ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2016Adipositas: Falsche Einschätzung

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Adipositas: Falsche Einschätzung

Gießelmann, Kathrin

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Wie Adipositas entsteht und was dagegen hilft, wissen die wenigsten, so das Fazit einer Forsa-Umfrage. Alternativen zur Diät, wie die Chirurgie oder Psychotherapie, sind in der Bevölkerung kaum bekannt.

Fotoausstellung auf Tour Die Wanderausstellung „schwere( s)los“ stellt die Krankheit Adipositas einmal anders dar. Die Ausstellung tourt mit 26 kreativen Fotografien von Design-Studierenden durch Deutschland. Unterstützt wird die Kampagne vom Bundesministerium für Gesundheit. Foto: Melina Hipler
Fotoausstellung auf Tour Die Wanderausstellung „schwere( s)los“ stellt die Krankheit Adipositas einmal anders dar. Die Ausstellung tourt mit 26 kreativen Fotografien von Design-Studierenden durch Deutschland. Unterstützt wird die Kampagne vom Bundesministerium für Gesundheit. Foto: Melina Hipler

Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, Fast Food und Bequemlichkeit – diese Ursachen vermuten die meisten Bundesbürger für starkes Übergewicht. Das zeigt der „XXL-Report“: Meinungen und Einschätzungen zu Übergewicht und Fettleibigkeit“, der im Auftrag der DAK-Gesundheit im Juli und August durchgeführt wurde. Mit diesen Stigmata soll jetzt aufgeräumt werden. Zusammen mit der Johnson & Johnson Medical GmbH startet die Krankenkasse daher die bundesweite Aufklärungskampagne „schwere(s)los“ als Wanderausstellung.

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Stoffwechselstörungen und genetische Faktoren spielen nach Ansicht der 1 006 Befragten – darunter auch etwa 60 Prozent mit Übergewicht – keine Rolle bei der Entstehung von Übergewicht. Dabei kann Adipositas zu 40 bis 60 Prozent genetisch bedingt sein, heißt es im Weißbuch Adipositas. In der Assoziationsstudie GIANT (Genetic Investigation of Anthropometric Traits) identifizierten Forscher 97 Genorte, die mit dem Body-mass-Index (BMI) assoziiert sind. Die meisten davon spielen eine Rolle für das zentrale Nervensystem und die Appetitregulation. „Die Genetik verhindert nicht grundsätzlich die Wirkung von Lebensstil-Intervention, kann das Abnehmen aber erschweren“, erklärt Prof. Dr. med. Andreas Fritsche, Leiter des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin und Prävention an der Universität Tübingen.

Positive Stereotype, wie Gemütlichkeit und Humor, schrieben die Befragten vor allem den Übergewichtigen, nicht aber den Fettleibigen zu. Etwa 70 Prozent der Normalgewichtigen finden adipöse Menschen unästhetisch. Jeder Achte vermeidet bewusst Kontakt zu Betroffenen. Diese Stigmata führen neben gesundheitlicher auch zu psychosozialer Beeinträchtigung.

„Mit einfachen Schuldzuweisungen kommen wir nicht weiter“, sagte Prof. Dr. rer. med. Claudia Luck-Sikorski bei der Vorstellung des XXL-Reports im September in Berlin. Die Professorin für Psychische Gesundheit und Psychotherapie an der Hochschule für Gesundheit in Gera unterstützt die aktuelle Umfrage und betont: „Ausgrenzung und Stigmatisierung verschlimmern die Lage der Betroffenen.“ Sie können wie ein chronischer Stressor wirken, so dass sich die Physiologie des Körpers ändert. „Unser Stresssystem schüttet mehr Cortisol aus und teilweise kommt es zu verändertem Essverhalten“, erklärte Luck-Sikorski den Teufelskreis.

Entgegen der weitläufigen Meinung bemühe sich ein Großteil sehr wohl darum abzunehmen, so Luck-Sikorski. Dem XXL-Report zufolge macht jeder Fünfte aktuell eine Diät und 30 Prozent haben dies schon einmal versucht. Eine Diät führe aber oft nicht zum Erfolg. Im Gegenteil: Der Jojo-Effekt verschlimmere die Situation häufig noch.

Prof. Dr. med. Bertram Wiedenmann, Klinikdirektor an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, geht noch einen Schritt weiter. Er stuft die Adipositas als Gehirnerkrankung ein und beruft sich dabei auf die Amerikanische Gesellschaft für Psychiatrie. „In der Summe haben wir bei diesen Patienten ein Suchtverhalten“, so der Kongresspräsident im Vorfeld der Viszeralmedizin 2016. Eine Psychotherapie könne Adipöse unterstützen. Der einzig evidenzbasierte Therapieansatz sei zurzeit aber die bariatrische Chirurgie bei Adipositas Grad III, war sich Luck-Sikorski mit den Experten aus der Viszeralchirurgie einig.

In der befragten Gruppe ist dieses Wissen noch nicht angekommen. Auf die Frage, was man gegen Übergewicht tun kann, waren 76 Prozent davon überzeugt, dass eine Ernährungsumstellung ausreiche. Nur elf Prozent sahen hingegen den operativen Eingriff als Mittel der Wahl. „Ein trauriges Ergebnis“, findet Luck-Sikorski. Hier zeige sich erneut eine große Diskrepanz zwischen den Erkenntnissen der Wissenschaft und dem Denken der Allgemeinbevölkerung. Aufklärung sei daher dringend nötig.

Fotos und Ausstellungstermine: http://d.aerzteblatt.de/WP28

Kathrin Gießelmann

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