ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2016Suizidprävention und Medien: Verweis auf Hilfsangebote Pflicht

THEMEN DER ZEIT

Suizidprävention und Medien: Verweis auf Hilfsangebote Pflicht

PP 15, Ausgabe November 2016, Seite 499

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Medien können durch die Art der Berichterstattung über Suizide oder Suizidversuche beeinflussen, ob es zu Nachahmungstaten kommt oder nicht. Empfehlungen gibt es viele – doch manchmal hält die Presse sich nicht daran.

Viele Menschen werden in ihrem Denken und Handeln von Medien beeinflusst, auch im Hinblick auf Suizid. Der negative Einfluss von Medien – in diesem Fall eines Buchs – zeigte sich bereits im 18. Jahrhundert, als es nach der Veröffentlichung von Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ im Jahr 1774 zu einer Suizidwelle kam. Zahlreiche junge Menschen taten es dem Romanhelden Werther nach und brachten sich um („Werther-Effekt“). Aber nicht nur Bücher, sondern auch andere Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Radio, Fernsehen und Internet tragen durch die Art der Berichterstattung über Suizide immer wieder dazu bei, dass diese durch selbstmordgefährdete Menschen nachgeahmt werden.

Darüber hinaus breiten sich im Internet sogenannte „Suizidforen“ immer weiter aus. In diesen Foren tauschen sich suizidale Personen über die „besten“ Methoden der Selbsttötung aus, geben sich Tipps und stacheln sich zum Teil auch dazu auf. Manche verabreden sich außerdem zum kollektiven Suizid. Da die Verabredung über das Internet geschieht, spricht man von „Cybersuizid“.

Anzeige

Eine weitere Gefahr durch Medien, vor allem durch das Internet, ergibt sich aus dem sogenannten „Cybermobbing“. Hierbei werden einzelne Personen so lange über Postings, E-Mails und andere Kommunikationswege beleidigt, bedroht und attackiert, bis sie so verzweifelt und depressiv sind, dass sie sich umbringen. Besonders perfide daran ist, dass das soziale Umfeld eines Betroffenen davon oft nichts mitbekommt und die Angreifer meistens anonym bleiben.

Auch positiver Einfluss

Medien können auf der anderen Seite aber auch einen positiven Einfluss ausüben und zur Suizidprävention beitragen. Über sie können beispielsweise Hilfsangebote wie anonyme Beratungen, Krisengespräche oder Notfalltelefonkontakte sowie Adressen von qualifizierten Anlaufstellen vermittelt werden. Medien können außerdem Betroffenen dabei helfen, die Hemmschwelle, sich Hilfe zu suchen, zu überwinden und sich mit Menschen auszutauschen, die ihre Suizidabsichten und -krisen erfolgreich überwunden haben.

Dass Medien durch die Art der Berichterstattung beeinflussen können, ob es zu Nachahmungstaten kommt oder nicht, wurde seitens der Medienwirkungsforschung mehrfach empirisch nachgewiesen. So tragen zum Beispiel Details über die Technik der Selbsttötung, Fotos vom Getöteten und vom Ort der Selbsttötung sowie eine sensationsheischende Berichterstattung über Suizide von Prominenten dazu bei, dass sich Menschen mit Suizidabsichten daran orientieren und „angesteckt“ werden. Aufgrund solcher Erkenntnisse wurden ab den 1980erJahren Medienempfehlungen zur Berichterstattung über Suizidalität entwickelt und veröffentlicht. Sie sollten laut der Psychologin Julia Maloney vom Universitätsklinikum Würzburg mindestens folgende Empfehlungen und Regeln enthalten:

  • Keine Namen und Charakteristika der suizidalen Person nennen
  • Keine Abschiedsbriefe zitieren oder abfotografieren
  • Nicht auf Pro-Suizid-Foren im Internet verweisen
  • Nicht über Verabredungen zum Suizid (Suizidpakte) berichten
  • Nicht auf Suizide verweisen, die zeitlich oder örtlich nah erfolgten (Suizidcluster)
  • Nicht eine Anhäufung von Suiziden an bestimmten Orten (Hotspots) erwähnen
  • Nicht positive Konsequenzen suizidalen Verhaltens aufzeigen
  • Auf Selbsthilfegruppen verweisen

Eine der bekanntesten Medienempfehlungen stammt von der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO). Sie wurde erstmals im Jahr 2000 veröffentlicht, im Jahr 2008 aktualisiert und in 14 Sprachen übersetzt (siehe Kasten 1). Die Befolgung von solchen Empfehlungen zur verantwortungsvollen Berichterstattung von Medien beugt Imitationsverhalten vor und reduziert nachweislich Suizide und Suizidversuche. Das berichten unter anderem australische Wissenschaftler um India Bohanna von der James-Cook-University (Cairns, Australien).

Diese positiven Wirkungen halten die Presse jedoch nicht davon ab, die Empfehlungen weitgehend zu ignorieren, um andere Interessen zu verfolgen. So stellte beispielsweise der Kommunikationswissenschaftler Markus Schäfer von der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz im Rahmen einer Analyse der Berichterstattung über den Suizid von prominenten Personen fest, dass deutsche Medien sich oft nicht an die Empfehlungen halten. „In der Folge kommt es immer wieder zu einer erhöhten Anzahl von Suiziden und Nachahmungssuiziden“, meint Schäfer. Eine Untersuchung der britischen Psychiaterinnen Alexandra Pitman und Fiona Stevenson vom University College London (GB) bestätigte diesen Befund für britische Medien. Sie stellten fest, dass alle 68 von ihnen analysierten, britischen Zeitungen von den Medienempfehlungen abwichen. So benutzten 21 Prozent eine unangemessene Sprache, 38 Prozent beschrieben Suizide im Detail, und 27 Prozent romantisierten den Selbstmord. Außerdem informierte keine einzige Zeitung über Hilfsangebote. Dass im Hinblick auf Suizidprävention in Berichterstattungen durch Medien noch viel Nachholbedarf besteht, stellten auch Maloney et al. fest.

Mehr gefährdende Webseiten

Sie fanden heraus, dass nur 74 Länder der 193 UN-Mitgliedsstaaten teilweise über nationale Suizidpräventionsprogramme und Medienempfehlungen verfügten. Diese waren aber unvollständig und aus Sicht der Wissenschaftler ungenügend. Denn nur 25 Prozent der Medienempfehlungen forderten dazu auf, Suizidforen, Pakte, Cluster, Anregungen, Hotspots, Details und positive Seiten von Suiziden nicht zu erwähnen, und nur 15 Prozent informierten über Selbsthilfegruppen. Im Internet bietet sich laut britischer Anthropologen um Lucy Biddle von der University of Bristol (GB) ein ähnliches Bild: Hilfsangebote und Support-Seiten sind rar und kaum zu finden. Dafür nahmen zwischen 2007 und 2014 die Menge und die Anzahl der Besuche von gefährdenden Websites, Blogs und Foren, die beispielsweise Suizidmethoden und -verabredungen enthielten, besorgniserregend zu.

Wissenschaftler, die die Nichtbeachtung von Berichterstattungs-Guidelines kritisieren und eine bessere Suizidprävention durch Medien fordern, fordern unter anderem, dass Medienempfehlungen ständig aktualisiert, noch in mehr Sprachen übersetzt und in mehr Ländern verbreitet sowie auf neue und soziale Medien (siehe Kasten 2) ausgeweitet werden sollen. Darüber hinaus sollte dafür Sorge getragen werden, dass Hilfsangebote wesentlich mehr als bisher in den Medien Verbreitung finden und zum festen Bestandteil jeder Berichterstattung über Suizide werden. Gegebenenfalls ist es Aufgabe von Politik, Judikative und Exekutive, die Einhaltung von Medienempfehlungen zu kontrollieren und durchzusetzen und gefährdende Publikationen oder Medien zu verbieten. Darüber hinaus sollten soziale Medien wie etwa Facebook noch stärker zur Suizidprävention eingesetzt werden, denn über sie können Altersgruppen erreicht werden, die besonders suizidgefährdet sind.

Marion Sonnenmoser

(1) Medienempfehlungen WHO*

  • Begriffe und eine Sprache vermeiden, die Suizide zur Sensation aufbauschen, als Normalität hinstellen oder als Problemlösung ausgeben
  • Schlagzeilen und eine auffällige Platzierung von Suizidgeschichten vermeiden, die Geschichten nicht wiederholen
  • Die genaue Beschreibung der Methode und des Orts eines versuchten oder vollendeten Suizids vermeiden
  • Mit Fotos und Filmmaterial sensibel und verantwortungsvoll umgehen
  • Sich beim Berichten über den Suizid berühmter Personen zurückhalten
  • Die Gefühle der Hinterbliebenen respektieren und schonen
  • Informationen über Hilfsangebote vermitteln

*Auswahl, frei übersetzt

(2) Prävention durch Neue soziale Medien

Neue soziale Medien zeichnen sich durch einen hohen Grad an Interaktivität, eine exponentiell erfolgende Informationsweiterleitung und eine Kommunikation in Echtzeit aus. Sie erlauben die Teilnahme an der Informationsbildung, indem jeder Nutzer Berichte und Meinungen verfassen, weiterleiten, bewerten und kommentieren kann. Aus diesem Grund erfordern sie ein engmaschiges Monitoring der Moderation. Neue soziale Medien haben viel Potenzial zur Suizidprävention, das noch weitgehend ungenutzt ist. Zum Beispiel können die Teilnehmer emotionale Anteilnahme und Unterstützung erhalten, ihre Gefühle ausdrücken, sich mit Menschen mit ähnlichen Problemen austauschen und anderen helfen.

Beispiele für Suizidprävention in neuen sozialen Medien:

  • Im Rahmen von Kollektivprojekten (zum Beispiel Wikipedia) können neue Beiträge verfasst und bestehende modifiziert werden, um Hilfsmöglichkeiten bekannt zu machen und zu verlinken.
  • Internetforen und Chaträume sollten wenn möglich moderiert werden, sodass eine Kontrollinstanz vorhanden ist, die unangemessene Beiträge entfernen und auf Hilfsangebote verweisen kann. Sie können auch für Öffentlichkeitsarbeit und Kampagnen eingesetzt werden, um zum Beispiel über verbotene Foren zu informieren.
  • In sozialen Netzwerken sind Kontroll- und Präventionsinstanzen erforderlich, wie sie zum Beispiel bei Facebook oder Second Life eingerichtet wurden: Dort gibt es eine Meldefunktion für suizidale Inhalte, die eine Kontaktaufnahme durch die Administratoren mit Verweis auf Hilfsangebote nach sich zieht. Zudem werden die Nutzer motiviert, konkrete Suizidäußerungen unmittelbar an die nächste Polizeibehörde oder den Notruf weiterzuleiten, und es werden Ratschläge zum Umgang mit suizidgefährdeten Freunden gegeben.

Nach Maloney et al., 2015, Auswahl

1.
Biddle L, Derges J, Mars B, et al.: Suicide and the internet: Changes in the accessibility of suicide-related information between 2007 and 2014. Journal of Affective Disorders 2016; 190: 370–5 CrossRef MEDLINE
2.
Bohanna I, Wang X: Media guidelines for the responsible reporting of suicide: A review of effectiveness. Crisis 2012; 33 (4): 190–8 CrossRef MEDLINE
3.
Maloney J, Pfuhlmann B, Arensman E, et al.: How to adjust media recommendations on reporting suicidal behavior to new media developments. Archives of Suicide Research 2014; 18 (2): 156–69 CrossRef MEDLINE
4.
Maloney J, Pfuhlmann B, Hegerl U, Schmidtke A: Medienempfehlungen zur Suizidberichterstattung in neuen sozialen Medien. Suizidprophylaxe 2015; 42 (2): 61–70.
5.
Pitman A, Fiona S: Suicide reporting within British newspapers’ arts coverage: Content analysis of adherence to media guidelines. Crisis 2015; 36 (1): 13–20 CrossRef MEDLINE
6.
Schäfer M: The press coverage of celebrity suicide and the development of suicide frequencies in Germany. Health Communication 2015; 30 (11): 1149–58 CrossRef MEDLINE
7.
World Health Organization: Preventing suicide: A resource for media professionals. Geneva: WHO 2008.
1.Biddle L, Derges J, Mars B, et al.: Suicide and the internet: Changes in the accessibility of suicide-related information between 2007 and 2014. Journal of Affective Disorders 2016; 190: 370–5 CrossRef MEDLINE
2.Bohanna I, Wang X: Media guidelines for the responsible reporting of suicide: A review of effectiveness. Crisis 2012; 33 (4): 190–8 CrossRef MEDLINE
3.Maloney J, Pfuhlmann B, Arensman E, et al.: How to adjust media recommendations on reporting suicidal behavior to new media developments. Archives of Suicide Research 2014; 18 (2): 156–69 CrossRef MEDLINE
4.Maloney J, Pfuhlmann B, Hegerl U, Schmidtke A: Medienempfehlungen zur Suizidberichterstattung in neuen sozialen Medien. Suizidprophylaxe 2015; 42 (2): 61–70.
5.Pitman A, Fiona S: Suicide reporting within British newspapers’ arts coverage: Content analysis of adherence to media guidelines. Crisis 2015; 36 (1): 13–20 CrossRef MEDLINE
6.Schäfer M: The press coverage of celebrity suicide and the development of suicide frequencies in Germany. Health Communication 2015; 30 (11): 1149–58 CrossRef MEDLINE
7.World Health Organization: Preventing suicide: A resource for media professionals. Geneva: WHO 2008.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema