ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2016Erwin Straus: Vom Sinn der Sinne

THEMEN DER ZEIT

Erwin Straus: Vom Sinn der Sinne

PP 15, Ausgabe November 2016, Seite 511

Goddemeier, Christof

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Vor 125 Jahren wurde der Psychologe, Psychiater und Neurologe Erwin Straus geboren. Er zählt zur phänomenologisch-anthropologischen Richtung der Psychiatrie.

Erwin Straus arbeitet nicht psychotherapeutisch. Sein Werk ist vor allem theoretisch fundiert. Foto: University of Kentucky
Erwin Straus arbeitet nicht psychotherapeutisch. Sein Werk ist vor allem theoretisch fundiert. Foto: University of Kentucky

Mit Eugène Minkowski, Victor-Emil von Gebsattel und Ludwig Binswanger zählt Erwin Straus zur phänomenologisch-anthropologischen Richtung der Psychiatrie. Mit Bezug auf die Philosophen Edmund Husserl, Wilhelm Dilthey und Martin Heidegger untersuchten sie Fragen des menschlichen Gesund- und Krankseins und stellten die psychiatrische und psychologische Forschung auf ein neues methodologisches Fundament. Im „Wengener Kreis“ – so nannten sie sich scherzhaft selbst – tauschten die vier sich über mehrere Jahrzehnte miteinander aus. Anlässlich eines Treffens, bei dem Minkowski nicht anwesend war, schildert Binswanger die anderen drei pointiert so: „Erwin Straus sei der Gescheiteste von uns, denn es fiele ihm immer etwas ein, von Gebsattel sei der Intuitivste, ich selbst aber der Systematischste.“

Anzeige

Kritik an den Annahmen des Philosophen Descartes

In heutiger neurowissenschaftlicher Anschauung ist die reale Welt anders beschaffen als die Welt, die wir erleben. Was wir erleben, sind nicht die Dinge selbst, sondern lediglich Bilder, Vorspiegelungen, die unser Gehirn erzeugt. Demnach ist unsere Wahrnehmung eine physiologische Illusion, eine Art „Online-Simulation der Wirklichkeit, die unser Gehirn so schnell und unmittelbar aktiviert, dass wir diese fortwährend für echt halten“. (1). Diese Haltung geht letztlich auf René Descartes zurück, der bei der Analyse des Menschen Körper (res extensa) und Geist (res cogitans) voneinander trennte. Sinnliches Erleben und daran anschließende Empfindungen versteht er nicht als unmittelbare Affektionen durch die Dinge, sondern als Produkte des Bewusstseins. Zu „wahrer“ Erkenntnis gelangt man, indem man störende Empfindungen weitestmöglich ausschaltet, weil sie nicht „klar und deutlich“ sein können. Die Kritik an diesen Annahmen zieht sich durch Straus gesamtes Werk. Die Fragestellungen der wissenschaftlichen Psychologie seiner Zeit sind für ihn abhängig von der Philosophie Descartes und damit lebensfremd.

Erwin Straus wird 1891 in eine wohlhabende jüdische Familie in Frankfurt am Main geboren. In Berlin und München studiert er Medizin und promoviert 1919 bei Karl Bonhoeffer mit der Arbeit „Zur Pathogenese des chronischen Morphinismus“. Er wechselt in die Neurologie und habilitiert sich mit „Untersuchungen über die postchoreatischen Motilitätsstörungen (. . .)“. Vermittels umfangreicher philosophischer Lektüre setzt er sich mit den Grundlagen der Psychiatrie auseinander. Er trifft den zehn Jahre älteren Ludwig Binswanger, hält Vorlesungen an verschiedenen Universitäten und betreibt eine Praxis in Berlin. 1931 wird er hier Professor für Psychologie.

In seiner Frühschrift „Wesen und Vorgang der Suggestion“ (1925) behandelt Straus Fragen der Sozialpsychologie, Ethik und Erkenntnistheorie: Indem der Mensch als soziales Wesen zwischen den Polen Selbstsein und Fremdbestimmung lebt, ist er immer auch suggestibel. Straus zeigt hier bereits sein umfassendes Denken, mit dem er sich später den Phänomenen Depression, Zwang und Perversion nähert.

„Geschehnis und Erlebnis“ (1930) zielt bereits gegen eine Medizin und Psychologie, die versucht, den Menschen als kausal und biologisch determiniert zu erklären. Freuds Libidotheorie hält Straus für ein Konstrukt aus physikalischen Konzepten wie der Elektrizität, das allenfalls als Gleichnis tauge.

Empfinden gleich Welterleben eines lebendigen Subjekts

1935 erscheint Straus Hauptwerk „Vom Sinn der Sinne – Ein Beitrag zur Grundlegung der Psychologie“. Zunächst stellt er die cartesianische Auffassung von der „Körpermaschine“ als unzutreffend und die daraus folgende Entsubjektivierung der Psychologie für die Forschung als ungeeignet heraus. Denn der Mensch hat nicht einen passiven Körper und eine aktive Seele, und Empfindungen sind nicht Produkte eines weltlosen Subjekts. Wahrnehmung und Wirklichkeit sind nicht getrennt, sondern als leibliche Wesen haben wir eine Wahrnehmung, die uns als Mitglieder einer gemeinsamen Lebenswelt verbindet. Empfinden ist dann das Welterleben eines lebendigen Subjekts, jede Empfindung ereignet sich innerhalb einer unverwechselbaren Werdensgeschichte und ist fragende Zuwendung zu Menschen und Dingen. Ein Organismus mag Reize empfangen können, aber schon der Begriff „Reiz“ ist eine Abstraktion aus der umfassenden Erlebniswelt eines lebendigen Wesens. Im Rahmen seiner Kritik der „objektiven Psychologie“, die den Menschen als ein „Ding unter Dingen“ betrachtet, widmet Straus ein ausführliches Kapitel den Experimenten Iwan Pawlows (1849–1936) zur Entstehung bedingter Reflexe. Dabei hinterfragt er die Deutung der Experimente und deren Design, nicht die Ergebnisse. Ihm zufolge produzieren die Versuche „Laboratoriums-Artefakte, die das natürliche Leben von Tier und Mensch nicht nachzubilden vermöchten“. „Dressurleistungen“ eines Hundes in der „Öde“ eines Labors sind für die Psychologie aber wertlos. Die Reduktion des Psychischen auf die Physiologie ist für Straus kontraintuitiv und kennt keinen „Respekt vor den Tatsachen“. Einer naturwissenschaftlichen Psychologie, die das Gehirn unreflektiert als handelndes Subjekt einsetzt, erteilt er eine Absage: „Der Mensch kann Voraussagen machen, nicht das Gehirn. Der Mensch denkt, nicht das Gehirn. Menschen und Tiere sehen und hören, nicht aber die Netzhaut und die kortischen Organe. Erleben ist nicht eine (. . .) Zutat zu einem bewusstlos ebenso gut funktionierenden Nervensystem. Erlebende Wesen sind in einem einzigartigen Verhältnis zur Welt und können nur in einem solchen Verhältnis ihre Existenz vollbringen.“

Im Aufsatz „Die Ästhesiologie und ihre Bedeutung für das Verständnis der Halluzinationen“ (1949) stellt Straus der reduktionistischen Psychologie eine phänomenologische Sinneskunde entgegen und nennt sie „Ästhesiologie“: „Im alltäglichen Vollzug des sinnlichen Erlebens ist unser Interesse beim Gegenstand, der Welt, dem Anderen (. . .)“ Unsere Sinne haben wir demnach, um mit der Welt in Beziehung zu treten und nicht, um sie aus der Entfernung zu erkennen: „Dieses Hinausreichen über sich selbst und Hingelangen zu dem Anderen (. . .) ist das Grundphänomen des sinnlichen Erlebens (. . .)“ Untrennbar mit der Ästhesiologie verbunden ist die Kinesiologie: „Nur ein bewegliches Wesen (. . .) kann das Sichtbare in seiner Gegenständlichkeit erfassen.“

Spezifisch menschliche Wahrnehmungsfähigkeit

Was bedeutet Straus Auffassung
für den Unterschied zwischen Mensch und Tier? Ihm zufolge ist beiden gemeinsam die Welt des Empfindens, der Mensch verfügt zudem über eine spezifisch menschliche Wahrnehmungsfähigkeit. Empfindende Wesen erleben sich als Teil der Welt, in die sie hineingestellt sind. Dagegen sind Menschen „Teil der Welt und haben doch eine Beziehung zum Ganzen, wir sind in der Welt und sind zugleich ihr gegenüber“.

Mit seinem phänomenologischen Zugang zum Menschen erklärt Straus Krankheit als „Besonderung“. Dabei verzichtet er auf eine Definition von „Normalität“, mit der eine Störung verglichen werden müsste, und plädiert für ein Modell, das psychopathologische Symptome mit Bezug auf die „notwendigen Erfordernisse einer Gattung“ zu verstehen sucht. Das impliziert eine Offenheit für deren geschichtliche Bedingtheit.

In seiner Annäherung an die Zwangskrankheit verzichtet Straus auf Mutmaßungen zu ihrer Entstehung und hebt vor allem auf die Ekelgefühle der Erkrankten ab. Er sieht darin eine „Abwehr der Einung mit dem Verwesenden“. Weil das Verwesende Freiheit und Selbstständigkeit bedroht, kämpfen Zwangskranke in einer feindlichen Umwelt mittels exakter Einhaltung von Ritualen um ihr Überleben. Das Symptom Zwang ist Straus zufolge eng verknüpft mit dem Phänomen der Depression. Hier interessiert ihn vor allem das innere Zeiterleben der Betroffenen.

Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty knüpft wenige Jahre später an Straus an („Die Struktur des Verhaltens“, „Phänomenologie der Wahrnehmung“). Auch bei ihm dient die Biologie als Bezugsfeld, um die Analysen der Psychologie mit den historischen Bedingungen menschlichen Verhaltens zusammen zu bringen. Merleau-Ponty zufolge könnte eine solche Integration die Dogmen des Intellektualismus und eines behavioristischen Materialismus umgehen.

Im Unterschied zu Binswanger und von Gebsattel arbeitet Straus nicht psychotherapeutisch. Sein Werk ist vor allem theoretisch fundiert. 1928 gründet er als Mitherausgeber die Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“. Während der nationalsozialistischen Diktatur emigriert er in die USA, arbeitet an verschiedenen Universitäten und wird 1946 Direktor für Ausbildung und Forschung in Lexington, Kentucky. Nach dem Krieg führen ihn Gastprofessuren nach Frankfurt am Main und Würzburg. Auch nach seiner Emeritierung ist Straus als Hochschullehrer tätig. 1975 stirbt er in seiner Geburtsstadt Frankfurt.

Christof Goddemeier

1.
Siefer W, Weber C: Ich – Wie wir uns selbst erfinden. Frankfurt, New York: Campus Verlag 2006.
2.
Breyer T, Fuchs T, Holzhey-Kunz A (Hg.): Ludwig Binswanger und Erwin Straus. Freiburg: Verlag Karl Alber 2015.
3.
Passie T: Phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie und Psychologie. Stuttgart: Guido Pressler Verlag 1995.
4.
Rattner J: Erwin Straus. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union 1990.
1.Siefer W, Weber C: Ich – Wie wir uns selbst erfinden. Frankfurt, New York: Campus Verlag 2006.
2.Breyer T, Fuchs T, Holzhey-Kunz A (Hg.): Ludwig Binswanger und Erwin Straus. Freiburg: Verlag Karl Alber 2015.
3.Passie T: Phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie und Psychologie. Stuttgart: Guido Pressler Verlag 1995.
4.Rattner J: Erwin Straus. In: Klassiker der Tiefenpsychologie. München: Psychologie Verlags Union 1990.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema