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Niederlande: Wenn Politiker das Sterben regeln

Dtsch Arztebl 2016; 113(43): A-1893 / B-1597 / C-1585

Schmedt, Michael

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Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur
Michael Schmedt, Stellv. Chefredakteur

Der Anteil der älteren Bevölkerung nimmt stetig zu. Dies betrifft insbesondere die Zahl der Hochbetagten. Im Jahr 2013 lebten 4,4 Millionen 80-Jährige und Ältere in Deutschland. Im Jahr 2050 wird die Zahl bei fast zehn Millionen liegen, schätzt das Statistische Bundesamt. Folge: Mehr multimorbide und pflegebedürftige Menschen müssen langfristig betreut werden.

Aber nicht nur die medizinische und pflegerische Versorgung der älteren Bevölkerung muss gewährleistet sein, auch die soziale Integration, die Ansprache im Alltag, das „Kümmern“ sind notwendige Voraussetzungen für ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben der hochbetagten Menschen. Was einem in diesem Zusammenhang so gar nicht in den Sinn kommt, ist der Begriff „Sterbehilfe“. Denn nicht alle Hochbetagten sind pflegebedürftig krank. Ein Blick in die Niederlande lässt diese Überlegungen allerdings in einem anderen, trostlosen Licht erscheinen.

In den Niederlanden ist sowohl die aktive Sterbehilfe als auch die Beihilfe zur Selbsttötung seit 2001 erlaubt. Zwei Ärzte müssen sich davon überzeugt haben, dass der Patient seinen Wunsch freiwillig und nach reiflicher Überlegung gestellt hat. Das Leiden des Patienten muss aussichtslos und unerträglich sein. Jetzt soll diese Regelung erweitert werden: Senioren, die älter als 75 Jahre alt sind, sollen auch das Recht auf ein selbstbestimmtes Lebensende erhalten – ohne eine medizinische Indikation. Die Gesetzesinitiative der niederländischen Ge­sund­heits­mi­nis­terin Edith Schippers und von Justizminister Ard van der Steur kommt insofern überraschend, als eine vom Ge­sund­heits­mi­nis­terium beauftragte Kommission Anfang des Jahres noch zu dem Schluss kam, eine Änderung der gegenwärtigen Sterbehilferegelung sei nicht notwendig.

Dass die beiden Minister dennoch an die Mitglieder der zweiten Kammer des niederländischen Parlaments schreiben, begründen sie damit, dass die derzeitige Gesetzeslage es eben nicht zulasse, das gesellschaftliche Dilemma einer erweiterten Sterbehilfe zu lösen. Denn Menschen, für die das Leben keinen Sinn mehr mache, die über den Verlust ihrer Mobilität und Unabhängigkeit oder Einsamkeit klagten, sollten wieder die Kontrolle über ihr eigenes Leben bekommen, fordern sie. Als Beispiele nennen sie Menschen, die ihr Leben als erfüllt und abgeschlossen ansehen oder die einen geliebten Menschen verloren haben und daher mangels sozialer Kontakte aus dem Leben scheiden wollen.

Gerade diese Fälle machen deutlich, dass ein Gesetz das subjektive Empfinden eines Menschen nicht objektiv beurteilen kann. Kann Einsamkeit einem Gesetz zufolge sterbenswürdig sein? Allein der Versuch, dieses anhand bestimmter Kriterien festzulegen zu wollen, macht sprachlos. Was bei einer medizinischen Indikation schon mehr als schwierig und ethisch fragwürdig ist, das sollte bei des Lebens überdrüssigen Gesunden untersagt bleiben. Dennoch argumentieren beide Politiker mit objektiven Kriterien, die „Sterbeberatern“ obliegen sollen. Diese sollen speziell ausgebildet werden und Erfahrungen mit existenziellen und psychosozialen Problemen am Lebensende haben, wie Krankenschwestern, Ärzte und Psychologen. Es ist eine befremdliche Vorstellung, dass eine Berufsgruppe gesunden Menschen, die hoffnungslos ihrem Leben gegenüberstehen, nicht uneingeschränkt helfen, sondern über das gesetzeskonforme Sterben befinden soll.

Die niederländische Initiative macht erschreckend deutlich, wie schnell die Grenzen der Sterbehilfe, ist sie erst legalisiert, ausgedehnt werden.

Michael Schmedt
Stellv. Chefredakteur

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