reduzieren. Das Risiko später adipös zu werden, verdoppelt sich bei übergewichtigen Müttern.

Im Säuglingsalter:

Ärzte sollten Eltern dazu raten, wenn möglich ihr Kind mindestens sechs Monate zu stillen. Zu viele Kuhmilchproteine, wie sie in Ersatzmilch vorkommen, und gezuckerte Getränke sollten Eltern meiden. Die App „Baby & Essen“ vom Netzwerk „Gesund ins Leben“ bietet einen Essens-Fahrplan für das erste Lebensjahr (7).

Im Kindergarten- und Schulalter:

Kitas und Schulen sollten Bewegung und den Verzehr kalorienfreier Getränke, Gemüse und Obst fördern. Das Präventionsgesetz sollte Kultusministerien
verpflichten, Mustervorschlägen für gesundheits- und ernährungsbewußte Maßnahmen vorzulegen. Das Programm „TigerKids“ hat genau diesen Ansatz (8).

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1.
Hibbeln JR, Davis JM, Steer C, et al.: Lancet 2007 Feb 17;369(9561): 578–85 CrossRef
2.
Oken E, Wright RO, Kleinman KP, Bellinger D, Amarasiriwardena CJ, Hu H, Rich-Edwards JW, Gillman MW. Environ Health Perspect. 2005 Oct; 113(10): 1376–80 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3.
Oken E, Wright RO, Kleinman KP,: et al.: Environ Health Perspect. 2005 Oct; 113(10): 1376–80 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Rebhan B, Kohlhuber M, Schwegler U, Koletzko BV, Fromme H: Infant feeding practices and associated factors through the first 9 months of life in Bavaria, Germany. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2009 Oct; 49(4): 467–73. Doi:10.1097/MPG.0b013e31819a4e1a CrossRef
5.
http://www.project-earlynutrition.eu/eneu/
6.
http://nako.de/
7.
https://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkraefte/medien-materialien/erstes-lebensjahr/baby-und-essen/
8.
www.tigerkids.de
1. Hibbeln JR, Davis JM, Steer C, et al.: Lancet 2007 Feb 17;369(9561): 578–85 CrossRef
2. Oken E, Wright RO, Kleinman KP, Bellinger D, Amarasiriwardena CJ, Hu H, Rich-Edwards JW, Gillman MW. Environ Health Perspect. 2005 Oct; 113(10): 1376–80 CrossRef MEDLINE PubMed Central
3. Oken E, Wright RO, Kleinman KP,: et al.: Environ Health Perspect. 2005 Oct; 113(10): 1376–80 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4. Rebhan B, Kohlhuber M, Schwegler U, Koletzko BV, Fromme H: Infant feeding practices and associated factors through the first 9 months of life in Bavaria, Germany. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2009 Oct; 49(4): 467–73. Doi:10.1097/MPG.0b013e31819a4e1a CrossRef
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6. http://nako.de/
7. https://www.gesund-ins-leben.de/fuer-fachkraefte/medien-materialien/erstes-lebensjahr/baby-und-essen/
8. www.tigerkids.de

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