ArchivDeutsches Ärzteblatt23/1996Stipendien und Vergünstigungen: Lernen zum halben Preis

VARIA: Bildung und Erziehung

Stipendien und Vergünstigungen: Lernen zum halben Preis

Sievers, Markus

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LNSLNS Bis zu 60 000 DM kostet ein Internatsplatz pro Jahr. Dennoch herrscht unter Pädagogen Einigkeit: Die Auswahl der geeigneten Schule soll nicht vom Portemonnaie der Eltern abhängen. Die Lösung: Stipendien oder andere Vergünstigungen.


Fast jedes Internat hat Vollstipendien, Teilstipendien oder andere Vergünstigungen für bestimmte Schüler zu vergeben. Die Bandbreite ist groß – doch grob lassen sich zwei Kategorien von Preisnachlässen unterscheiden: die erste Variante ist rein leistungsbezogen und honoriert das musikalische Talent, das soziale Engagement oder auch die naturwissenschaftliche Begabung der ausgewählten Zöglinge.
Bei der zweiten Variante stellen die Internate auf soziale Kriterien ab. Die Eltern müssen ihre Finanzen offenlegen, und wenn ihr Einkommen nicht ausreicht, kommt ihnen das Internat im Idealfall bei den Gebühren entgegen. Ulrich Teuscher, Leiter der Urspringschule in Schellklingen bei Ulm, beispielsweise betont, daß die finanziellen Möglichkeiten der Eltern für eine Aufnahme "zunächst sekundär" seien. Zwar kostet der Aufenthalt in dem renommierten Landerziehungsheim regulär 40 800 DM pro Jahr. Doch Teuscher verspricht allen interessierten Eltern: "Wesentlich für die Aufnahme ist, daß der Schüler in die Urspringschule aufgenommen werden will – und daß die Urspringschule die richtige Schule für ihn ist. Wir sind bereit, mit Ihnen, wenn Ihnen eine volle Deckung der Kosten nicht möglich ist, nach einer Regelung zu suchen." Preisnachlässe sind im Einzelfall möglich, weil die Urspringschule über ein Stiftungsvermögen verfügt, aus dem heraus Teilstipendien gewährt werden.
Laut Satzung richtet sich die Höhe der Stipendien nach dem Einkommen und der Vermögenslage der Eltern. Doch als wichtigstes Kriterium gilt, so Teuscher, "die Bereitschaft des Schülers, das Beste aus seinen Gaben zu machen und sowohl im Unterricht wie im Heimleben nach seinen Fähigkeiten auch und gerade zu den gemeinsamen täglichen Aufgaben beizutragen."


Kostenerstattung
Die Urspringschule geht aber noch ein Stück weiter. Als eines von wenigen Internaten bekennt sie sich zu einer weiteren Variante des Preisnachlasses, über die viele Schulen nur ungern sprechen: der Kostenerstattung durch öffentliche Träger. Laut Kinder- und Jugendhilfegesetz übernimmt das Jugendamt die Gebühren (oder einen Teil davon), wenn die notwendige Betreuung in der Familie nicht gewährleistet ist. Gründe können sein, daß das Kind besondere seelische Probleme hat, oder auch, daß der Vater (oder die Mutter) sich wegen der beruflichen Belastung nicht ausreichend um den Nachwuchs kümmern kann.
Dieser Form der Kostenerstattung – die Ulrich Lange von der gemeinnützigen Zentralstelle für Internatsberatung in Grünberg etwas ironisch "Jugendamt-Stipendium" nennt – haftet bei vielen Eltern noch immer ein unangenehmer Geruch an. In seiner Beratungstätigkeit macht Lange immer wieder die Er ahrung, daß Mütter und Väter fürchten, als Versager abgestempelt zu werden, wenn sie diese öffentliche Leistung in Anspruch nehmen. Hinter vorgehaltener Hand berichten Experten aber auch vom umgekehrten Verhalten – nämlich von Fällen, in denen Eltern ihrem Antrag beim Jugendamt mit Gefälligkeitsgutachten befreundeter Ärzte oder Pädagogen nachhelfen, um so die Kosten der auswärtigen Unterbringung ersetzt zu bekommen.
Lieber sprechen jedenfalls alle Beteiligten von Stipendien im klassischen Sinne – damit sind Vergünstigungen für kleine Genies, Sportasse oder Musiktalente gemeint. Diese Prämien für besonders gute Schüler dienen nicht nur dem Image, sondern helfen auch, begehrte, weil intelligente und motivierte, Kinder anzulocken. Das Internatsgymnasium Birklehof etwa vergibt – neben zahlreichen einkommensabhängigen Preisnachlässen – drei Stipendien für musikalisch begabte Zöglinge.


Stiftungen
Allerdings, so betont Danna Knesser von der Birklehof-Schule, legt das Internat Wert darauf, daß sich die Stipendiaten eine gewisse Vielseitigkeit bewahren, das heißt beispielsweise auch soziale Verantwortung übernehmen und sich in die Internatsgemeinschaft einbringen. "Wir wollen die ganze Persönlichkeit fördern, nicht nur die intellektuellen Fähigkeiten." Die Höhe des Stipendiums beträgt 32 000 DM – das entspricht etwa einem Drittel des Jahresbeitrages. Finanziert werden die Leistungsstipendien ebenso wie die anderen Kostenerstattungen durch freiwillige Mehrleistungen von Eltern, aus Stipendien von Altbirklehofern sowie aus Stiftungen, deren Kapitalerträge dafür eingesetzt werden.
Ähnlich verfahren auch zahlreiche andere Internate, so daß in bestimmten Einrichtungen ein Drittel aller Schüler eine Ermäßigung bekommt.
Doch so menschenfreundlich Stipendien, Preisnachlässe oder Zuwendungen aus öffentlichen Kassen erscheinen mögen: das Lernen zum halbem Preis hat seine Schattenseiten. Problematisch wird es – so betont Lange – immer dann, wenn minderbemittelte Familien aus falsch verstandenem Ehrgeiz ihr Kind in ein besonders teures Renommierinstitut zur Schule schicken. Nichts sei schmerzlicher, als unter Gleichaltrigen jahrelang die "Rolle des Aschenputtels" einnehmen zu müssen. Lange empfiehlt, bei der Suche nach dem geeigneten Institut in erster Linie nach einem Internat Ausschau zu halten, dessen Angebot und Atmosphäre auf die Problemsituation und Wesensart des Kindes optimal zugeschnitten sind. Erst danach sollte man prüfen, ob und wie ein Internatsaufenthalt zu finanzieren ist. Markus Sievers

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