ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996Landerziehungsheime: Einheit von Kopf, Herz und Hand

VARIA: Bildung und Erziehung

Landerziehungsheime: Einheit von Kopf, Herz und Hand

Sievers, Markus

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LNSLNS Sie gehören zum Teuersten, aber auch zum Besten, was die Internatsszene zu bieten hat: Landerziehungsheime, von denen es insgesamt 17 in Deutschland gibt. Eines der ältesten Internate, die in der Tradition deutscher Landerziehungsheime stehen, ist die Schule Schloß Neubeuern.


Bereits im 18. Jahrhundert stellte der Erzieher und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi die Forderung auf, "daß mit dem Kopf zugleich Herz und Hand gebildet werden müsse." – Landerziehungsheime versuchen, dieses Ideal in den pädagogischen Alltag umzusetzen, indem sie bewußt Fähigkeiten außerhalb der rein fachlichen Fertigkeiten fördern. "Gilden" heißen die Arbeitsgemeinschaften im Schloß Neubeuern in Bayern, in denen die Internatsschüler lernen, mit Materialien und Techniken umzugehen, eine Schülerzeitung zu erstellen oder ihre Tennisvorhand zu verbessern. Die Mitgliedschaft in mindestens einer Gilde ist Pflicht, denn die Teilnahme ist mehr als ein Freizeitvergnügen. In den Schul-Regeln heißt es unmißverständlich: "Die Bedürfnisse des Hauses und der Gemeinschaft haben in der Gildenarbeit Vorrang."
Einen Schwerpunkt innerhalb der Gilden bildet in Neubeuern das Tennistraining. Die Tennisausbildung in Neubeuern gilt bundesweit als einmalig. Die Vorteile, von der speziell Leistungssportler profitieren: Fahrtzeiten zwischen Wohnanlage und Tennisanlage entfallen; Trainingspläne können exakt auf die Bedürfnisse von Schule und Heim abgestellt werden. Allerdings muß nicht jeder Racketschwinger gleich ein kleiner Boris oder eine neue Steffi sein. Projektleiter Reinhard Käsinger zielt vielmehr genauso wie auf die besondere Talentförderung auf die Breitenwirkung ab. Spaß am Spiel und die Beherrschung des Spiels entsprechend den individuellen Fähigkeiten stehen – so betonen die Verantwortlichen – im Vordergrund.
Mit diesem Schwerpunkt folgt die Internatsleitung einer langen Tradition, denn von Anfang an spielte die körperliche Ertüchtigung in den Landerziehungsheimen eine zentrale Rolle in dem Prozeß, der in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts "Bildung des Charakters" genannt wurde. Gegründet wurde das Gymnasium 1925 von der Baronin Wendelstadt. Die Freifrau war einerseits inspiriert von den pädagogischen Ideen Hugo von Hoffmannsthals. Andererseits plagten sie finanzielle Sorgen, so daß sie das Internat nutzte, um das Schloß in der Inflationszeit zu erhalten. Großen Wert legte die Baronin, die das Ethos englischer Privatschulen stets als Vorbild angesehen hatte, auf die klassisch-humanistische Ausbildung. Doch diese Tradition stieß auf das Mißfallen der Nationalsozialisten, die das Landerziehungsheim als "politisch unzuverlässig" einstuften und daher 1941 die Pforten schlossen.
Im Jahre 1948 wurde die Schule wieder eröffnet, jetzt unter der Trägerschaft der gemeinnützigen Stiftung Landerziehungsheim Neubeuern, an die die Erbin der Baronin alle Ansprüche auf das Schloß abgetreten hat. Für den neuen und alten Schulleiter Josef Rieder stand sofort fest, daß er die bewährte Pädagogik der Landerziehungsheime weiterführen und an die neuen Verhältnisse der Nachkriegszeit anpassen mußte.
Bereits in den 50er Jahren führte die Schulleitung eine Neuerung ein, die das Internatsleben bis heute prägt: die sogenannte "Ausländerabteilung". In Neubeuern werden seitdem Kinder aus anderen Kulturkreisen bevorzugt aufgenommen, so daß stets etwa 15 ausländische Schüler hier zu Hause sind. Damit sie möglichst schnell im Unterricht mitkommen können, erhalten sie zwei Jahre lang einen spezifischen Gastschülerstatus. In dieser Zeit stehen sie unter der besonderen Obhut eines Lehrers, der für Deutsch als Fremdsprache ausgebildet ist. Diese Bezugsperson kümmert sich um den Sprachunterricht, organisiert den Nachführ- und Nachhilfeunterricht.
Für den heutigen Schulleiter Siegfried Pfitzenmaier ist diese Internationalität nicht nur eine Dienstleistung für die ausländischen Schüler, sondern "auch eine Bereicherung, die die Schule im Inneren prägt". Die Kinder sollen frühzeitig ihren Horizont erweitern und können daher auch an Austauschprogrammen mit Schulen, zum Beispiel in den USA oder Georgien, teilnehmen.
All diese Leistungen erfordern natürlich eine intensive Betreuung – insgesamt wohnen und arbeiten im Schloß Neubeuern neben den ungefähr 200 Schülern auch etwa 100 Erwachsene. Folglich gehört das Internat mit einer Jahresgebühr von rund 36 000 DM zu den teuersten in Deutschland. Die Pädagogik der Landerziehungsheime hat ihren Preis, denn der Anspruch ist hoch.
In einer Rede zur Verabschiedung der Abiturienten beschrieb Pfitzenmaiers Vorgänger, der langjährige Schulleiter Reiner Schmähling, den erzieherischen Ehrgeiz so: "Mir, uns schwebt vor, daß Neubeuern junge Menschen entläßt, die es gelernt haben, Verantwortung für sich selbst, aber in gleicher Weise auch für die Gemeinschaft zu übernehmen." Markus Sievers

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