SCHLUSSPUNKT

Von Schräg unten: Fragen

Dtsch Arztebl 2016; 113(44): [72]

Böhmeke, Thomas

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Es mag möglicherweise vielleicht mit Dr. Google zusammenhängen, dass Patienten heute viel mehr und konkret nachfragen. Es mag auch mit der besagten, von uns häufig kritisch gesehenen, virtuellen ärztlichen Unterstützung zusammenhängen, dass wir uns herausgefordert fühlen, um mit unserer fachlichen Kompetenz brillieren zu können wie der Glanz auf einer zu implantierenden Hüftkopfprothese. Möglichst mit stich- und skalpellfesten Literaturhinweisen sowie präzisem Zahlenwerk.

Heute habe ich einen mir schon lange bekannten Patienten zu versorgen, der unter selten auftretenden, kurz anhaltenden Tachykardien leidet. „Herr Doktor, vor Jahren hatten Sie mir eine Schachtel Medikamente mitgegeben, die ist jetzt aufgebraucht, haben Sie noch welche?“ Tut mir leid, ich habe erst gestern den Medikamentenschrank durchgesehen, ich habe leider keine Muster mehr. „Warum?“ Die Abgabe von Mustern eines Fertigarzneimittels ist gemäß § 47 Abs. 4 des Arzneimittelgesetzes streng und restriktiv und nur auf konkrete Anfrage geregelt. „Und nette Pharmamitarbeiter bringen Ihnen nichts mehr vorbei?“ Aus Gründen der arztimmanenten Empathie bin ich diesen Mitarbeitern gegenüber restriktiv. „Wie bitte?“ Die Psychologie sagt, dass wer sich implizit als Person definiert, den Bitten nachkommt, dazu neigt, dies auch konsequent zu tun. Daher sind wir Ärzte als manipulativ gefährdete Risikogruppe einzustufen. „Ach! Sind Ärzte wirklich so leicht vor den Karren der Pharmaindustrie zu spannen?!“ Gemäß Lieb et al., PloS ONE vom 16. Oktober 2014, ist dies wissenschaftlich bewiesen. Schon ein paar Einladungen zum Abendessen reichen aus, um das Verschreibungsverhalten signifikant zugunsten spendabler Firmen zu verändern.

„So wenig reicht aus?“ Ja, ist es nicht ein Jammer? Früher, also sagen wir mal in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts, mussten die Firmen noch aufwendige Fernreisen für uns Ärzte organisieren, was viele als völlig korrekt empfanden, schließlich hatten wir einen Sicherstellungsauftrag in nicht unerheblichem Umfang. „Was für einen Sicherstellungsauftrag?“ Na ja, schließlich setzt die pharmazeutische Industrie 42 Milliarden Euro pro Jahr um, und der Großteil der dafür erforderlichen Rezepte geht über unsere Schreibtische. Aber dann kam der Absturz, die Sitten verrohten. „Wie meinen Sie das?“ Unser Verschreibungsverhalten war schon durch Kleinigkeiten wie Kugelschreiber sicherzustellen. „Und wie erklären Sie sich das?“ Ich kann nur spekulieren. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass die Honorare in der kassenärztlichen Versorgung dermaßen abgeschmolzen sind, dass sich die Pharmamanager gedacht haben: Wenn die schon für wenige Euro den Buckel krumm machen, sind die auch für ein paar Cent zu manipulieren.

„Und Sie – sind Sie zu manipulieren?“ Ich denke, nein. Ich habe da meine eigene Qualitätskontrolle installiert. „Jetzt bin ich aber neugierig!“ Immer, wenn ich an einer gesponserten Fortbildungsveranstaltung teilgenommen habe, fragt mich danach meine Liebste, wie das Präparat denn heißt, was es zu bewerben galt. „Und?“ Wenn ich mich nicht daran erinnern kann, habe ich bestanden. „Ah, Vergesslichkeit als Qualitätsmerkmal, Sie sind mir ausgesprochen sympathisch, Herr Doktor Böhmeke! Machen Sie weiter so und lassen Sie sich nicht manipulieren!“

Danke. Aber jetzt muss ich mich um meine noch wartenden Patienten kümmern. Der Nächste, bitte. „Herr Doktor Böhmeke, ich komme zur Kontrolluntersuchung, und ich würde mir von Ihnen wünschen, dass Sie mir heute nur wunderschöne Befunde machen!“ Oh. Das tut mir wirklich entsetzlich leid. Gerade eben hat mir ein Patient aufgetragen, dass ich mich nicht manipulieren lassen soll.

Dr. med.Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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