ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1999Britischer Ärztetag: Gesundheitspolitisches Stimmungstief

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Britischer Ärztetag: Gesundheitspolitisches Stimmungstief

Dtsch Arztebl 1999; 96(30): A-1952 / B-1648 / C-1541

Thomas, Kurt

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LNSLNS Mit der gesundheitlichen Versorgung von Kindern, Organspende und den ärztlichen Arbeitsbedingungen beschäftigte sich der britische Ärztetag in Belfast.


Kindergesundheit und Pädiatrie im National Health Service (NHS) standen beim britischen Ärztetag im Juli in Belfast ganz oben auf der Tagesordnung: Großbritanniens Kinder zählen zu den ungesündesten in Europa. Wie der Ärztetag bei Vorlage der Studie "Growing up in Britain" feststellte, liegt die Kindersterblichkeit "deutlich höher, als das für ein Industrieland wie Großbritannien annehmbar ist". "Sieben von 1 000 Kindern unter fünf Jahren sterben in Großbritannien", so der englische Pädiater Dr. James Appleyard. "Es ist nicht einzusehen, warum wir in Großbritannien eine deutlich höhere Kindersterblichkeit haben als Deutschland, Frankreich, Spanien oder Skandinavien."
Der Studie zufolge liegt die Kindersterblichkeit am niedrigsten in Schweden, Finnland und Singapur. Dort sterben nach Angaben der British Medical Association (BMA) vier von 1 000 Kindern vor Vollendung des fünften Lebensjahres. Deutschland liegt mit sechs Todesfällen zusammen mit Frankreich, Österreich, Australien und Holland im Mittelfeld.
Appleyard wies darauf hin, daß Kinder aus unteren sozialen Schichten in Großbritannien deutlich schlechtere Prognosen hätten, gesund aufzuwachsen. Die Säuglingssterblichkeit liege dort um 70 Prozent höher als in den oberen Schichten. Innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre sei zudem die Kluft zwischen armen und reichen Kindern größer geworden. Appleyard vertritt die Auffassung, Kindergesundheit sei das Mauerblümchen britischer Gesundheitspolitik. Kindern fehle die gesundheitspolitische Lobby. Die Delegierten forderten deshalb, einen Beauftragten für Fragen der Kindergesundheit zu benennen, der sich darum kümmert, die gesundheitliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu verbessern. Die British Medical Association, die rund 75 000 Allgemein- und Fachärzte vertritt, forderte auch Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson zu Maßnahmen auf, um die Kindergesundheit zu verbessern.
Organspende: Empörung über rassistische Praktiken
Ausführlich und zum Teil kontrovers diskutierten die Delegierten das Thema "Organspenden". Die Ärztevertreter verlangten eiligst eine Untersuchung von angeblich rassistischen Praktiken im britischen Organspendedienst. Auslöser war ein Vorfall im Northern General Hospital in Sheffield. Dort waren nach Angaben des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums einem weißen Patienten zwei Nieren entnommen worden, wobei die Angehörigen der Organentnahme nur unter der Bedingung zugestimmt haben sollen, daß die Nieren einem Weißen eingepflanzt werden. Die Organe wurden inzwischen im Northern General Hospital einem weißen Patienten transplantiert. Der Klinik zufolge ist es allerdings nicht möglich festzustellen, ob dadurch ein farbiger Patient benachteiligt wurde. "Wir wissen nicht, wer ebenfalls auf der Warteliste gestanden hat", hieß es.
Der Vorfall löste einen Sturm der Entrüstung aus. Die BMA bezeichnete die Vorgänge als "absolut skandalös". Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson versprach, "die Sache so schnell wie möglich aufzuklären". Die für die Vermittlung der Nieren verantwortliche Agentur UK Transplant Support Service Authority lehnte jede Stellungnahme ab. Zunächst müsse man intern prüfen, was geschehen sei.
Der Ärztetag sprach sich für eine Änderung der Organspendegesetze aus. Während Patienten bisher ausdrücklich ihre Bereitschaft zur Organspende erklären müssen, soll nach den Vorstellungen der BMA künftig davon ausgegangen werden, daß ein Patient als Organspender zur Verfügung steht, wenn keine schriftliche Verweigerung vorliegt. Der Ärztetag stimmte dafür, Regierung und Öffentlichkeit für eine entsprechende Gesetzesänderung zu mobilisieren. In Großbritannien besteht seit Jahren ein Mangel an Spenderorganen. 1998 sind rund 1 000 Patienten gestorben, weil für sie nicht rechtzeitig eine Spenderniere gefunden werden konnte, so der Vorsitzende der BMA, Dr. Ian Bogle. Auch bei Herz-, Lungen- und Lebertransplantationen gebe es lange Wartelisten. Die geforderte Gesetzesänderung werde dazu beitragen, Versorgungsengpässe zu verringern. Bogle zufolge haben andere europäische Länder, wie Belgien, positive Erfahrungen mit liberaleren Organspendegesetzen gemacht. Seit dort vor rund zehn Jahren die Bestimmungen geändert wurden, sei die Zahl der zur Transplantation zur Verfügung stehenden Organe um 100 Prozent gestiegen. Für viele gesundheitspolitische Beobachter überraschend waren die Angriffe auf die seit Mai 1997 amtierende Labour-Regierung unter Premierminister Tony Blair. Die Delegierten beschlossen nahezu einstimmig mehrere Resolutionen, in denen Ge­sund­heits­mi­nis­ter Frank Dobson aufgefordert wird, die Arbeitsbedingungen für die rund 32 000 Hausärzte des NHS zu verbessern.
"Gut zwei Jahre nach der Regierungsübernahme ist klar, daß viele Kollegen unzufrieden sind mit dem, was New Labour bisher auf die Beine gestellt hat", so BMA-Chairman Ian Bogle. "Ärztliche Arbeitszeiten sind eher noch länger geworden, und trotz der Bereitstellung von erheblichen zusätzlichen Haushaltsmitteln verzichtet der NHS nach wie vor nicht auf private Sponsoren." Die BMA verabschiedete eine Resolution, in der das Ge­sund­heits­mi­nis­terium aufgefordert wird, zum Bau oder zur Renovierung von NHS-Krankenhäusern nicht länger private Sponsoren zu suchen. "In einem staatlichen Gesundheitsdienst ist kein Platz für private Geschäftemacher", sagte Bogle vor 550 Delegierten. Der BMA-Chairman erhielt dafür stehende Ovationen.
In Großbritannien gibt es seit mehr als zehn Jahren das Programm "Private Finance Initiative" (PFI). Es war von den konservativen Regierungen unter Margaret Thatcher und John Major eingeführt worden. PFI erlaubt es staatlichen Kliniken, private Sponsoren zu suchen, um zum Beispiel Krankenhausstationen zu erweitern. Die Privatwirtschaft hat das kommerzielle Potential von Krankenhäusern erkannt und drängt sich nach Investitionsmöglichkeiten. Die BMA wendet sich gegen das Programm, weil Krankenhäuser dazu da seien, um Patienten zu helfen und nicht um Geld zu verdienen. Kurt Thomas

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