ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2016Verordnung neuer Arzneimittel: Mehr Vertrauen

POLITIK: Kommentar

Verordnung neuer Arzneimittel: Mehr Vertrauen

Dtsch Arztebl 2016; 113(44): A-1967 / B-1651 / C-1639

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Warum verordnen Ärzte so häufig Arzneimittel ohne Zusatznutzen? Weil sie schlecht informiert sind, meint der Gesetzgeber. Es gibt jedoch auch noch andere Gründe.

Den Ärzten wird derzeit vorgeworfen, sie befassten sich nicht ausreichend mit den Arzneimitteln, die sie verordnen. Konkret geht es um neue Arzneimittel, denen der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) im Rahmen der frühen Nutzenbewertung einen Zusatznutzen im Vergleich zu einer zuvor festgelegten Standardtherapie zuerkannt hat – oder auch nicht. Wünschenswert wäre, dass Ärzte vor allem Medikamente verordnen, denen ein Zusatznutzen zuerkannt wurde. Genau das geschieht jedoch nicht. Und viele Experten rätseln nun: Warum nicht? Und was kann man tun, damit Ärzte mehr solcher Medikamente verordnen?

Anzeige

Die gängige Meinung dazu ist, dass die Ärzte zu schlecht informiert seien und schlicht nicht wüssten, welchen neuen Arzneimitteln ein Zusatznutzen zuerkannt wurde und welchen nicht. Deshalb will der Gesetzgeber dem G-BA im Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz nun auftragen, seine Beschlüsse in knapper Form direkt in die Praxissoftware einzuspeisen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass alle Ärzte auch wirklich über den Zusatznutzen der Arzneimittel informiert sind, die sie verordnen wollen. Für einen Teil der Ärzte mag zutreffen, dass sie die Beschlüsse des G-BA bislang nicht kannten. Für sie wären zusätzliche Informationen in der Praxissoftware ein Mehrwert.

Es gibt jedoch noch drei weitere Erklärungen für das Verschreibungsverhalten. Erstens: Der Arzt befürchtet ein Regressverfahren, wenn er neue, meist teure Arzneimittel verordnet. Denn entgegen der ursprünglichen Intention des Gesetzgebers sind viele Arzneimittel mit Zusatznutzen nicht als Praxisbesonderheiten anerkannt. Somit fallen sie nicht automatisch aus der Wirtschaftlichkeitsprüfung heraus. Zweitens sollen sich Ärzte an den Arzneimittelvereinbarungen von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen orientieren. Und die schreiben Quoten auch für neue Arzneimittel mit Zusatznutzen vor. Und drittens: Ärzte kennen ihre Patienten, teils seit vielen Jahren. Ihnen liegen im Einzelfall also möglicherweise Informationen vor, die die Verordnung eines Arzneimittels rechtfertigen, auch wenn es keinen Zusatznutzen erhalten hat.

Es ist sinnvoll, Ärzte gut über den Zusatznutzen neuer Arzneimittel zu informieren, die der G-BA im Rahmen der frühen Nutzenbewertung erhalten hat. Man sollte Ärzte aber nicht dazu zwingen. Denn man darf davon ausgehen, dass deren intrinsische Motivation, sich zu informieren, ausreichend hoch ist. Schließlich geht es um einen Kernbereich ärztlicher Arbeit. Von ebenso großer Bedeutung sind die anderen Erklärungen. Wenn man will, dass Ärzte mehr Arzneimittel mit zuerkanntem Zusatznutzen verordnen, muss man ihnen auch die Angst davor nehmen, es zu tun. Und man muss ihnen die Möglichkeit erhalten, im Einzelfall von den Vorgaben des G-BA abzuweichen. Denn bei aller Bedeutung, die die frühe Nutzenbewertung des G-BA hat: Man sollte bedenken, dass zur Behandlung eines Patienten mehr gehört, als oftmals vorläufige Studienergebnisse auszuwerten.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema