THEMEN DER ZEIT

Vereinigte Staaten von Amerika: Suizidzahlen auf Rekordhoch

PP 15, Ausgabe November 2016, Seite 497

Schmitt-Sausen, Nora

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In den USA nehmen sich so viele Menschen das Leben wie seit 30 Jahren nicht. Das Phänomen trifft beide Geschlechter, zieht sich durch alle Altersklassen; selbst bei Jugendlichen steigen die Zahlen.

Foto: iStockphoto
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Wenn in den USA über verstörend hohe Suizidzahlen diskutiert wurde, dann geschah dies bislang überwiegend im Zusammenhang mit US-Soldaten, die sich nach der Rückkehr von ihren Auslandseinsätzen in erschreckend hohen Zahlen das Leben nehmen. Seit einiger Zeit aber sind es nicht nur Veteranen, die als besondere Risikogruppe gelten. Es sind immer mehr Frauen, Männer, gar Jugendliche von nebenan, die nicht mehr leben wollen oder leben können und die ihr Unglück in den Selbstmord treibt. Fast 43 000 Amerikaner sind allein im Jahr 2014 freiwillig aus dem Leben geschieden – und das sind nur die offiziellen Zahlen. Hinzu kommen mehr als eine Million erfasste Selbstmordversuche (Quelle: American Association of Suicidology). Die Zahlen sind innerhalb weniger Jahre deutlich gestiegen: 1999 gab es in den USA keine 30 000 Selbstmorde, im Jahr 2011 waren es fast 40 000. Tod durch Selbstmord ist in den Vereinigten Staaten von heute die zehnthäufigste Todesursache.

Die Suizidrate ist seit 1999 um 24 Prozent gestiegen

Umfassende Zahlen, die von der staatlichen Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in diesem Jahr vorgelegt wurden, haben die Dynamik endgültig zementiert. Die Behörde untersuchte die Suizidrate in den USA für den großen Zeitraum der Jahre 1999 bis 2014. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Die Suizidrate ist demnach um 24 Prozent gestiegen. Im Detail heißt das: Im Jahr 1999 kamen auf 100 000 Bewohner der USA 10,5 Selbstmorde, 2014 waren es 13. Damit ist Fakt: In den USA bringen sich so viele Menschen um wie seit Mitte der 1980er Jahre nicht.

Ein tieferer Blick auf die Statistiken offenbart ein verstörendes Bild vom Innenleben der Weltmacht. Denn die Analyse der Suizidzahlen zeigt, dass sich in den USA etwas verändert haben muss. War Selbstmord bislang ein Phänomen, das vor allem die Gruppe der Senioren getroffen hat, so ist es heute ein Thema für Amerikaner aller Generationen.

Die Suizidraten sind im Beobachtungszeitraum in allen Altersgruppen unter 75 Jahren gestiegen, lediglich bei den über 75-Jährigen entwickelte sie sich rückläufig. Frauen und Männer sind gleichermaßen von der negativen Spirale betroffen – in beiden Gruppen haben Selbstmorde zugenommen. Bei Frauen, die sich in westlichen Nationen weitaus seltener das Leben nehmen als Männer, ist der Anstieg teils rapide; die Kluft zwischen den Geschlechtern beginnt sich zu schließen. Zu den aktuellen Hochrisikogruppen zählen, für viele Experten überraschend, Amerikaner mittleren Alters (45 bis 64 Jahre) und besonders dramatisch: Amerikas Jugend. Die deutlichen Ergebnisse der CDC-Studie überraschen und irritieren: „Es ist wirklich verblüffend, eine so große Zunahme der Selbstmordraten in praktisch jeder Altersgruppe zu sehen“, kommentierte die Gesundheitsexpertin Katherine Hempstead von der Robert Wood Johnson Foundation die Ergebnisse in der New York Times.

Am höchsten ist die Selbstmordrate bei Frauen in der Altersgruppe der 45- bis 64-Jährigen (9,8 pro 100 000 in 2014). Das bedeutet einen Anstieg um 63 Prozent im Vergleich zum Jahr 1999. Alarmierend: Den größten Anstieg der Suizidrate gab in der Altersgruppe der 10- bis 14-jährigen Mädchen. Sie hat sich zwischen 1999 und 2014 verdreifacht: von 0,5 auf 1,5 pro 100 000. In Zahlen heißt das: 50 Mädchen töteten sich in den USA 1999 selbst, 150 waren es in 2014. Auch wenn diese Zahlen insgesamt betrachtet weiterhin niedrig sind, schreckt die Entwicklung Eltern, Pädagogen, Gesundheitsexperten und Forscher gleichermaßen auf.

Bei Amerikas Männern ist die höchste Suizidrate weiterhin in der Gruppe 75 Jahre und älter zu finden. Allerdings ist sie hier im Gegensatz zu allen anderen Vergleichsgruppen zurückgegangen (42,4 Selbstmorde pro 100 000 im Jahr 1999; 38,8 in 2014). Besonders besorgniserregend ist auch bei den Männern die Entwicklung in der mittleren Altersgruppe: In keiner anderen Gruppe haben Selbstmorde so zugenommen wie bei Männern zwischen 45 und 64 Jahren, die Rate ist um 43 Prozent gestiegen (von 20,8 auf 29,7 pro 100 000). Und: Auch bei den Männern sind die Statistiken bei 10- bis 14-Jährigen alarmierend. Die Selbstmordrate stieg in dieser Altersgruppe um 37 Prozent (von 1,9 auf 2,6 je 100 000).

Gründe: Wirtschaftskrise und geplatzte Lebensträume

Viele Experten machen die Wirtschafts- und Finanzkrise, die in den USA ab 2007 besonders drastische Folgen hatte, für die gestiegenen Zahlen verantwortlich. Die USA erlebten „die größte Finanzkrise seit der großen Depression in den 1930er Jahren“, wie es US-Präsident Barack Obama immer wieder beschrieb. Viele Amerikaner stürzten Jobverlust, die daraus resultierende schwere wirtschaftliche Lage und die Sorge um die Zukunft in eine Depression. Bis heute spüren viele US-Bürger die Folgen der Krise und profitieren nicht von der sich stabilisierenden Wirtschaftslage. Tatsächlich weist die CDC-Untersuchung aus, dass die Selbstmordzahlen besonders ab dem Jahr 2006 nach oben schnellten. Seitdem ist ein konstanter Anstieg um zwei Prozent pro Jahr zu verbuchen, in den Jahren zuvor war es ein Prozent. Es gilt als belegt, dass Selbstmordraten in Krisenzeiten steigen.

Die Wirtschaftskrise allein kann jedoch nicht der Grund für die erschreckende Dynamik sein. Auch über soziale Vereinsamung wird als ein Grund spekuliert. Es gibt in den USA weniger Eheschließungen, aber höhere Scheidungsraten. Geplatzte Hoffnungen, Träume und Erwartungen könnten für die hohen Selbstmordzahlen in der Baby-Boomer-Generation mitverantwortlich sein, insbesondere bei Menschen mit geringem Bildungsniveau. Dass sich viele Amerikaner mittleren Alters in der US-Gesellschaft abgehangen fühlen, zeigen auch andere Studien der jüngeren Vergangenheit. Einen Zusammenhang scheint es auch zum gestiegenen Rauschgift- und Medikamentenkonsum zu geben; der Gebrauch von Antidepressiva und Opiaten wie Schmerzmitteln ist bei vielen der Selbstmordtoten nachweisbar.

Ein weiterer, zentraler Interpretationsversuch: Die mentale Gesundheit war in den USA lange Zeit nicht Bestandteil des Gesundheitswesens; erst seit der Gesundheitsreform von 2010 verändert sich dies nach und nach. Doch die Versorgung ist weiterhin sehr lückenhaft und ein breiter Zugang der Patienten zu Therapeuten nicht gewährleistet.

Der Anstieg der Suizidraten unter jungen Heranwachsenden hinterlässt derzeit noch größere Ahnungslosigkeit. „Wir wissen nicht, was los ist, um ganz ehrlich zu sein“, sagte Dr. Arielle Sheftall, die am Center for Suicide Prevention and Research am Nationwide Children’s Hospital in Columbus/Ohio forscht, im Frühjahr im Gespräch mit dem US-Radiosender NPR. „Wir denken, vielleicht ist es dies, vielleicht ist es das. Es ist wirklich schwer, einen bestimmten Risikofaktor zu identifizieren, der diesen Trend tatsächlich vorantreibt.“ Eine Hypothese sei, dass eine verfrüht einsetzende Pubertät bei jungen Mädchen eine Rolle spielen könnte.

Eine neue Studie von Forschern der Universitäten Chicago und Memphis nennt Erfolgs- und Erwartungsdruck, etwa in Schule und Sport, als mögliche Gründe für Suizide in jungen Jahren. Verbreitet sei auch die Angst davor, dass sich persönliche Belange wie psychische Schwierigkeiten im eng vernetzten Freundes- und Bekanntenkreis herumsprächen und damit öffentlich werden. Diese Furcht hielte Jugendliche, aber auch Eltern davon ab, sich zeitig Hilfe zu suchen. Andere Studien machen massiven Internetnutzen und Cyber-Mobbing für die steigenden Zahlen bei jungen Heranwachsenden mitverantwortlich.

Seit vielen Jahren finden die USA auf die deprimierend hohen Suizidzahlen der Soldaten keine Antworten. Die Regierung tue zu wenig, um Selbstmorden vorzubeugen, die bereitgestellten Mittel seien zu gering. Mit Blick auf die steigenden Suizidraten in der Gesamtbevölkerung ist das keine gute Nachricht.

Nora Schmitt-Sausen

jeder zweite Selbstmord durch Waffen

 In den USA, in denen verglichen mit Europa laxe Waffengesetze herrschen, spielt der leichte Zugang zu Schusswaffen beim Blick auf die Selbstmordraten des Landes eine erhebliche Rolle. Die Hälfte aller Selbstmorde im Land geschieht durch Schusswaffen. Es sind vor allem Männer, die ihrem Leben auf diese Weise ein Ende setzen: 55,4 Prozent wählten im Jahr 2014 dieses Mittel, um aus dem Leben zu gehen. Frauen greifen seltener zu Waffen und wählen einen weniger radikalen Weg, wenn ihre Entscheidung zum Suizid gefallen ist. Sie entscheiden sich überwiegend für den Tod durch Vergiften. Mehr als jeder dritte Selbstmord von amerikanischen Frauen ist auf diese Art des Ausstieges zurückzuführen. Bei Männern wie Frauen nimmt der Tod durch Ersticken zu, lebensmüde Menschen greifen etwa vermehrt zum Strick. Den Zugang zu den Mitteln zu beschränken, die für Selbstmorde genutzt werden können, gilt als eine der erfolgreichsten Präventionsmaßnahmen im Kampf gegen den Suizid.

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