ArchivDeutsches Ärzteblatt30/1999Island: Wo die Erde kocht und brodelt

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Island: Wo die Erde kocht und brodelt

Wendt, Christoph

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LNSLNS Es ist wie im Drachenland des Märchens: Rings um uns erheben sich große und kleine Vulkankrater wie gigantische, kegelförmige Maulwurfhaufen aus dem nackten, schwarzen Geröll. Schutthalden türmen sich allenthalben, aus bräunlicher Lava, die überall den Boden bedeckt, zischt und faucht es, steigen Hunderte kleiner Dampfwolken wie aus einem unter Überdruck stehenden riesigen Kessel auf.
Das Erlebnis dieser höllischen Küche ganz in der Nähe des Sees Myvatn im Norden Islands gehört zu den vielen Abenteuern einer Reise über die Feuerinsel im Nordmeer, die Insel der Geysire und Vulkane, der Wasserfälle und der - Götter, der alten germanischen Götter. Die Asen der auf Island entstandenen Edda haben hier gelebt. Daran müssen wir beim Aufstieg auf den Hverfall denken, den vielleicht schönsten Ringvulkan Islands. 1 200 Meter beträgt der Durchmesser seines elegant und gleichmäßig gestalteten Kraters. Er war in der Göttersage, in der Edda, jener Flammenring, in dem die Riesin Gerda lebte, das Vorbild für die aus dem Nibelungenlied bekannte spröde Island-Königin Brünhilde in der Waberlohe.
Vom Kraterrand, der sich hoch über den Myvatn und die bizarre Lavalandschaft der Dimmuborgir, der "dämmrigen Stadt", erhebt, ist im Süden der mehr als 1 600 Meter hohe Herdubreid zu erkennen, Islands schönster Berg, wie oft gesagt wird, ein vom Gletschereis bedeckter Tafelvulkan. Er war das Asgard der Edda, die Götterburg der Asen. Hier lebten Odin und Freya, Loki und die anderen Götter. Wir müssen uns allerdings damit begnügen, das Eis auf dem Göttersitz von ferne in der Sonne leuchten zu sehen. Mit unsrem Auto können wir dem Götterberg nicht nahe kommen. Zu ihm führt nur eine jener vielen Geländepisten, die oft nur aus Fahrspuren im Lavageröll, in Kies oder Sand und Fuhrten in den reißenden Gletscherbächen bestehen. Sie machen Island zum Tummelfeld von Geländewagenfahrern aus ganz Europa.
Abstecher von der Ring-straße, die rund 1 400 Kilometer lang die Insel umzieht und nach den Überschwemmungsschäden von zwei Jahren inzwischen wieder hergestellt ist, sind kaum möglich. Die geringe Bodenfreiheit "normaler" Fahrzeuge und die vielen zu durchquerenden Wasserläufe verhindern das. Als wir es dennoch versuchen, um von Klaustur im Süden an die Eldgja zu gelangen - die längste und tiefste Vulkanspalte der Welt, den Eingang zum Reich der Hel, zur Unterwelt der Edda -, müssen wir nach 40 Kilometern Pistenplackerei kapitulieren. Ein Bach ist nach heftigen Regenfällen in der Nacht stark angeschwollen.
Vulkane satt
Island ist einzigartig: Es ist nicht lieblich-schön wie südliche Reiseländer, nicht romantisch wie andere skandinavischen Urlaubsziele. Island ist faszinierend, manchmal atemberaubend. Nirgends auf der Welt gibt es heute auf engem Raum noch so viel aktiven Vulkanismus wie hier, durch deren Untergrund die geologische Grenze zwischen Europa und Nordamerika verläuft. An manchen Stellen sieht es so aus, als sei die Schöpfung noch nicht beendet, noch in vollem Gange. Das gilt vor allem für das Erlebnis des Njamafjallgebietes mit seinen Quellen von Schwefelschlamm. Von weitem sieht es aus, als sei da ein alter, durchaus nicht umweltfreundlicher Industriekomplex aktiv. In allen Farbschattierungen von Rot und Gelb leuchten die Dampf- und Rauchwolken, die überall aufsteigen. Allenthalben schießt zischend kochendheißer Dampf aus der Erde, ringsum wabert, kocht und brodelt in kleinen und großen Tümpeln der graue Schlamm. Es wirkt, als ob hier die Masse, das Material, zubereitet würde, aus der neue Landschaften geformt werden sollen.
Der Vulkanismus ist das eine Naturphänomen, das beeindruckt, die Wasserfälle der Insel sind ein anderes. Sie verlocken immer wieder dazu, es mit staubigen und holprigen Pisten aufzunehmen. Das Sträßchen zum Dettifoss zum Beispiel ist abenteuerlich, aber das Erlebnis des größten Wasserfalls Europas ist dafür um so eindrucksvoller. 60 Meter tief läßt der gewaltige Gullfoss, der "goldene Wasserfall", seine Wassermassen in die Tiefe donnern, fast ins Meer stürzt der Skogarfoss an der Südküste; malerisch ist der kleinere Godafoss.
Wenn die Sonne durch die Wolken bricht, den Wasserstaub über den Wasserfällen in leuchtende Regenbögen verwandelt und die Wasserflächen der Seen wie Spiegel blinken läßt, dann schimmert auch immer wieder das Eis von riesigen Gletschern in der Ferne. Die Zungen des Vatnajökull kommen im Süden bis an die Straße, bis ans Meer heran. Manchmal bricht das Eis dieser Zungen mit Donnergetöse ab. So kommen wir zu dem ungewöhnlichen Erlebnis auf dem Jokulsarlon, sogar eine Sightseeingtour mit dem Motorschiff zu machen - zwischen gewaltigen Eisbergen hindurch, als die Eismassen im Wasser treiben. Christoph Wendt


Reise-Tips


Einreise: Paß oder Personalausweis
Klima: Dank des Golfstroms ist das Klima mild. Die Sommer sind kühl und die Winter verhältnismäßig mild (Juli 11 °C/Januar 1 °C im Durchschnitt). Das Wetter ist aber sehr wechselhaft, und mit Niederschlag muß ganzjährig gerechnet werden.
Flüge: Ganzjährige Flüge mit Icelandair ab Frankfurt bis zu neunmal wöchentlich und täglich ab Hamburg. Bundesweite Anschlußflüge mit Lufthansa sowie Rail & Fly-Angebote.
Island-Reisen: Der Iceland Reiseplaner bietet Informationen, Reisetips und Preise für die selbstorganisierte Reise (Flug ab 750 DM, ÜF in Icelandair Hotels in Reykjavik ab 144 DM und 82 DM auf dem Land) sowie eine Auswahl an organisierten Rundreisen. Beispiel: eine Woche Fly & Drive 1 066 DM je Person bei zwei Personen, achttägige Rundreisen, zum Beispiel "Süd-Island" ab 1 550 DM.

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